Uraufführung in Berlin Akademisch, angepasst, arbeitslos

Der Dramatiker Christoph Nussbaumeder wurde gefeiert für die Wiederbelebung des kritischen Volksstücks in Kroetz-Tradition. Nach Handwerkern und Arbeitern wendet er sich nun dem akademischen Prekariat zu - allzu larmoyant?

Jan Langenheim

Von Judith Liere


Die Frau ist unglücklich. Sehr unglücklich. Und auch ein bisschen selbstmitleidig. Sitzt da, einsam an ihrem Schreibtisch in ihrer Berliner Wohnung, trinkt Rotwein aus der Thermoskanne und denkt nach, was in ihrem Leben eigentlich schief gelaufen ist. 30 Jahre alt, abgeschlossenes Studium der Kunstgeschichte, zwei Jahre herumgereist und eine gescheiterte Beziehung - ein typischer Lebenslauf ihrer Generation, und typisch auch das Fazit, das sie beim Blick auf ihr bisheriges Leben zieht: "Es hat mir nichts gebracht, alles eigentlich richtig gemacht zu haben."

Der Dramatiker Christoph Nussbaumeder, Jahrgang 1978, nimmt sich in seinem Monolog "Meine gottverlassene Aufdringlichkeit", der am 18. September in der Regie von Bernarda Horres an den Sophiensälen Berlin uraufgeführt wird, einer klassischen Vertreterin des modernen Prekariats an: überdurchschnittlich ausgebildet, unterdurchschnittlich bezahlt und orientierungslos. "Ich habe nie gedacht, dass es so anstrengend wird, wenn einem alles offen steht", sagt sie im Stück.

Ein Thema, das schon seit längerem diskutiert wird und vor einigen Jahren einmal unter dem Label "Generation Praktikum" durch die Medien ging. Ein Begriff, den Nussbaumeder aber nicht leiden kann: "Ich denke, dass dieses Label so vehement in die Welt gesetzt wurde, um diese Menschen durch schlechtes Gewissen zu domestizieren. Bei diesem Begriff schwingt ja auch immer mit, dass man sich von Mami und Papi aushalten lässt und im Grunde zu faul sei oder zu feierlustig, um selbst auf eigenen Füßen zu stehen. Es gibt immer mehr Akademiker, vor allem Geisteswissenschaftler oder Absolventen aus künstlerischen Bereichen, die mit ihrem selbsterwirtschafteten Geld nicht über die Runden kommen - und das noch Jahre nach ihrem Hochschulabschluss. Die Scham, darüber zu sprechen, ist sehr groß, man gilt als gescheitert, man wird schnell als Versager etikettiert."

Nussbaumeder als neuer Vertreter des kritischen Volksstücks

Damit ist die namenlose junge Frau aus seinem aktuellen Stück eine typische Nussbaumeder-Figur. Der Autor wird seit seiner Entdeckung durch den Theaterbetrieb 2004 als der neue Vertreter des kritischen Volksstücks gefeiert, als Nachfahre von Marieluise Fleißer, Franz Xaver Kroetz und Martin Sperr genannt. Seine gesellschaftskritischen Stücke, aufgeführt an den großen Häusern von den großen Regisseuren, werden oft von Handwerkern, Arbeitern und Kleinbürgern bevölkert, die mit der kapitalistischen Ausbeutung zu kämpfen haben. Die schlecht bezahlte Kunsthistorikerin, die keine feste Stelle bekommt, weil sie eine "Lücke" im Lebenslauf hat, passt da also gut rein.

Doch: "Besser ein Knick im Lebenslauf als im Rückgrat", denkt sich die junge Frau - leider versinkt sie schnell wieder in der Klage. "Sie führt ja ein Leben, bei dem sie kaum Anerkennung für ihre geleistete Arbeit bekommt", verteidigt Nussbaumeder seine Figur. "Mangelndes Selbstwertgefühl, Scham, Liebesunfähigkeit - das hängt alles zusammen in unserer kapitaldominierten Welt, das eine bedingt das andere und hat erhebliche Auswirkungen auf die Psyche." Statt richtig kämpferisch zu werden, hängt die Frau lieber der naiven Vorstellung einer guten, alten Zeit nach, als die Menschen noch mit den Händen gearbeitet haben und weniger Muße hatten, ständig auf Sinnsuche zu gehen: "Mir ist nach Schwitzen bei der Arbeit und nicht nach Brüten", sagt sie.

Regisseurin Bernarda Horres und Schauspielerin Anna Eger benutzen Christoph Nussbaumeders Monolog als Material, das sich bis zur Premiere noch verändern kann. Der Autor vertraut ihnen: "Ich bin nur teilweise dabei, halte mich eher zurück. Sie treiben gegenwärtig der Sache den Larmoyanzverdacht aus." Das klingt nach dem richtigen Ansatz für diesen Text.


Meine gottverlassene Aufdringlichkeit. Uraufführung am 18.9. in den Sophiensälen Berlin. Auch am 19. und 20.9., Tel. 030/283 52 66.



insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
eva_novna 12.09.2012
1.
... das wurde ich auch häufig gefragt, als ich mit meinem geisteswissenschaftlichen Studium begann. Dazu war ich auch noch die erste aus meiner (Arbeiter-) Familie, die überhaupt studieren ging "Warum nicht Jura? Oder Medizin? Warum willst Du nicht wenigstens Lehrerin werden?" Ständig musste ich mich rechtfertigen, dass das was ich tue eben keinen spezifischen Beruf ausmacht, habe aber mit akademischen Floskeln geantwortet (und mich selbst damit beruhigt) dass man im Prinzip vieles werden kann. Nach dem Studium dauerte er schließlich noch ein ganzes Jahr, bis ich endlich einen festen Arbeitsvertrag in den Händen hielt... jedoch in einer Branche, für die ich hätte nie studieren brauchen. Und trotzdem bin ich am Ende Happy ohne Ende - denn es gibt ein Happyend!
GordonShumway 12.09.2012
2. Klingt nach einem guten Stück!
Dieses Stück spricht sicher vielen tatsächlichen Endzwanzigern und Anfangdreissigern aus der Seele. Wir klagen das gleiche Lied, trauen uns aber vor Scham eben selten, es lautstark zu singen. Durch die Resonanz, die das Stück in mir und sicher vielen anderen meiner Generation erzeugt, gilt der Vorwurf der Larmoyanz im übertragenen Sinne auch für ebenjene Generation der überdurchschnittlich gebildeten. In unserer "kapitaldominierten Welt" darf man Misserfolg scheinbar eben doch nicht zugeben oder ansprechen, auch wenn man eigentlich alles richtig gemacht hat. Ich schäme mich aber nicht mehr, sondern werde kämpferisch und traue mich.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.