US-Medienprozess Tyrannei der wahren Rosie

Es geht um Vertragsbruch, Betrug, Macht, Gier und um 100 Millionen Dollar. In New York befehden sich das Hamburger Verlagshaus Gruner+Jahr und die amerikanische TV-Entertainerin Rosie O'Donnell in einem der bittersten US-Medienprozesse seit Jahren.

Von , New York


Magazin "Rosie": "Die fröhlich-freche Qualität der Show zu Papier bringen"

Magazin "Rosie": "Die fröhlich-freche Qualität der Show zu Papier bringen"

New York - Der Prozess hatte kaum begonnen, da ließ sich auf der Titelseite der "New York Post" schon des Volkes Urteil nachlesen: "Rosie O'Donnell ist eine cholerische Tyrannin mit einem Toiletten-Maul, deren Selbstsucht zur Zerstörung ihrer Zeitschrift geführt hat." Daneben ein Foto O'Donnells, das man bestenfalls als unvorteilhaft bezeichnen kann.

Wut ist gut. Das ist ja immer schon auch O'Donnells Motto gewesen. "Wut", sagt die Entertainerin, "ist die Grundlage von Comedy." Aus Wut hat sich die 41-Jährige eine steile Karriere gebastelt: von schlüpfrig-keifenden Stand-Up-Witzen in rauchigen Clubs über zweitklassige Filmrollen mit Girlfriend Madonna bis hin zur eigenen Talkshow und eigener Zeitschrift.

"Fucking fett" auf dem Cover

Aber nun ist Schluss mit Lustig. New York State Supreme Court, Saal 242, Aktenzeichen 603843/02: Im bittersten und zugleich faszinierendsten Prozess, den die US-Medienbranche seit langem erlebt hat, findet sich O'Donnell seit Ende voriger Woche vor Gericht wieder. Auf der Klägerseite: die US-Tochter des Verlagshauses Gruner+Jahr, die, in einer publizistischen Fehlkalkulation, gehofft hatte, mit O'Donnell und dem Frauenmagazin "Rosie" den amerikanischen Illustriertenmarkt zu erobern. Es ist ein Mammutverfahren, in mehrerlei Hinsicht. Denn es geht um mindestens 100 Millionen Dollar, um Vertragsbruch und Betrug, um Macht, Gier und verlegerische Kompetenz, um den guten Ruf eines sonst so kultivierten Hamburger Verlagshauses sowie Existenz und Image einer der beliebtesten Promis der TV-Nation.

Und es geht um Fett. Zumindest am ersten Prozesstag, als das hohe Gericht O'Donnells Korpulenz erörterte. Anlass war ein "Rosie"-Cover von 2002, das O'Donnell kippte, weil sie fand, dass sie darauf "fucking fett" aussah. Zu dem Zeitpunkt war das Ende von "Rosie" aber schon längst nicht mehr aufzuhalten.

Dabei hatte alles so rosig begonnen, damals im Winter 2000. Für Gruner + Jahr (G+J) schien O'Donnell - in Deutschland allenfalls aus ihren Hollywood-Nebenrollen ("Schlaflos in Seattle", "Eine Klasse für sich") bekannt - ein Auflagengarant: Ihre tägliche TV-Talkshow fuhr pro Jahr 180 Millionen Dollar Werbegelder ein und heimste einen "Emmy"-Fernsehpreis ein. O'Donnell hatte, trotz ihrer burschikosen Frotzeleien, das perfekte Sauberfrau-Image. Sie hielt die Plüschpuppe "Elmo" in die Kamera - und prompt war die am nächsten Tag ausverkauft.

Die Idee, diesen Erfolg in eine Zeitschrift umzumünzen, kam ursprünglich aus O'Donnells Lager. "Wir versuchten, die fröhlich-freche Qualität der Show zu Papier bringen", sagt Verlagsveteranin Annalyn Swan, die "Rosie" mitentwickelte. "Wir dachten, ein Magazin könnte ihren Humor einfangen." Nach diversen Absagen, darunter von Time Inc., biss G+J USA Publishing an, der US-Ableger des Hamburger Konzerns. G+J, das in Amerika einen eher plauschigen Lesezirkel unterhält ("Parents", "Family Circle", "YM"), sah in "Rosie" den Rettungsreifen für sein Verlustobjekt "McCall's", ein Hausfrauenblatt, das pro Monat zwei Millionen Dollar verlor.

Die wahre Rosie, ungeschnitten

Im Juli 2001 wurde "McCall's" beerdigt und als "Rosie" wieder belebt. Es war eine 50/50-Partnerschaft: O'Donnell investierte ihren Namen und sechs Millionen Dollar im Gegenzug für eine leitende Beraterfunktion. Doch G+J hatte eines übersehen: Das Image der jugendfreien "Queen of Nice" ("Newsweek") war nur eine Fassade, zurechtgezimmert für eine seichte Talkshow. Die wahre Rosie war - und ist - scharf, launisch, cholerisch und hat das, was man in den USA einen "foul mouth" nennt: Sie redet, gerne auch unflätig, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Sie selbst schreibt das dem frühen Tod der Mutter zu, der sie seit dem zehnten Lebensjahr im Trauma eingefroren habe: "Das ist mein emotionales Alter."

TV-Talkerin O'Donnell: "Es war, als gebe eine Fünfjährige eine Zeitschrift heraus"
REUTERS

TV-Talkerin O'Donnell: "Es war, als gebe eine Fünfjährige eine Zeitschrift heraus"

Das merkten auch die TV-Zuschauer. Nicht selten brach die "wahre" Rosie durch, live und ungeschnitten. Zum Beispiel, als sie den Serienheld Tom Selleck wegen seiner Anzeigenkampagne für die US-Waffenlobby NRA derart gnadenlos angriff, dass der fast aus dem Studio stürzte. Auch bei "Rosie" bekam man schnell die wahre Rosie zu spüren. Ungeachtet des Mainstream-Appeals, das sich das Magazin verordnet hatte, hob O'Donnell Verwandte und Freunde ins Blatt und aufs Cover. Etwa die Soulsängerin Macy Gray - woraufhin die Auflage von 600.000 auf 225.000 abstürzte. Verkaufsrenner wie den Sitcom-Star Jennifer Aniston lehnt sie dagegen ab. "Es war, als gebe eine Fünfjährige eine Zeitschrift heraus", sagt eine Ex-Mitarbeiterin.

Wutausbrüche, Schreianfälle und Wortgefechte sollen in der Redaktion an der Tagesordnung gewesen sein. Eine Redakteurin war so verängstigt, dass sie um eine Leibwache bat. Im Sommer 2002 outete sich O'Donnell als Lesbe und gab ihre TV-Show auf - aus "Langeweile". Mit neuer Punkfrisur zog sie wieder auf Comedy-Tournee durch die Clubs. Doch plötzlich war ihr Humor gar nicht mehr so jugendfrei. Unter ihren Opfern: Michael Jackson, Bill Clinton und die Komödiantin Joan Rivers, der sie vorhielt, nach ihrem Facelifting auszusehen "wie eine Außerirdische".

"Bizarres und börsartiges Benehmen"

Auch den "Rosie"-Lesern verordnete O'Donnell auf einmal schwere redaktionelle Kost: Reportagen über Brustkrebs, Depressionen, Gehirnoperationen. Das war G+J zu düster - und verkaufte sich nicht. Bis zum Sommer 2002 hatte allein O'Donnell ihren gesamten Sechs-Millionen-Dollar-Einsatz verloren. Am Ende lief alles auf einen Machtkampf hinaus zwischen O'Donnell und Dan Brewster, dem CEO von G+J USA. Der engagierte eine neue Chefredakteurin, die einstige "People"-Vizechefin Susan Toepfer, die das Blatt damenhafter machen sollte. Doch damit eskalierte der interne Krieg nur noch.

Im Oktober 2002 versetzte O'Donnell "Rosie" den Todesstoß, indem sie sich vom eigenen Blatt distanzierte und ihren Namen zurückzog. 120 Mitarbeiter verloren ihren Job. Ihren Lieblingen gab O'Donnell 10.000-Dollar-Schecks aus eigener Tasche mit auf den Weg. G+J zuckte nicht mit den Wimpern. Der Verlag verklagte O'Donnell sofort auf Vertragsbruch und 100 Millionen Dollar Schadenersatz - der kalkulierte Verlust aus der Einstellung von "Rosie". O'Donnell habe habe ihren Part nicht erfüllt, indem sie sich "von der warmen, spaßigen 'Queen of Nice' zur selbsternannten 'Über-Bitch' transformiert" habe, heißt es in der Klageschrift. Und: "O'Donnells bizarres und oft bösartiges Benehmen hatte zur Folge, dass es G+J schwierig und letztendlich unmöglich wurde, das Magazin weiter zu veröffentlichen."

"Mach' mich dünner!"

O'Donnell legte Gegenklage ein, den Einsatz auf 125 Millionen Dollar erhöhend. "Ihr Name und ihre Integrität stehen auf dem Spiel", sagt ihre Publizistin Cindi Berger. Pikantes Beiwerk dieses Defensivschlags: G+J habe die Bücher manipuliert, um einen vertragsrechtlichen Ausstieg O'Donnells zu sabotieren. Wie ernst die Sache wirklich ist, geht aus einem bezeichnenden Wortwechsel zwischen Brewster und O'Donnell hervor, der sich in beiden Klageschriften fast wortgleich wieder findet. "Brewster sagte: 'Ich werde dich ruinieren.' O'Donnell erwiderte: 'Du willst mich fertig machen? Da nehme ich dich mit.'"

Solche Skandale liebt New York. Der Prozessauftakt landete auf den Titelseiten aller Boulevardblätter und war selbst dem "Wall Street Journal" eine längliche Analyse wert. Da der Oberste Richter Ira Gammerman (vor dem auch schon Woody Allen und Hotel-Erbin Leona Helmsley standen) keine Kameras im Saal erlaubt, porträtiert ein Gerichtszeichner die Anwesenden fürs Fernsehen. Dem gab O'Donnell am ersten Tag von der Anklagebank fast unbemerkt eine Anweisung, indem sie Daumen und Zeigefinger zur Schrumpf-Geste hochhielt und flüsterte: "Mach' mich dünner!"



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