Sprachkritik "Anti-Abschiebe-Industrie" ist das Unwort des Jahres 2018

Sprachwissenschaftler haben das Unwort des Jahres bekannt gegeben: Sie entschieden sich für "Anti-Abschiebe-Industrie". Der CSU-Politiker Alexander Dobrindt hatte den Ausdruck verwendet.

Die Linguistikprofessorin und Jurysprecherin Nina Janich
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Die Linguistikprofessorin und Jurysprecherin Nina Janich


In der Debatte über eine schnellere Ausweisung abgelehnter Schutzsuchender hatte Dobrindt gesagt: "Es ist nicht akzeptabel, dass durch eine aggressive Anti-Abschiebe-Industrie bewusst die Bemühungen des Rechtsstaates sabotiert und eine weitere Gefährdung der Öffentlichkeit provoziert wird." Damit sorgte er für eine heftige Diskussion. Nun kürte die Jury den Begriff "Anti-Abschiebe-Industrie" zum Unwort des Jahres.

"Eine solche Äußerung von einem wichtigen Politiker einer Regierungspartei zeigt, wie sich der politische Diskurs sprachlich und in der Sache nach rechts verschoben hat und sich damit auch die Sagbarkeitsregeln in unserer Demokratie auf bedenkliche Weise verändern", sagte Jurymitglied und Linguistikprofessorin Nina Janich. Der Ausdruck "Industrie" suggeriere zudem, dass dadurch überhaupt erst Flüchtlinge "produziert" würden.

Außerdem kritisierte die Jury "Menschenrechtsfundamentalismus" als zynischen Ausdruck von Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer. Er hatte ihn in der Diskussion über die Seenotrettung von Flüchtlingen aus dem Mittelmeer verwendet. Auch das im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD auftauchende Wort "Ankerzentrum" sei ein Unwort, da es in dieser Schreibweise eine positive Assoziation des Begriffs "Anker" ausnutze. Tatsächlich ist Anker eine Abkürzung für "Ankunft, Entscheidung, kommunale Verteilung beziehungsweise Rückführung".

Die Aktion "Unwort des Jahres" gibt es seit 1991. Sie sitzt in Darmstadt und bezeichnet sich als sprachkritische Initiative, die "Grenzen des öffentlich Sagbaren in unserer Gesellschaft anmahnen" will. Die Unwort-Jury besteht im Kern aus vier Sprachwissenschaftlern und einem Journalisten. Für 2017 entschied sie sich für den Begriff "Alternative Fakten", geprägt von der damaligen Trump-Beraterin Kellyanne Conway.

Zum Unwort des Jahres 2016 war "Volksverräter" gewählt worden, 2015 "Gutmensch", 2014 war es die Parole "Lügenpresse". Alle drei Begriffe werden vor allem vom rechten und rassistischen Bündnissen und Menschen genutzt. Im Jahr 2013 war "Sozialtourismus" das Unwort, davor "Opfer-Abo" (2012) und "Döner-Morde" (2011).

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Hier finden Sie die zehn am häufigsten bei der Jury eingesendeten Begriffe. Nicht alle entsprechen zwingend deren Kriterien.

Neben dieser Jury wählt davon getrennt die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) in Wiesbaden das Wort des Jahres.

brs/dpa

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