US-Präsidenten im Film Wie Hollywood die Wahl vorbereitet hat

Wenn Politik nach Hollywood-Regeln gemacht wird: Mit "W", "24" oder "West Wing" haben Film und Fernsehen so stark wie nie zuvor auf die Präsidentschaftswahl eingewirkt. Die Liaison zwischen Kandidat und Kino hat Tradition - und manchmal erweisen sich die Filmemacher sogar als Propheten.

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Es geht doch nichts über ein schönes holzgetäfeltes Büro. An seinem rustikalen Schreibtisch gelehnt, spricht ein agiler und alerter Mann zur Nation und macht unmissverständlich klar, dass ihm die Menschen des Landes wichtig sind. So beginnt der fast 30-minütige Fernsehwerbespot, mit dem Barack Obama vergangene Woche zum Wahlkampf-Endspurt letzte Zweifler auf seine Seite ziehen wollte.

Es wurde in letzter Zeit ja zu Recht viel über die Macht der neuen Medien in diesem US-Wahlkampf gesprochen. Aber wenn es um die Inszenierung des perfekten Repräsentanten geht, hat sich seit Einführung des bewegten Bildes gar nicht so viel verändert. Der Werbe-Halbstünder von Obama erinnerte jedenfalls frappierend an die kinematographische Selbstdarstellung, mit der sich schon 1897 der damals frisch gekürte republikanische Präsident William McKinley seinem Volke präsentierte.

Das Kino war gerade mal zwei Jahre zuvor erfunden worden, da nutzte es das Staatsoberhaupt bereits geschickt für seine Zwecke: In dem Filmporträt "President McKinley at Home" arbeitet sich der 25. Präsident der USA in einem Büro, das dem von Obama nicht unähnlich ist, mit sorgenvoller Miene an wichtigen Dokumenten ab.

Die Liaison zwischen der US-Politik und dem Film ist also fast so alt wie das Medium selbst. Und wer da von wem profitiert, ist gar nicht mal so einfach zu sagen.

210 mal Lincoln

Von Anbeginn an liebte es das US-Kino, von den Staatenlenkern zu erzählen. In der Filmdatenbank Internet Movie Database ( imdb.com) werden allein 209 Abraham-Lincoln-Darsteller ab dem Jahr 1911 gezählt. 2010 wird Liam Neeson für Steven Spielbergs Biopic "Lincoln" als Nummer 210 an den Start gehen.

Doch das Kino bedient sich nicht nur der realen Gestalten, es liefert ihnen auch Inszenierungshilfe. Echte Präsidenten und Möchtegernpräsidenten studierten schon immer sehr genau ihre Kino- und später auch Fernsehkollegen. Die Gesetze dessen, was man heute als Mediendemokratie beschwört, galten in den USA eben schon seit Erfindung des Bewegtbildes: Im Vorteil ist, wer seine mediale Repräsentation im Griff hat.

Als Ironie der Geschichte darf da gewertet werden, dass ausgerechnet der miese Schauspieler Ronald Reagan eine – rein darstellerisch betrachtet – phantastische Präsidenten-Performance hingelegt hat. An die großen Präsidentendarsteller des klassischen Hollywood reichte der B-Movie-Tropf Reagan mit seinem Werk jedenfalls nie heran.

Man nehme nur Henry Fonda: In John Fords "Der junge Mr. Lincoln" gab er 1939 den knorrigen Kinnbartträger als verliebten und verletzlichen Querkopf, der geradezu in die Politik gezwungen werden muss. Ein Beispiel dafür, wie selbstverständlich es schon immer für amerikanische Regisseure war, auch privateste Seiten großer Staatenlenker auszuschmücken.

Bröckelnder Idealismus

1964 war Fonda dann in Franklin J. Schaffners "Der Kandidat" als fiktiver demokratischer Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur zu sehen, der von seinem Gegner mit allen Mitteln der Verleumdung bekämpft wird. Politik, da ist das klassische Hollywood nie schönfärberisch gewesen, war also schon immer ein Schlammbad. Es brauchte nur einen echten und aufrechten Kerl, an dem all der Dreck abperlt.

Doch im Laufe der Sechziger wurden die politischen Heldenbilder im Kino brüchiger. Als Nachwirkung auf den Koreakrieg und parallel zum im Fernsehen übertragenden Vietnamkrieg verfinsterten sich die auf der Leinwand gezeigten Vorgänge im Oval Office. Im Kino des New Hollywood verbreitete sich bald ein nachhaltiger Polit-Pessimismus.

Schön zu sehen ist das in Michael Ritchies "Bill McKay – der Kandidat" von 1972, in dem sich Robert Redford als Mitglied der demokratischen Partei mit strahlendem Lächeln ums Gouverneursamt von Kalifornien bewirbt und nach und nach seine Prinzipien verrät. Die Botschaft: Lass dich nicht von noch so blauen Augen verführen!

Der Idealismus bröckelte im Kino also rapide. Befeuert wurde dieser Vorgang dann noch vom Watergate-Skandal, der Mitte der Siebziger reihenweise Paranoia-Thriller inspirierte, etwa "Zeuge einer Verschwörung" (1974) oder "Die drei Tage des Condor" (1975).

Wie zum Ausgleich wurde allerdings auch ein neuer Heldentypus im Kino etabliert: der des aufrechten Journalisten, so wie 1976 von Robert Redford und Dustin Hoffman in Alan J. Pakulas Watergate-Krimi "Die Unbestechlichen" verkörpert. Nicht die Politik, sondern die Medien gelten seitdem als Wahrer der Demokratie. Ein Umstand, der Parteistrategen aller Couleur eine ganz neue Art der Öffentlichkeitsarbeit entwickeln ließ.

Zwischen Machtmonster und Übervater

Siegen kann demnach nur, wer die Medien für sich zu orchestrieren weiß. Ohne PR-Berater und Verbindungsmänner zum Unterhaltungsbetrieb geht heute ja gar nichts mehr. Eine Erkenntnis, die Regisseur Barry Levinson 1997 zu seiner Satire "Wag The Dog" inspirierte, in der Präsidentenberater und Hollywood-Produzenten einen Krieg in Albanien simulieren, um von echten Problemen abzulenken und dem unbeliebten Präsidenten doch noch die Wiederwahl zu ermöglichen. Überzeugende Politik? Alles eine Frage der Show!

Ja, Amerikas unterhaltender industrieller Komplex ist geradezu besessen vom Präsidentenamt – im Guten wie im Bösen. Extrem gegensätzlich sind inzwischen die Bilder vom mächtigsten Mann der Welt: Zwischen Machtmonster und Übervater bleibt oft wenig Raum für Zwischentöne.

Zum einen gibt es seit den Neunzigern eine Art Restaurationstrend, der sämtliche modernen Ein- und Rückwirkungen zwischen Amt und Medien leugnet und den Präsidenten als unmanipulierten, verletzlichen und stets kampfbereiten Volksvertreter zeichnet.

So zu sehen in Wolfgang Petersens Luftkrimi "Air Force One" (1997), in dem Harrison Ford die Präsidenten-Maschine samt fliegendem Anhang – das Kleinformalienformat orientierte sich am damals regierenden Clinton – gegen feindliche Subjekte schützen muss. Oder in Rob Reiners Oval-Office-Schmonzette "Hello, Mr. President", für die Michael Douglas 1995 den sanft gefönten und ebenso sanft verliebten Staatenlenker mimte. Egal ob Actionthriller oder romantische Komödie: Am Ende gewinnen in diesen konservativen Präsidenten-Interpretationen immer die Aufrechten.

Prophetische Hollywood-Produktionen

Dem gegenüber stehen die verschwörungstheoretisch geschulten Politikerporträts eines Oliver Stone. Schon 1995 legte er mit "Nixon" eine pechschwarze Machtparabel vor, nun kam zwei Wochen vor der US-Wahl sein böser Bush-Abgesang "W" in die amerikanischen Kinos.

Man darf das Projekt wohl als bislang unverblümtesten Versuch des Entertainment-Business werten, am politischen Gestaltungsprozess teilzuhaben. Der im Abgleich zur Publicityträchtigkeit mäßige Andrang an den Kinokassen zeigt allerdings auch, dass Wahlvolk und Kinopublikum sich möglicherweise gar nicht so direkt in ihrer Entscheidungsfindung beeinflussen lassen wollen.

Tatsächlich können Film und Fernsehen auf subtilere Weise viel nachhaltiger auf den Politbetrieb einwirken. So hat man im fiktionalen Bereich schon oft das Drehbuch vorgegeben, nach dem dann später Washingtons reale Elite agiert hat. Da wirkt manche Hollywood-Produktion geradezu prophetisch.

Man nehme nur die saloppe Satire "Mit aller Macht", in der Mike Nichols 1998 die Sex-Affäre Bill Clintons samt medialer und parteipolitischer Ausschlachtung vorweg genommen hat. Oder Jonathan Demmes 2004 entstandenen aberwitzigen Thriller "Der Manchurian Kandidat" (ein Remake der 62er-Groteske "Botschafter der Angst"), wo ein hoch dekorierter Irak-Heimkehrer sich um das Amt des Vizepräsidenten bewirbt. Wer den Film vor dem Hintergrund des aktuellen Wahlkampfes sieht, muss unweigerlich an den Vietnam-Märtyrer McCain denken.

"Wir leben Euer Drehbuch!"

Umfassender aber sind inzwischen die Vorlagen, die das Fernsehen mit seinen dramaturgisch kunstvoll ausgebreiteten Serien der amerikanischen Realpolitik macht. So agierte in dem Politthriller "24" bereits seit 2001 der erste afro-amerikanische Präsident David Palmer, gespielt von Dennis Haysbert – was bei einem Sieg der Demokraten ja durchaus als Prophetie in Punkto Obama durchgeht.

Regisseur Rod Lurie indes – der zuvor mit "Rufmord" das an Zwischentönen reichste Politikerdrama vorgelegt hat – zeichnete bereits 2005 mit "Commander in Chief" (deutsch: "Welcome, Mrs. President") ein Szenario, in dem Vizepräsidentin Geena Davis nach dem Tod ihres Chefs zur ersten Frau des Landes aufrückt.

Was seinerzeit als Fingerzeig auf die zu höheren Weihen strebende Hillary Clinton gedeutet werden musste, liest sich jetzt wie eine mögliche Entwicklung in Sachen Sarah Palin, die bei einem Sieg der Republikaner und in Anbetracht von McCains fortgeschrittenem Alter durchaus auf diesen Posten vorrücken könnte.

Am vertracktesten aber sind die Wechselwirkungen zwischen Fiktion und Realität in dem 1999 gestarteten TV-Dauerbrenner "West Wing": Drehbuchautor Eli Attie, der zuvor als Redenschreiber für Clinton und Gore fungierte, führte hier 2004 die Figur des hispanischen demokratischen Präsidentschaftskandidaten Matt Santos ein – und ließ sich dabei von dem jungen schwarzen Politstar Barack Obama inspirieren, der damals mit seinen charismatischen Auftritten für erste Furore sorgte. Das Vokabular des von Schauspieler Jimmy Smits verkörperten Santos – "Hope is real!" – orientierte sich ziemlich genau an dem des echten schwarzen Senators.

Obama selbst machte nie ein Hehl daraus, die Serie sehr genau verfolgt zu haben. Sein Kampagnen-Manager David Axelrod, ein einstiger politischer Gefährte von Autor Eli Attie, witzelte laut "Washington Post" sogar einmal gegenüber seinem alten Freund: "Wir leben Euer Drehbuch!" Vielleicht wählte Obama ja auch deshalb mit Joe Biden einen viel älteren und in der Außenpolitik erfahrenen Parteikollegen zum Vizepräsidentschaftskandidaten – der fiktive Santos hatte es genauso gemacht.

Vollends für Verwirrung sorgte da vergangene Woche ein öffentlicher Auftritt von Santos-Darsteller Jimmy Smits, der auf einer Werbeveranstaltung für Obama in Florida erschien – der fiktive Präsidentschaftskandidat spricht für seinen realen Wiedergänger. Irgendwie unheimlich.

Im Hinblick auf den US-Wahlkampf ist es also wirklich schwer zu sagen, inwieweit das wahre Leben die Kunst beeinflusst – und umgekehrt.



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