US-Philosoph Richard Rorty "Europa könnte besser auf die Welt aufpassen"

Der amerikanische Intellektuelle Richard Rorty sieht in der EU den besseren Weltpolizisten. Voraussetzung für ein starkes Europa, das den dringend benötigten Gegenpol zur Großmacht USA bilden könnte, sei jedoch die Einigung auf eine gemeinsame Außenpolitik, sagt der erklärte Bush-Gegner.


Hätte Europa gerne in der Rolle des Weltpolizisten: Philosoph Rorty
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Hätte Europa gerne in der Rolle des Weltpolizisten: Philosoph Rorty

Frankfurt/Main - "Wir dienen der Welt als Polizist, und die Welt sollte froh darüber sein" - so schätzt sich die Regierung der Vereinigten Staaten dem amerikanischen Philosophen Richard Rorty zufolge selbst ein. Am Dienstag plädierte er in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau" für einen europäischen Gegenpol zur Großmacht USA.

Der 72-jährige Rorty ist Professor für Vergleichende Literatur an der kalifornischen Stanford University und gilt als einer der schärfsten Kritiker der Bush-Regierung. Vor einigen Wochen hatte er sich Jürgen Habermas' Appell an eine außenpolitische Erneuerung Europas angeschlossen. Nach dem Irak-Krieg, so die These des Frankfurter Philosophen, sei jetzt der richtige Zeitpunkt, die Rolle eines starken Kerneuropas gegenüber der USA neu zu definieren.

Die Voraussetzungen dafür sind laut Rorty gegeben: Europa sei "moralisch fortgeschrittener, zivilisierter" als die USA, sagt er, und bezieht sich dabei zum Beispiel auf das so gut wie nicht existierende soziale Netz und die Anwendung der Todesstrafe in den Vereinigten Staaten. Allerdings gäbe es in Bezug auf internationale Beziehungen "nicht so viel, wofür man Europa rühmen könnte."

"Wenn die Uno den Platz der USA einnehmen könnten, wäre das wunderbar. Aber dafür bräuchte die EU erst einmal eine einheitliche Außenpolitik", stellt Rorty fest und trifft damit eine europäische Schwachstelle. Im EU-Verfassungskonvent ist das Thema Außenpolitik schon seit langem ein Streitpunkt. "Die europäischen Demokratien sind das einzige Gegengewicht zu den USA, doch wenn sie keine eigene Militärmacht aufbauen wollen, dann wollen sie die USA als Polizisten", bemerkt Rorty.

Dennoch könne eine internationale Neuordnung nur von Europa ausgehen, das endlich aufhören müsse, auf amerikanische Zurückhaltung in der Weltpolitik zu hoffen. Welchen Kurs Amerika einschlägt, sei mittlerweile nicht mehr vorhersehbar. "Je schlechter sich die Vereinigten Staaten aufführen, desto wahrscheinlicher wird es, dass die Europäer zu der Auffassung kommen, sie könnten besser auf die Welt aufpassen." Zwar hält Rorty einen engen Zusammenschluss Europas in nächster Zeit nicht für wahrscheinlich, aber: "Es wäre unsere einzige Chance.



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