US-Kosmonaut Dennis Tito "Der Traum vom Weltraumtourismus ist erst mal ausgeträumt"

Der amerikanische Multi-Millionär Dennis Tito war der erste kommerzielle Tourist im Weltraum. Nach der "Columbia"-Katastrophe ist von Urlaubsflügen ins All keine Rede mehr. Daheim in L.A. widmet sich Tito derweil der Niederschrift seiner teils kuriosen Abenteuer als US-Kosmonaut.
Von Helmut Sorge

Aus 120 Meilen Höhe, ungefähr die Entfernung zwischen Dresden und Berlin, hatte der Weltraumflieger das Teleobjektiv seiner Nikon-Kamera im April 2001 auf Südkalifornien gerichtet. In der Vergrößerung entdeckte er später sogar seine Villa. Übertreibung? Dennis Tito ist zwar italienischer Abstammung und italienischen Opern zugeneigt, gleichwohl ist er nicht Phantast, sondern Pragmatiker. Sein Anwesen, hoch oben auf einem Hügel der feinen "Pacific Palisades", L.A., ist so eine Art Versailler Schloss "made in California" - Kronleuchter und Beton, Kamin und Körperkultur. Der Hausherr blickt über das Panorama von L.A. und herab auf Villen von Arnold Schwarzenegger und vergleichsweise ähnlich armen Hollywood-Figuren.

Dennis Tito ist in Queens, New York, aufgewachsen, in bescheidenen Verhältnissen, Vater Drucker, Mutter Schneiderin. Er ist der personifizierte amerikanische Traum - mit seinem Investment-Unternehmen, "Wilshire Associates", verwaltet er Trillionen (Dollar), wegen seines "Wilshire 5000 Total Market Index", Aktien-Analysen, ist Tito als globaler Börsen-Guru hochgeschätzt. Seine Villa wird von Immobilienmaklern auf "mindestens 30 Millionen Dollar" geschätzt. Sein Häuschen hat Tito auf einer Bergkuppe errichtet, umgeben von einer Laufbahn, die er für seine Leibesübungen anlegen ließ, olympische Maße versteht sich. Tito selbst erreicht gerade mal die Größe Napoleons, so um 1,67 Meter. Nur - der US-Entrepreneur ist nicht Grandeur und dem Größenwahn verfallen wie der kleine Kaiser, sondern bescheiden geblieben, ein kultivierter Mann, an dessen schwarzem "Steinway"-Flügel gelegentlich Placido Domingo spielt und Schönes aus Opern singt - kostenlos.

Denn Tito ist ein Gönner des örtlichen Musiktheaters, selten verpasst er eine Vorstellung. Vor wenigen Tagen hat er seine Opernfreunde auf seinen Berg gebeten, eine halbe Hundertschaft, hat einen Bariton und eine Sopranistin singen, Kaviar auf Sauercreme und Lachs servieren lassen und von seinem Weltraumabenteuer, anno 2001, erzählt: Acht CDs hat er sich von den Musikexperten der Oper bespielen lassen, die schönsten Opernlieder der Geschichte. Selbst als er schwerelos in der Weltraumstation schwebte, hörte er "Aida" über seine Kopfhörer, die Liebenden Aida und Radamès vereint im Tod: "Der Himmel öffnet sich uns, und unsere irrenden Seelen fliegen zum Strahl des ewigen Lichtes."

Dennis Tito hatte sich mit seinem Himmelsflug einen Traum verwirklicht, der ihn seit Jugendzeiten verfolgt - seit ein sowjetischer Satellit namens "Sputnik" Amerika 1957 aus der Lethargie riss und John F. Kennedy zum Propagandisten der Mondexpedition machte. Der Junge aus dem ärmlichen Einwandererviertel verfolgte, wie vier Jahre später der Sowjet-Kosmonaut Jurij Gagarin als erster Mensch in seiner Kapsel im All schwebte, und entschloss sich, auch seine Phantasien in die Wirklichkeit umzusetzen: Er wurde Raumfahrt-Ingenieur und arbeitete im Jet Propulsion Labaratory in Pasadena, Kalifornien, an den Planungen für Venus- und Marsexpeditionen.

Über sein Leben - vom Mars zu seinen Milliarden, hinauf zu den Sternen und zurück - schreibt Tito derzeit ein Buch. Er allein, ohne den üblichen Ghostwriter. Kein Verleger kann einen solchen Autor drängen, kein Vorschuss ihn locken, bis morgens um vier Uhr an seinem Computer zu hocken. "Ich will ein nachdenkliches Werk", sagte Tito gegenüber SPIEGEL ONLINE, zumal er nach der Columbia-Katastrophe vom 1. Februar weiß: "Der Traum vom Weltraumtourismus ist erst mal ausgeträumt." Astronaut Buzz Aldrin, 73, der 1969 die "Lunar Module", die Mondfähre, landete, und nach Neil Armstrong in den Mondstaub trat, stimmt seinem Freund Tito zu. "Über Jahre wird sich da nichts mehr abspielen." Der Grund, so Aldrin, dessen Stiftung ShareSpace den Weltraumtourismus fördern wollte, ist einfach: "Kein Platz mehr für Zivilisten."

Für den nächsten Shuttle-Flug hatte die Nasa beispielsweise jene Lehrerin eingeplant, die als Ersatz für ihre Kollegin Christa McAuliffe für den Weltraumeinsatz vorbereitet worden war. Sie beobachtete vom Boden aus, wie die "Challenger" 1986 nur Sekunden nach dem Start explodierte. Ihre eigene Reise bleibt ein Traum. Die Shuttle-Flotte der Nasa nämlich bleibt, auf unbestimmte Zeit, am Boden. Mit ihren unbemannten "Progress"-Raumschiffen sollen die Russen die Weltraumstation ISS versorgen; in diesem Jahr sind vier Flüge eingeplant. Die Versorgungssituation in der für sieben Astronauten eingerichteten Station ist so prekär, dass Ende April die derzeit dreiköpfige Crew lediglich durch einen US-Astronauten und einen Kosmonauten ersetzt wird - die All-Bewohner werden für wissenschaftliche Experimente kaum noch Zeit finden, sondern allein die Existenz der Weltraumstation sichern.

Mit einem der Heimkehrer, dem Shuttle-Veteranen Kenneth Bowersox, hat US-Kosmonaut Tito sich im russischen Weltraumzentrum "Star City" für seinen Einsatz physisch vorbereitet - die Amerikaner joggten in der bitteren Kälte, die russischen Kollegen schwitzten in der Sauna. "Ich hatte einfach Glück", weiß Tito, "dass ich fliegen konnte. In der heutigen Situation wäre es unmöglich." Kein Geld der Welt würde daran etwas ändern. Tito macht sich keine Illusionen, die Zustimmung der Sowjets, ihn vor zwei Jahren als Passagier zu akzeptieren (gegen den Willen der Nasa) hat "zum großen Teil mit meiner Brieftasche zu tun". Mehr als 20 Millionen Dollar soll das Ticket für die "Sojus"-Reise gekostet haben.

Tito will dazu "aus vertraglich vereinbarter Diskretion" nichts sagen. Sicher aber ist: Selbst wenn der Weltraumtourist nur "über 20 Millionen und drei Dollar" verfügt und die Passage 20 Millionen gekostet hätte, wäre er geflogen. Er wäre bereit gewesen "den Rest meines Lebens von der Sozialfürsorge zu leben". Derart getrieben war er von seinem Traum, dass selbst der Tod ihn nicht schrecken konnte: "Ich war 60 und hatte ein erfülltes Leben hinter mir." Nur ein Lebenswunsch war übrig geblieben: das Weltall. Seine drei Söhne beobachteten wie die Sojus-Rakete abhob, vereint in einem Gedanken: "So unglaublich ist er eben, unser Papa." Freunde von ihm glaubten in Tito einen der Charaktere aus dem Hollywoodstreifen "Space Cowboys" zu erkennen - betagte Veteranen (Clint Eastwood, Tommy Lee Jones und Donald Sutherland) starten zu einer Mission ins All, weil nur sie ein Drama verhindern können; ihre Gesichter sind vom Leben gegerbt, die Schläfen ergraut, der Blutdruck vom süßen Leben strapaziert, aber tapfer sind sie, verwegene US-Boys eben.

Dabei war Tito nicht ganz der erste Tourist im Weltall. Eine japanische Fernsehgesellschaft hatte bereits 1990 für 28 Millionen Dollar einen Journalisten ins All expediert. Tito war auch nicht der älteste - John Glenn, Apollo-Veteran, war 77 Jahre alt und US-Senator, als die Nasa-Kameraden ihn noch einmal in den Himmel hoben. Nur: Tito war der erste Tourist, den allein das Abenteuer lockte und sonst nichts. Der Weltraumtourist hat sich "nicht einfach angeschnallt" in der engen Raumkapsel und befohlen: "Nun mal los", auf zu den Sternen, der 60-Jährige musste - wie ein Hochleistungsathlet - einem rigorosen Trainingsplan folgen. Sowjetische Weltraum-Veteranen bereiteten ihn auf das Dasein in der Schwerelosigkeit vor, übten mit ihm im Raumanzug und bereiteten ihn auf den Katastrophenfall vor.

In "Star City" trainierte Tito täglich, acht Monate lang. Der Multi-Millionär putzte seine Zwei-Zimmer-Wohnung, kochte, wusch seine Wäsche - ein Leben, das ihn, wie er sagt, "in seine Jugend zurückversetzte". Wie damals, als er Spanisch lernen sollte und durchfiel, wurde auch sein Russisch-Studium ein Misserfolg. "Horosho", kann er sagen, "okay". Der Kommandeur des Weltraumzentrums, war ebenfalls kein Mann der polyglotten Art. Sein Englisch beschränkte sich auf "businessman" und "bottoms up", "Prost" also. Letztlich entschieden sich die Sowjets dazu, die Sprachenbarriere zu überwinden - sie setzten eine englischsprachige Crew ein. Die Frage, ob der Amerikaner schwindelfrei sein würde, klärten die Sowjets mittels "Unmengen von Wodka", die Tito mit ihnen schlucken musste - er fiel, behauptet er zumindest, "nicht einmal um". Der Test war bestanden: flugtauglich.

Oben in der Weltraumstation "fühlte ich mich wie in einem Märchen" - seine russischen Kameraden haben ihn mit der Videokamera gefilmt. Als er wieder am Boden war, "habe ich diese Ausgelassenheit, die Freude, die Erlösung in meinem Gesicht gesehen. Ich war wieder ein Kind geworden". Und zum ersten Touristen im Weltall.

Die Katastrophe des "Columbia"-Shuttles hat Dennis Tito tief erschüttert. Trotz der "menschlichen Tragödie", glaubt er, muss die Eroberung des Weltalls fortgeführt werden: "Wenn wir die Spezies Mensch erhalten wollen, bleibt uns keine Alternative - die Erde allein wird uns nicht retten. Sie ist selbst bedroht".

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