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27. Januar 2014, 10:39 Uhr

"Urfaust" am Hans-Otto-Theater

Rock Ju Göthe 

Von Christine Wahl

Von wegen "Fack ju Göthe". In Potsdam hat Alexander Nerlich einen großartigen "Urfaust" inszeniert, bei dem Gelehrte in Techno-Schuppen abhotten. Und das Beste daran: Sogar Alt-Goetheaner kommen auf ihre Kosten.

Wie ein Wissenschaftsguru, der uns erklären will, "was die Welt im Innersten zusammenhält", sieht Doktor Faust am Potsdamer Hans-Otto-Theater nicht aus. Eher haben wir es mit einem Jeans- und Sweatshirt-Träger aus dem akademischen Prekariat zu tun, für den Scheitern und Sinn-Mangel so selbstverständlich zum Job-Profil gehören wie Audimax und Uni-Bibliothek. "Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor", feixt Faust-Darsteller René Schwittay zynisch hinter seinem Bücherstapel hervor und macht dazu ein Gesicht, als träfe ihn diese Erkenntnis mindestens dreimal täglich.

Irgendetwas ist diesmal allerdings anders. Die bis dato schwarze Rückwand von Fausts Gelehrtenbude wird - grandioser Effekt - plötzlich transparent und gibt den Blick auf einen Kollegen frei, der dem Nullachtfünfzehn-Akademiker nicht nur zum Verwechseln ähnlich sieht, sondern auch jede seiner Bewegungen doppelt. Der Kumpel heißt Mephisto und wird im Folgenden all das tun, wovon der Biedermann Faust bestenfalls mal in seinen politisch unkorrektesten Alpträumen phantasiert haben dürfte: Kneipen-Prügeleien anzetteln, jungfräuliche Teenager verführen und deren Mütter vorher mit Schlafmitteln außer Gefecht setzen. Holger Bülow spielt ihn als zielstrebig- abgründigen Verführer, der den Doktor kurzerhand ruhigstellt und seine Rolle übernimmt, sobald der sich mal wieder mit lästigen Moralvorstellungen selbst im Weg steht.

"Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust": Diesen Faustischen Stoßseufzer macht der 34-jährige Regisseur Alexander Nerlich zum zentralen Motiv seiner höchst bemerkenswerten "Urfaust"-Inszenierung. Ebenso intelligent wie originell geht es hier 110 Minuten lang um Doppelungen, Projektionen und Komplementärbilder. Denn nicht nur Faust und Mephisto unterhalten eine Beziehung wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Sondern auch die exzessive Party in Auerbachs Keller, der es in Potsdam übrigens locker mit den angesagtesten Berliner Techno-Schuppen aufnehmen kann, bildet quasi das dionysische Kontrastprogramm zur Unschuldswelt des frommen Gretchens.

In deren Kinderzimmer - einem Kasten, der wie ein Puppenstube aufs Szenario gefahren wird -, hängen die Madonnenbilder überm Bett wie bei post-goetheanischen Teenagern die Justin-Bieber-Poster. Und Gretchens frühemanzipierte Nachbarin Marthe (Meike Finck), die sich bei ihren einsamen Champagner-Besäufnissen am eigenen Spiegelbild berauscht, verkörpert als Dessous-Diva im Fifties-Stil zudem das weibliche Gegenbild zur Heiligen Grete (toll: Zora Klostermann) im züchtigen Kniestrumpf-Look.

Nerlich hat Goethes "Urfaust" unangestrengt ins Heute übertragen

Clever ist diese Regie-Idee gleich aus mehreren Gründen. Zum einen sichert sie der Uralt-Geschichte um den burnout-verdächtigen Geisteswissenschaftler in der Midlife-Crisis auf bemerkenswert unverkrampfte Weise die philosophische Tiefendimension. Gerade weil sich Nerlich für den "Urfaust" entschieden hat - Goethes frühen "Faust"-Entwurf, in dem der spätere Germanisten-Klassiker zwar schon deutlich angelegt ist, aber just die intellektuellentauglichsten Momente wie der Teufelspakt oder Fausts Verjüngung in der Hexenküche noch nicht auftauchen.

Zum Zweiten entsteht beim Trip durch diese Spiegel- und Gegenwelten der Eindruck eines postmodernen Milieu-Hoppings, das den fragmentarischen Charakter von Goethes "Urfaust" unangestrengt ins Heute überträgt: Diese ganzen einsamen, grundverzweifelten Gestalten, die ihren abhanden gekommenen Lebenssinn hier wahlweise beim Keller-Rave, im Schampus wie Frau Marthe oder eben wie Gretchen in strenger Religionsausübung suchen, kommen einem ziemlich bekannt vor.

Einen Riesenanteil am Erfolg dieser Inszenierung hat Wolfgang Menardis Bühnenbild, ein Szenario von enormer Raumtiefe, das kongenial zwischen düsterem Gelehrten-Bunker und hipper, unsanierter Fabriketage mit abgerockten Ost-Waschbecken changiert: Gerade so zeitlos wie möglich und so modern wie nötig.

Mit scheinbar völlig leichter Hand gelingt Nerlich, der früher Hausregisseur am Bayerischen Staatsschauspiel München war und in Potsdam bereits seine zweite Inszenierung vorstellt, hier tatsächlich etwas sehr Seltenes: Der Abend wirkt unverstaubt und auf eine Art zeitgenössisch, die niemals präpotent kraftmeiernd, dümmlich oder aufgesetzt daherkommt. Von wegen "Fack ju, Göthe": In Potsdam hat der 265 Jahre alte Mann uns erstaunlich viel zu sagen!


Johann Wolfgang Goethe: "Urfaust"; Regie: Alexander Nerlich; Nächste Vorstellungen im Hans-Otto-Theater Potsdam am 01., 02. Februar und 12. Februar, Karten unter Telefon 0331/98118.

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