US-Serie "Lost" Absturz mit Folgen

Auf ProSieben startete die aufwändig produzierte US-Serie "Lost", und schnell wurde dem Zuschauer die Erbärmlichkeit des RTL-Pendants "Verschollen" klar: Unter der Ägide des amerikanischen Serien-Gurus J. J. Abrams spielt die Survival-Soap gekonnt mit Katastrophenszenarien und Mystery-Elementen.

Von


Zur Eröffnung kreischt fünf Minuten ohrenbetäubend eine Flugzeugdüse. Ein schöner, verstörender Anfang für einen der teuersten Pilotfilme, der je gedreht worden ist. Gut elf Millionen Dollar soll der Auftakt der Fernsehserie "Lost" gekostet haben, die heute bei ProSieben startet (20.15 Uhr). Bei einer solchen Investition sollte man eigentlich das übliche Serien-Schema erwarten, das dem Zuschauer schnell ein paar klare Identifikationsfiguren zuweist und in einem emotional aufgeladenen Plot verstrickt. Doch das irritierend-enervierende Absturzszenario erfordert erst einmal Nerven und Durchhaltevermögen.

Es gibt zwar einen gut aussehenden jungen Mann (Matthew Fox), der einen adäquaten Helden darstellen würde und couragiert zwischen den Leichen- und Wrackteilen herumstolpert und -schreit. Aber kaum einer hört seine Anweisungen und Warnungen - zumindest nicht jener Verwundete, der orientierungslos vor der dröhnenden Düse herumwankt und schließlich von ihr eingesogen wird. Es knallt, dann ist endlich Ruhe.

Spiel mit Unbekannten

48 Menschen haben den Flugzeugabsturz überlebt - sie bilden auf den ersten Blick das Personal eines amtlichen Katastrophenschockers. Es gibt Helden und Feiglinge, verzogene reiche Kinder und drogenabhängige Rockmusiker, Behinderte und Schwangere, Polizisten und Verbrecher und natürlich alle nur erdenklichen ethnischen Minderheiten. Doch mit fortlaufender Handlung werden fast alle der hier versammelten Stereotypen unterwandert.

Jeder der Passagiere hat ein Geheimnis, das es zu ergründen gilt - und das ist meist schwerwiegender als der geschmuggelte Geldkoffer des unvermeidlichen Geschäftsmannes in gewöhnlichen Survival-Abenteuern. Während sich die vier Dutzend Gestrandeten auf einem ganz und gar nicht freundlichen - und offensichtlich von sonderbaren Kreaturen bewohnten - pazifischen Eiland behaupten müssen, entblößen sie nach und nach ihre Neurosen, Anomalien und wahren Identitäten. Natürlich werden in "Lost" keine tiefenpsychologischen Studien geliefert, im Gegenteil: Manche Wendungen muten geradezu phantastisch an. Doch gleichzeitig werden so auch die üblichen Genre-Muster hintertrieben. Umso mehr interessiert man sich für die Figuren. Die Zuschauer werden über weite Strecken im Ungewissen gelassen, das schärft den Blick für die Details.

Genre-Crossover vom "Alias"-Erfinder

Der Biss und der düstere Witz, mit der in "Lost" die Regeln des Katastrophenfilms auf den Kopf gestellt werden, verwundern nicht, wenn man weiß, dass die ABC-Produktion von J. J. Abrams ersonnen wurde. Der TV-Autor, - Regisseur und Produzent zeichnet auch für die Serie "Alias" (lief ebenfalls bei ProSieben) verantwortlich, wo er ebenso intelligent mit den Genres spielte. Auf den ersten Blick kam "Alias" als Agententhriller daher, doch hinter dem undurchsichtigen Spionage-Endlos-Plot tat sich auch das Porträt einer dysfunktionalen Familie auf, deren Tochter hin und her gerissen ist zwischen den beiden Elternteilen, die für feindliche Geheimdienste arbeiten.

RTL-Absturzdrama "Verschollen": Führend in Sachen Einfallslosigkeit

RTL-Absturzdrama "Verschollen": Führend in Sachen Einfallslosigkeit

Diesen Sinn für soziale Paradoxien und menschliche Abgründe hat J. J. Abrams in "Lost" hinübergerettet. Außerdem steht ihm mit Damon Lindelof ein Autor zur Seite, der klassische Genres ebenfalls für das Fernsehen psychologisch und melodramatisch raffiniert aufzubereiten versteht: In dem Pathologinnen-Krimi "Crossing Jordan" (zurzeit bei Vox) lässt er seine soziopathische Heldin die aufzuklärenden Fälle gedanklich nachspielen.

Spekulationen im Internet

Dieses Spiel mit den Möglichkeiten ist es auch, was den Reiz von "Lost" ausmacht. Unheimlich wackeln und krachen die Palmen im Urwald, einige der Überlebenden werden gar von den unheimlichen, aber gestaltlosen Kreaturen getötet, und über den nur kurzzeitig wiederhergestellten Funk empfangen die Gestrandeten Signale, die offensichtlich schon viele Jahre alt sind. In den USA rätselten Fans der Serie deshalb schon in Foren darüber, ob die Passagiere womöglich nach Vorbild von "The Sixth Sense" ohne ihr Wissen ins Jenseits eingecheckt sind oder ob sie sich ganz einfach in einer gigantischen Reality-Show befinden. Die Grundatmosphäre animiert auf jeden Fall zum Spekulieren, aber auch zu höchster Konzentration. Die kostspielige Produktion von "Lost" (rund 60 Millionen Dollar für die 21 Folgen der ersten Staffel) gleicht der eines Kinofilms, die Dramaturgie aber nutzt konsequent die Optionen der Serie.

Erstaunlich, dass dieser Mix aus Mysterythriller und Survival-Soap in der deutschen Nachahmung so erbärmlich daherkommt wie "Verschollen", jener Trash-Opera, die zur Zeit auf RTL läuft. Auch hier muss sich eine Zufallsgemeinschaft auf einer einsamen Insel durchschlagen. Bei RTL heißt das allerdings: Chargieren vor künstlich flimmernder Blue-Screen-Kulisse. Billiger geht es nicht.

Konstante Verunsicherung

Eines der großen Rätsel des deutschen Fernsehens bleibt ja die Frage, weshalb man amerikanische oder englische Erfolgskonzepte so jämmerlich nachmacht, statt die Originale angemessen zu präsentieren. RTL ist da in Sachen Einfallslosigkeit führend. Hat der Sender mal sachverständig eine exzellente US-Serie im Programm verankert (wie zurzeit den Krimi "Monk"), muss sie gleich noch eigenhändig kopiert werden. Diese Woche ist deshalb Allzweckunterhalter Walter Sittler als "Herr Sand" als Profiler-Genie mit Waschzwang unterwegs. Technisch mutet das TV-Plagiat tadellos an, leider ist Sittler nicht so ein hervorragender Schauspieler wie "Monk"-Darsteller Tony Shalhoub. Wenn der Pilotfilm am Donnerstag eine gute Quote einfährt, geht "Die unlösbaren Fälle des Herrn Sand" natürlich trotzdem in Serie.

Abrams-Serie "Alias" (mit Jennifer Garner): Spiel mit den Möglichkeiten
NORMAN JEAN ROY/ TOUCHSTONE TELEVISION

Abrams-Serie "Alias" (mit Jennifer Garner): Spiel mit den Möglichkeiten

So schlicht die Programmgestaltung von RTL manchmal auch sein mag - in Konkurrenz zum Hype um "Lost" auf ProSieben hat man sich was Hübsches einfallen lassen und zeigt den Spielfilm "Jurassic Park III". Das ist in zweierlei Hinsicht interessant: Zum einen entstanden zentrale Szenen von "Lost" auf der pazifischen Insel Oahu, wo auch Teile der Dinosaurier-Trilogie gedreht worden sind. Zum anderen erinnern die schrägen Perspektiven und der düstere Grundton von "Lost" an den allgemein unterschätzten dritten Teil von "Jurassic Park". Wie bei der Urzeit-Fiktion bildet die Insel-Fauna und Flora ein Dickicht, das der Mensch nicht überblicken kann und das er immer nur in Ausschnitten und Andeutungen wahrzunehmen imstande ist. Das schafft eine Stimmung der konstanten Verunsicherung.

In den USA sollen sich durchschnittlich bis zu 20 Millionen Menschen dieser bohrenden Ungewissheit hingeben. Und auch wenn das kaum zum Bacardi trinken einladende Südsee-Ambiente von "Lost" nicht unbedingt ein attraktives Werbeumfeld hergibt, so bieten sich doch viele andere Möglichkeiten, um mit der Serie Geld zu verdienen. Allein der Product-Placement-Deal, der mit einem Süßwarenhersteller abgeschlossen wurde, als im Verlauf der Handlung der letzte Schokoriegel aus den Bordbeständen des abgestürzten Fliegers verspeist wurde, soll rekordverdächtig gewesen sein. Großes kommerzielles Puschenkino darf man das wohl nennen.

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.