S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle 159 Gramm

Frauen wollen plötzlich auch Menschen sein? Das ist manchem Macho zu viel. Dabei kämpfen die Chauvis dieser Welt ihr letztes Gefecht.

Eine Kolumne von


Die medial am meisten verwerteten Punkte aus der Mitte-Studie der Uni Leipzig (PDF) waren Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit. Fast übersehen wurde die breite Zustimmung, die der National-Chauvinismus in großen Teilen der Gesellschaft erfährt. Apropos Chauvinismus - auch zum ganz normalen alltäglichen Chauvinismus ließen sich wunderbar Studienergebnisse erzielen. Aber eigentlich braucht es keine Studie, um zu wissen, dass vielleicht einer der wesentlichen Gründe der Verblödung der Welt im Moment dem Umstand geschuldet ist, dass Frauen auf einmal Menschen sein wollen. Und nicht, wie lange Zeit von den Männern vermutet, Untertassen.

Eine Welle der Fassungslosigkeit, vielleicht nur mit dem Erstaunen südstaatlicher Sklavenhalter zu vergleichen, ist mitverantwortlich für den globalen Backlash, in dem wir uns gerade befinden. Was - mein Sklave will Auto fahren? Wählen gehen? Fußball spielen? Verständlich ist, dass Menschen nicht gerne irgendetwas hinterfragen. Es war ja nie einfach für Männer, die Ellenbogen, das Rudel, die Verantwortung, das Weltgeschehen zu lenken - Sie wissen schon. Sich nun aber auch noch mit weiblicher Konkurrenz aufhalten zu müssen, macht viele so fassungslos, als wolle ihr Hund (bester Freund des Mannes) auf einmal die Macht über die Fernbedienung.

Ist zwar lustig, die Rechten - Pegida, Front National, den Daesh, die Taliban, die Hools - als das zu sehen, was sie sind: ratlose Männer mit dem einen Wunsch, dass doch alles wieder werden soll wie früher. Hilft aber nicht weiter, denn sie werden böse, wenn sie ausgelacht werden, die Menschen. Da sich aber Männer so viel auf ihre mathematischen Fähigkeiten einbilden, helfen vielleicht Fakten zur Deeskalation der Lage. Ein schlaffer Penis wiegt (durchschnittlich, und bitte verzichten Sie auf die Zusendung von Fotos Ihrer Genitalien, die das Gegenteil belegen) 51 Gramm. Ist man großzügig und legt auch die Testikel auf die Waage, beträgt der Unterschied zwischen Mann und Frau immense 159 Gramm.

So, Welt, mal ehrlich - all der Scheiß wegen 159 Gramm, die Frauen fehlen? Die Männer dazu befähigen, Fußballkommentatoren, Politiker, Wissenschaftler und Familienoberhäupter zu sein? Die rechtfertigen, dass Frauen nicht in Gegenwart ihrer Männer essen dürfen, Autos lenken, ihr Gesicht unverhüllt zeigen? C'mon. Das ist doch absolut lächerlich. Viele Männer wollen in diesen Tagen mit Gewalt die Welt, wie sie sie kannten, wiederherstellen. Alle Argumente, alles freundliche Verständnis ihres Verlustes, werden mit Aggression beantwortet, gehen unter im "Wir sind das Volk"-Gegröle.

Wir sind das Volk. Das eigentlich meint: Wir Männer sind das Volk, ihr Weiber seid Untertassen. Geht häkeln, ihr Eulen, und haltet die Klappe. Kann man so formulieren, bringt nur nichts. Die Geschichte zeigt, dass es immer ein Aufbäumen vor dem Untergang alter Kulturen und Herrschaftsverhältnisse gab. Der in den letzten 50 Jahren zunehmend verunsicherte Mann glaubte, er müsse nur abwarten, die Sache mit den Frauen würde sich schon von alleine wieder beruhigen. Der Versuch, mit Gewalt oder politischen Finessen Frauen auszubremsen, ist in der Minderheit. Er stellt nicht einmal 50 Prozent der Weltbevölkerung. Er wird bedroht von seinen denkenden Artgenossen, die längst erkannt haben, wie mühevoll die alten Bilder in den Köpfen sind, wie langweilig devote Frauen, wie dumpf reine Männerbünde, und dass es uns alle braucht, um den Schaden, den die Gier an unserem Planeten angerichtet hat, zu beheben.

Sehr sicher lesen die Chauvinisten, die Frauenhasser, die Dinosaurier diese kleine Kampfschrift nicht, aber sollten sie einen kennen, richten sie ihm meine Grüße aus. 159 Gramm sind zu wenig gewichtig, um damit eine Schlacht zu gewinnen, die nur er als Kampf begreift, der simple Mann. Wir anderen machen solange weiter, mit der Weltrettung, mit der Gleichberechtigung aller, da mag er noch so lange weinen und wütend hinter dem Zaun seiner eigenen Beschränktheit sitzen und seine Testikel in der Hand wiegen - die erschreckende Wahrheit ist: Er ist eine kleine Fußnote im Lauf der Entwicklung.



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Ringmodulation 25.06.2016
1. Hinterfragen
sollte Frau Berg einmal, welcher Typ Mann unter feministischer Hetze am meisten leidet: Der "mit doch egal, ich nehm mir was ich will"-Typ, oder der aufgeschlossene, kompromisswillige, nach Dialog und Ausgleich strebende? Im Jahr 2016 kann einem dieses Problem eigentlich nicht mehr unbekannt sein, so dass ich mich frage, ob es sich bei dieser Art Frau nicht einfach um einen Menschentyp wie oben erstgenannten Männertyp handelt: "Es trifft die falschen? Mir doch egal, Hauptsache für mich springt dabei was raus."
lemmy 25.06.2016
2. Masse und Klasse
Da hat Frau Berg ja mal wieder ordentlich einen rausgehauen. Sehr amüsant, aber im wesentlichen schließe ich mich an. Aber nicht in allen Punkten, muss aber auch nicht sein. Ich finde, dass sich eher im aktuellen Zusammentreffen der Kulturen zeigt, wie extrem steinzeitlich in einigen Regionen dieser Welt das Frauenbild ist und wie patriarchalisch dort die Familie und die Gesellschaft organisiert ist. Gewalt und Angst ist nur eins dieser "Phänomene". Aber Nachbesserungsbedarf gibt es überall. Auch bei uns. War ich doch im wesentlichen etwas geschockt darüber, dass in Deutschland Frauen immer noch zwischen 20 und 30 % weniger Gehalt bekommen als vergleichbare Männer. Selbst da ist man in anderen europäischen Länder um einiges weiter und "gleicher". Wie auch immer: Germany steht nicht für Qualität. Schon lange nicht mehr. Egal vorhin ich schaue, ich sehe immer mehr "Baustellen" in diesem Land. Muss sich ändern. Eine neue Politik muss her. Ohne Merkel. Selbstverständlich.
Henry Jones Jr. 25.06.2016
3. Der Feminismus hat seine Ziele überlebt
Ich glaube kaum, dass sich viele Männer von Ihrer Kampfschrift angesprochen fühlen werden. Gibt's solche Männer wirklich? Klar, die mit 156gramm gibt's. Aber ich meine die Männer die Frauen als Untermenschen sehen - die sind doch ein Randphänomen. Vielleicht bewege ich mich in den falschen Kreisen, aber mir sind solche Typen noch nie untergekommen. Hm, vielleicht fühlen Sie sich von mysogynen Chauvinisten angezogen und verbringen zuviel Zeit in deren Gesellschaft? Sie können doch ausserhalb ihres Bettes dennoch die Gesellschaft normaler Männer suchen. Die werden feministischen Anwanslungen zwar auch skeptisch gegenüberstehen, aber dass nur, weil sie nicht glauben können, dass Frauen noch diskriminiert werden und mit diesem Einwand haben sie vermutlich Recht. Ich würde allen Feministinen raten sich ein neues Steckenpferd zu suchen. Wir leben in der PostFrauendiskriminierungsmoderne.
taglöhner 25.06.2016
4. Sexuelle Selektion, Extended Phenotype und wo die Liebe hinfällt
Ohne sich mit Evolutionsbiologie zu befassen, kommt Sie da nicht weiter, Frau Berg. Nicht allein, um die Herkunft des Status Quo besser zu verstehen, sondern um sich des Umfangs der Mechanismen bewusst zu werden, die Sie weltweit beeinflussen müssen, um ihn zu ändern. Intuitiver geht es auch, nämlich wenn man eigene Kinder, idealerweise beiderlei Geschlechts hat. Insbesondere lernt man da, ob und wie Repressionsmechanismen dafür erfolgsversprechend sind. Dass ein Teil der Frauen angesichts des Scheiterns einer alternativen weiblichen Mating-Strategie auf den Repressionsapparat Staat setzt, ist auch nur eine Variante des Instrumentalisierens von Alpha-Männchen. Ohne die Anspruchshaltung von Madame kein Hader um Besitz, kein Krieg, keine Technologie. Nur Fußball, Bier und Angeln.
Mesi0013 25.06.2016
5. Entarteter Feminismus
Leider fühlen sich ein paar wenige Feministinnen berufen und meinen in einer selbstherrlichen Arroganz für die Mehrheit der Frauen zu sprechen. Ein Großteil der Frauen, so meine Lebensrealität, fühlt sich in keinster Weise auch nur irgendwie benachteiligt und sieht das entspannt und gesellschaftlich verträglich als gemeingeschlechtliche Gesamtaufgabe. Ich beobachte leider auch die Entartung der hyperkorrekten Frauenförderung. In manchen Großkonzernen ist bei Führungskräften als Ziel vereinbart den Frauenabteil deutlich zu heben. Geeignete Frauen mit deutlicher Bereitschaft zur Lebenszeitinvestition sind Mangelware. Aus der Not heraus werden verfügbare Frauen auf Positionen gebracht, denen sie nicht gerecht werden können. Männer, die eigentlich für die Positionen vorgesehen gewesen wären bekommen entsprechendes 'Schweigegeld'. Die entstehenden Konflikte sind enorm, auch unter den Frauen, da die wirklich leistungsbereiten ihren Aufstieg auch so vollzogen hätten aber nun der Nimbus anhaftet protagiert worden zu sein. Erschreckend welche Verzerrungen wir mittlerweile haben obwohl der Großteil der deutschen Bevölkerung nirgends ein Problem sieht, aber homäopathische Bevölkerungsanteile die Meinungsherrschaft an sich gerissen haben. Es geht nicht mehr um Gleichberechtigung, es geht doch nur noch darum, sich die Sahnestücke an der Torte zu sichern, lüge es, was es wolle z.B. Gender Pay Gap. Familie als althergebrachtes Gesellschaftsmodell musste bekämpft werden. In Sinne einer 'Familienzufriedenheit' wäre es angebracht sich auch um Männer zu kümmern ('Überstunden sind männlich'). Hier könnte man viel erreichen und ein Großteil der Bevölkerung würde profitieren. Stattdessen wird mit Lügen und Halbwahrheiten nicht mehr nachvollziehbare Minderheitenpolitik betrieben.
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