Luftfotograf Rose "Wenn man abstürzt, dann direkt in die Leute"

Er stellt sich auf das Trittbrett eines Helikopters und macht Fotos aus 200 bis 300 Metern Höhe. Der Belgier Antoine Rose fängt Strände, Skigebiete und Großstädte von oben ein: Aus Menschen werden so bunte Muster.

Antoine Rose

SPIEGEL ONLINE: Herr Rose, sind Sie ein Voyeur?

Rose: Ja, ich fühle mich schon ein bisschen so. Ich fliege in 200 bis 300 Metern Höhe über Menschen hinweg, die sich gerade am Strand sonnen, und mache Fotos von ihnen. Manchmal werde ich aber auch zum Voyeur, obwohl ich es gar nicht will. Einmal habe ich Bilder von einem Strand in Miami gemacht und erst bei der Bildbearbeitung gemerkt, dass da alle nackt waren. Ich hatte aus Versehen einen FKK-Strand fotografiert.

SPIEGEL ONLINE: Und hat sich jemand über das Bild beschwert?

Rose: Einige Zeit später war das Foto in Miami ausgestellt. Da standen ganz schön viele Leute davor, vielleicht, weil es die amerikanische Zugeknöpftheit und Prüderie so schön kontrastiert. Auf der Vernissage waren sogar zwei Leute, die sich auf dem Bild wiedererkannt haben.

  • Antoine Rose
    Antoine Rose, 39, hat sich das Fotografieren selbst beigebracht. Mit der Serie "Up in the Air" begann er 2002, als er die Kitesurfing-Weltmeisterschaften in Rio de Janeiro fotografierte. Rose ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Belgien.
SPIEGEL ONLINE: Wie haben die zwei reagiert?

Rose: Die haben sich gefreut. Aber das Foto haben sie nicht gekauft.

SPIEGEL ONLINE: Was gibt es denn noch so Spannendes aus der Luft heraus zu entdecken?

Rose: Ich sehe viele Surfer und Segelboote. Und in Miami habe ich auch Kreuzfahrtschiffe entdeckt. Die sind tatsächlich riesig. Ich finde das unvorstellbar, dass da wirklich Tausende Menschen draufpassen. Demnächst will ich auch Strände in Asien fotografieren, um zu dokumentieren, wie unterschiedlich die Strände je nach Land oder Kontinent aussehen können. Ich habe gehört, dass es in Asien auch noch Erwachsene gibt, die nicht schwimmen können und deswegen Schwimmflügel anhaben. Das sieht bestimmt interessant aus.

SPIEGEL ONLINE: Wie wählen Sie Ihre Motive aus?

Rose: Ich suche nach schönen Kontrasten. Bei den Strandbildern zum Beispiel spielen nur zwei Elemente eine Rolle: das ruhige oder raue blau-grüne Meer und der Strand, mit den Leuten, die sich sonnen, mit ihren Sonnenschirmen, Strandtüchern und Handtüchern. Diese Dinge ergeben eine gute Mischung aus natürlichen und industriellen oder künstlichen Farben.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihren Bildern sieht man auch oft Strände, an denen die Sonnenschirme alle dieselbe Farbe haben.

Rose: Das ist meist in Miami so. Dort gibt es so viele Hotelstrände, und die Sonnenschirme spiegeln eben die Marke und das Ansehen des Hotels wider. Durch die Distanz aus der Luft erscheinen diese Elemente wie kleine geometrische Formen oder Puzzleteile, die sich im weiß-gelblichen Sand verteilen oder wie Punkte auf einem großen Stück Stoff. Durch diese Darstellungsweise sehen die Landschaften aus wie abstrakte Gemälde.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die Menschen auf Ihren Fotos?

Rose: Ich finde, dass die Leute auf meinen Bildern manchmal so wirken wie in einem Schaufenster oder auch einem Insektarium. Sie präsentieren sich wie hedonistische Herden, dabei sehen sie aus der Vogelperspektive neben den Wassermassen aus wie unwichtige Punkte im unendlichen Raum des Universums,

SPIEGEL ONLINE: Beschweren sich diese unwichtigen Punkte eigentlich gar nicht über den Lärm, den Sie mit dem Helikopter machen?

Rose: Viele bemerken einen gar nicht, andere grüßen freundlich. Einmal habe ich gesehen, wie uns ein Rettungsschwimmer auf seinem Stuhl angeschaut hat und seine Muskeln präsentierte. Der muss sich gefühlt haben wie ein König am Strand. Ich stehe ja außen am Helikopter, da sehe ich, wenn mich Leute anschauen. So ewig will ich mich aber nicht über den Leuten aufhalten, das nervt sie bestimmt auch irgendwann.

SPIEGEL ONLINE: Wie lang sind Sie für ein Shooting in der Luft?

Rose: Wir fliegen eine bis eineinhalb Stunden. Das hängt davon ab, ob ich interessante Szenen, Farben oder Kompositionen entdecke. Aber auch die Windbedingungen spielen eine Rolle. Wenn es sehr windig ist, dann ist es schwer, gute Fotos zu machen.

SPIEGEL ONLINE: Was kostet so ein Shooting?

Rose: Mit einem Helikopter, der zwei Turbinen hat, zahlt man etwa 3000 Dollar pro Stunde. Hat er nur eine Turbine, dann kostet es zwischen 1200 und 1500 Dollar pro Stunde. Man kann zwar auch günstiger mieten, aber dann kann man nicht draußen stehen. Wenn ich in New York fotografiere, dann versuche ich immer, ein Unternehmen zu finden, das etwas außerhalb ist, die sind meist etwas günstiger. In Manhattan muss man manchmal schon 400 Dollar zahlen, nur um eine Landeerlaubnis zu bekommen. Wenn man dann noch die Tür aushängen lassen will, bezahlt man allein dafür 250 Dollar.

SPIEGEL ONLINE: Wovon hängt es ab, ob man eine Flugerlaubnis bekommt?

Rose: Meist davon, wie stark der Verkehr in der Luft ist. In jedem Land ist das auch unterschiedlich. In der Schweiz hatten wir die größten Schwierigkeiten. Man muss eben vorsichtig sein, es sind ja immer Leute unter mir, wir fliegen tief und langsam. Wenn man da abstürzt, dann direkt in die Leute hinein. Einmal hat uns auch ein Polizeihubschrauber verfolgt.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Rose: Wir sind über Manhattan etwas zu niedrig geflogen. Das haben sie uns über Funk mitgeteilt.

SPIEGEL ONLINE: Und Sie sind gelandet?

Rose: Ja. Wir hatten zwar nichts Illegales getan, wollten uns aber auch nicht mit den New Yorker Cops anlegen.

SPIEGEL ONLINE: Immer mehr Menschen nutzen Drohnen, um aus der Luft Fotos zu machen. Denken Sie auch darüber nach, Drohnen zu nutzen?

Rose: Drohnen können nicht so lange in der Luft bleiben, vielleicht so 20 Minuten, dann ist der Akku leer. Außerdem finde ich sie ziemlich gefährlich. Wir wären fast einmal mit einer Drohne zusammengestoßen. Wenn sie in die Flügel des Helikopters gekommen wäre, dann hätten wir abstürzen können. Und neulich habe ich gelesen, wie ein junger Mann, der eine Drohne bedient hat, gestorben ist. Die Flügel haben ihm den Kopf abgetrennt.

Das Interview führte Kristin Haug für das Fotoportal seenby

insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
sonicprisma 06.10.2014
1. Schöne Fotos
Nicht spektakulär aber schön. Der Ersteller der Fotostrecke hat dagegen offensichtlich keine Lust gehabt. "Antoine Rose macht gerne Fotos aus der Distanz". Ach so, wär ich jetzt nicht drauf gekommen. "Skifahrer in den Hamptons", auf der Website des Fotografen ist nachzulesen dass es sich in Wahrheit um Schlittschuhfahrer im New Yorker Central Park handelt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.