US-Serie "Dead Like Me" Leichen-Girl mit Knochenjob

Wie lebt sich's so als Leiche? Diese Frage beantwortet "Dead Like Me". Die exzellente US-Serie erzählt vom Alltag eines gestorbenen Mädchens, das nicht ganz ins Jenseits darf - und jobben muss: als Sensenfrau im Auftrag Gottes.


Es gibt eine Menge Dinge, die Georgia Lass nicht ausstehen kann. Angefangen mit ihrem Vornamen, weshalb sich die 18-Jährige aus Seattle nur George rufen lässt. Auch ihr schnell wieder abgebrochenes Unistudium war kaum das Wahre, und zu Hause nerven die kleine Schwester Reggie sowie Mutter Joy, die keine erwerbslose Jugendliche am Esstisch duldet.



Obwohl sie ohne Probleme den ganzen Tag unter ihrer Bettdecke brüten könnte, muss George daher bei einer Zeitarbeitsfirma mit dem schlimmen Namen Happy Time anheuern. Beim Einstellungsgespräch mit der beängstigend fröhlichen Personalchefin Dolores verfinstert sich die Trotzmiene des Teenagers noch mehr, und die Aussicht auf ein tristes Dasein als niederster Bürobüttel lässt George am Sinn ihres Lebens zweifeln.

Das existentialistische Hadern erledigt sich jedoch bereits in der ersten Mittagspause, denn aus buchstäblich heiterem Himmel wird George von einem verirrten Toilettensitz der just in der Erdatmosphäre verglühten Weltraumstation Mir erschlagen. Immerhin ein spektakulärer Abgang für das Mädchen, dem die Zeit auf Erden so ereignislos schien.

Sarkastisch in den Tod

Aber das Ableben ist nur der Anfang in der brillanten US-Serie "Dead Like Me", die nun mit vier Jahren Verspätung unter dem Titel "So gut wie tot" auch ins deutsche Fernsehen kommt. Schöpfer und Chefautor Bryan Fuller widmet sich in seiner Mischung aus Charakterdrama und Situationskomödie dem harten Alltag in einem sehr gegenwärtigen Jenseits - und präsentiert mit George (Ellen Muth) eine grandios missgelaunte Heldin, deren Sarkasmus und Bockigkeit keine falsche Pietät kennen.

Zunächst aber findet sich das konsternierte Unfallopfer scheinbar unversehrt neben eben jenem Krater wieder, in dem ihre eigenen Überreste inmitten zertrümmerter sowjetischer Space-Sanitärtechnik vor sich hinkokeln. Beistand kommt postwendend in Gestalt von Rube (Mandy Patinkin), der George mitteilt, dass sie nun offiziell tot sei.

Bundfaltenhose und Strickjacke lassen es nicht erahnen, aber Rube ist ein sogenannter Grim Reaper: Ein Sensenmann, der wie unzählige seiner ebenfalls untoten Kollegen die Seelen der verstorbenen Menschen einsammelt und ihrem Bestimmungsort zuführt. Wo oder was dieser genau ist, weiß er indes nicht, denn die Grim Reaper sind nur unterprivilegierte Laufburschen des Schicksals. Die Namen der abzuholenden Todgeweihten werden auf schnöden Post-its ausgeteilt, Bezahlung oder schicke Dienstkleidung gibt es nicht, und bis die unbekannte Quote erfüllt ist, darf sich keiner zur ewigen Ruhe begeben.

Die vertrackte Bürokratie der Leichenzähler will es, dass George in diesen Verliererverein eintreten und für den Tod schuften muss. Rube nimmt die Auszubildende in sein Team auf, zu dem auch die Markenfetischistin Betty (Rebecca Gayheart) und der charmant-skurrile Exilbrite Mason (Callum Blue) gehören. Mason gibt George auch gleich einige Tipps, mit denen sich das eigene Totsein lebenswerter gestalten lässt, etwa wie man die Wohnung eines frisch Verstorbenen besetzt, damit man bei dem Knochenjob wenigstens ein Dach über dem Kopf hat.

Jenseits der Gleichgültigkeit

Dass Mason selbst seinen Unterhalt mit Diebstahl und Drogen bestreitet und einst das Zeitliche segnete, weil er sich im Rausch mit einer Bohrmaschine den Kopf perforierte, ist noch die kleinste Sorge von George. Denn gleich ihr erster Einsatz zeigt ihr die immense Fallhöhe und das unauflösliche Dilemma ihrer neuen Profession: George soll ein kleines Mädchen, das bei einem Zugunglück umkommen wird, ins Jenseits überführen. Dass der Tod, also sie, so grausam sein soll, will sie nicht hinnehmen und entwickelt ein Engagement, dass ihr zu Lebzeiten gänzlich abging.

Sie sind wahrlich keine Engel, die Sensenmänner und -frauen, die hier ihre eigene Parallelgesellschaft inmitten der Ahnungslosen errichtet haben. Reich, reizvoll und verblüffend schlüssig sind dabei die Analogien zu tatsächlichen Verhältnissen, etwa wenn die untoten Seelensammler mühsam ihren Unterhalt zusammenklauben müssen, inklusive gefälschter Sozialversicherungsnummer.

Nur zwei Staffeln lang produzierte der Kabelsender Showtime dieses kühne Format, das schärfste Satire mit viel Gefühl paart und mit Hauptdarstellerin Ellen Muth eine echte Entdeckung vorzuweisen hat: Mit ständig in Falten gelegter Stirn, nach unten weisenden Mundwinkeln und einer - nur im amerikanischen Original - mokanten Grabesstimme gibt sie eine herzerfrischende Identifikationsfigur für alle leidenden Teenager der Welt.

Das paradoxe Coming-of-Age der zur ewigen Jugend verdammten George sorgt denn auch für die emotionalen, dramatischen und hormonellen Höhe- und Wendepunkte in "Dead Like Me" - Stichwort: Sex und der Schnitter. Und wer den letzten Dingen mit derart anrührender Rotzigkeit begegnet wie George, nimmt dem Tod den Stachel und spendet nebenbei mehr Trost als tausend Friedhofsblumen.


"Dead Like Me - So gut wie tot", RTL II, ab Samstag, 26. Juli 2008, 14.35 Uhr



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