US-Künstler Richard Prince Mädchen, Mythen und der Marlboro-Mann

Der US-Künstler Richard Prince wurde berühmt, indem er Fotos anderer fotografierte und daraus Kulturkritik formulierte. Seine erste große Retrospektive im New Yorker Guggenheim Museum zeigt, dass er selbst inzwischen das beste Beispiel für das ist, was er einst kritisierte.

Von , New York


Von anderen abzuschreiben, ohne die Quelle zu zitieren, das nennt man in Literatur, Journalismus und Wissenschaft bekanntlich "Plagiat". Manche berühmte Namen sind deswegen schon ins Kreuzfeuer geraten, darunter Alex Haley ("Roots"), Ex-Reporter Jayson Blair ("New York Times") und sogar Martin Luther King. Viele verloren darüber ihre Reputation, andere mussten sich langwierigen Gerichtsverfahren unterziehen.

In der bildenden Kunst ist das eine andere Sache. Dort heißt kopieren oft nicht "plagiieren", sondern "sich aneignen" oder "zitieren" und gilt gerne als hohe Form der Kulturkritik. Der US-Fotograf und Maler Richard Prince, 58, ist ein Meister darin. Er begann seine Karriere, indem er einfach die Fotos anderer abfotografierte und als seine verkaufte. Und wie sie sich verkauften! Es war ein Prince-Foto, das als erstes in der Geschichte auf einer Kunstauktion die Eine-Million-Dollar-Schallgrenze durchbrach.

Dieses Foto hieß "Untitled (Cowboy)" und war nicht mehr als ein von Prince abfotografierter Ausschnitt einer Marlboro-Anzeige mit einem aus dem Bild reitenden, lassoschwingenden Cowboy. Es kam 2005 bei Christie's für 1,25 Millionen Dollar unter den Hammer. Seit dem Wochenende ist es in der Rotunda des New Yorker Guggenheim Museums zu sehen, zwischen Hunderten weiteren seiner Werke im Wert von Abermillionen Dollar, im Rahmen der bisher größten Prince-Retrospektive überhaupt.

Über die Jahre hinweg "zitierte" Prince schamlos Möbelanzeigen, Zeitschriften-, Mode- und Amateurfotos, Cartoons, schlechte Witze, Buchdeckel, sogar Werke anderer Künstler - was immer die Massenkultur hergab. Er lichtete sie ab, beseitigte den Kontext ihres Ursprungs, verfremdete sie, enteignete sie. Auf den ersten Blick wirken sie also vertraut, auf den zweiten zutiefst irritierend: Sie offenbaren eine gesellschaftliche Tristesse - und die Polarisierung der amerikanischen Psyche zwischen Puritanismus und Prominentenkult.

"Gestohlen, aber original"

Um diesen Widerspruch drehte sich lange auch die hitzige, öffentliche Diskussion um die Legitimität Princes, und eines der besten Beispiele dafür ist das Bild, das der Mammut-Ausstellung im Guggenheim ihren Namen gab: "Spiritual America" von 1983. Es ist ein Foto eines Fotos der zehnjährigen Brooke Shields, wie sie nackt und fast androgyn wirkend in einer Badewanne steht, das Gesicht grotesk wie eine Erwachsene zurechtgeschminkt.

Das ursprüngliche Bild, 1975 entstanden, stammte aus einer Serie des Fotografen Gary Gross und begründete damals Shields' Laufbahn als Kinderstar. Shields hatte 1981 die weitere Verbreitung des Fotos vergeblich zu verhindern versucht, indem sie Gross verklagte, in einem Copyright-Präzendenzfall. Sie verlor, doch Gross' Karriere war zerstört.

1983 fotografierte Prince das Gross-Bild ab und stellte die Kopie, in Gold gerahmt, in einem sonst leeren Laden auf der Lower East Side aus. Heute gilt dieser rebellische Akt als Symbol für Princes gesamte Arbeit: "Gestohlen, aber original, ikonisch, aber aufrichtig, illusionär, aber real", wie es Guggenheim-Chefkuratorin Nancy Spector formuliert.

Er kommentierte damit die Macht des Bildes in der Gesellschaft, karikierte die Kontroverse um das Shields-Foto - und provozierte clever seine ganz eigene Kontroverse. Kritiker warfen ihm Kinderpornografie, Plagiarismus, Voyeurismus vor. Gross versuchte, zumindest noch eine kleine Namensnennung zu erreichen, doch vergeblich. Auch jetzt hängt das Foto im Guggenheim ohne jeglichen Hinweis auf Gross, selbst wenn der Katalog die Geschichte erzählt.

Bilder wie HipHop

Der Widerstand gegen Konventionen, Urheberrecht und geistiges Eigentum und das Infragestellen der Gesellschaft liegen Prince im Blut. 1949 im damaligen Niemandsland der Panama-Zone geboren, wuchs er in den stickigen fünfziger Jahren auf. Mit der Achtundsechziger-Ära kam die Rebellion. Prince zog in die Künstlerszene New Yorks.

Seine ersten "Re-Fotografien", wie er sie nannte, entstanden 1977, als er in der "Tear Sheet"-Abteilung von Time Life arbeitete, wo es sein Job war, aus Magazinen Seiten fürs Archiv rauszureißen. New York steckte in seiner tiefsten Krise: Kriminalität, Finanznot, Rassenunruhen. Zugleich waren als Gegenpol die ersten Exzesse der Disco-Ära spürbar.

Prince parodierte diese Schizophrenie und den von der Werbung propagierten Drang nach Geborgenheit und die Flucht vor der tristen Realität, indem er in jenem Jahr vier Anzeigen der Möbelfirma W & J Sloane aus dem "New York Times Magazine" abfotografierte. Darauf sind vier elaboriert dekorierte Wohnzimmer zu sehen, mal plüschig, mal modern, mal rustikal, doch stets deprimierend in ihrer Bürgerlichkeit. Auf einem ist durchs Fenster die künstliche Fotokulisse der Skyline Manhattans zu sehen.

Heute offenbaren diese Bilder, aus ihrem alten Zusammenhang gelöst, die kulturellen Stereotypen und Begierden jener Zeit - und den Konflikt zwischen Realität und Wunsch. Prince führte das jahrelang fort, seine Objekte waren Models, Luxusgüter, Uhren, Schmuck, Zigarettenetuis, Feuerzeuge, Füllfederhalter. Guggenheim-Kuratorin Spector vergleicht das mit dem in denselben Jahren geborenen "Sampling" von Musik in HipHop und Rap.

"Girlfriends" mit entblößten Busen

Princes 1980 begonnene Marlboro-Serie, aus der auch besagtes Bild "Untitled (Cowboy)" stammt, nahm Zigaretten-Reklame aufs Korn, namentlich die idyllischen Szenen eines fiktiven Cowboy-Daseins, großformatig-grobkörnig aufgeblasen. Denn diese Szenen verklären niedere Ranch-Gehilfen (einst meist Latinos) zu Symbolen weißen Machismos und "uramerikanischer" Tugenden wie Mut und Gesundheit - eine Verklärung, die am Ende aber nur dem Verkauf eines Suchtmittels dient.

Später nahm er sich Witze und Karikaturen aus dem "New Yorker" vor. Karikaturen waren bis 1992 die einzige Form der Illustration im "New Yorker" und beanspruchen heute noch hochtrabend, Inbegriff des Zeitgeistes zu sein. Prince entlarvt sie als anzügliche Reflexionen einer von sich selbst besessenen Gesellschaft.

Seine Reihe "Girlfriends" zeigt Amateurfotos aus Motorrad-Magazinen: Biker-Freundinnen, oft mit entblößten Busen, auf den Maschinen ihrer Boys - auch sie sind Symbole der Macho-Gesellschaft - ebenso wie die Motorhauben von Autos, die Prince seit ein paar Jahren bemalt.

Tote können sich nicht wehren

1996 zog Prince von Manhattan nach Rensselaerville, drei Autostunden weiter nördlich. Dort machte er erstmals Original-Fotos, Dokumentationen der bedrückenden, armseligen Mittelmäßigkeit jener Gegend: eine leere Straße mit Bremsspuren, ein einsamer Swimmingpool, ein Basketball-Korb in einer Blumenwiese.

Seit der Jahrtausendwende wird er abstrakter, malt anzügliche (aber meist absichtlich schlechte) Witze in Großbuchstaben auf enorme Leinwände, erst monochromatisch, dann farbig. Seine "Schwestern" verfremden die Cover von populären Krankenhaus-Groschenromanen, eine weitere Serie widmete er dem Expressionisten Willem de Kooning, dessen Bildern er Ausschnitte aus Pornoheften aufpfropft. Tote können sich nicht wehren.

Richard Prince will Amerikas Kultur kritisieren, karikieren, vorführen. Die Ironie der Geschichte ist am Ende aber, dass er selbst mit seinen Multimillionen-Dollar-Bildern längst zum besten Beispiel dieser Kultur geworden ist. Die beste Kulturkritik ist also sein eigener Erfolg.


"Richard Prince: Spiritual America": Guggenheim Museum, New York City, 28. September 2008 bis 9. Januar 2009

Katalog: Richard Prince, Hatje Cantz Verlag, 258 Seiten, 45 Euro



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.