US-Serie "West Wing" Reality-TV in neuer Qualität

Die amerikanische Unterhaltungsindustrie beginnt schneller als erwartet mit einer behutsamen Rückkehr zur Normalität: Die fiktionale Polit-Serie "The West Wing" überraschte mit einer pathetischen Spezialepisode zu den Terroranschlägen vom 11. September.
Von Tobias Moorstedt

Ein TV-Trailer im amerikanischen Fernsehen ist immer auch eine Ansprache an die Nation: "In den Nachwehen der Terroranschläge des 11. Septembers", sprach Martin Sheen, Hauptdarsteller der amerikanischen Polit-Sitcom "The West Wing" vergangene Woche aus den Fernsehern, "haben wir uns entschieden, die Saisonpremiere zu verschieben." In der überaus erfolgreichen Serie spielt Sheen den US-Präsidenten Josiah Bartlet, und was er seinem Publikum im besagten Trailer zu sagen hatte, war im ersten Moment nicht Neues - im US-Fernsehen wurde seit dem 11. September vieles verschoben, gekürzt oder abgesagt. Doch dann sprach Sheen weiter.

"Wir haben uns entschieden, den eigentlichen Handlungsstrang beiseite zu lassen und uns in einer Spezialfolge mit den Fragen zu beschäftigen, mit denen sich die Welt seit dem 11. September konfrontiert sieht." Sheen sagte all das in seiner Rolle als TV-Präsident Josiah Bartlet mit der amerikanischen Flagge im Hintergrund. Sein getragener Ton machte schnell klar, wer sich angesprochen fühlen sollte: die ganze Nation. Sheen hätte auch sagen können: "Genug des Schockzustands. Wir machen weiter."

"West Wing", vergangenes Jahr gleich mehrmals mit dem TV-Oscar "Emmy" bedacht, ist die erste fiktive Fernsehsendung, die sich explizit mit dem Thema Terror beschäftigt. In nur zwei Wochen schrieben die Autoren eine einstündige Spezialfolge, in der sich Präsident Bartlet mit ähnlichen Problemen konfrontiert sieht wie sein reales Pendant George W. Bush. Das ist nicht nur eine enorme organisatorische und kreative Leistung der TV-Produzenten, es erfordert auch jede Menge Mut. Der deutsche Regisseur und Produzent Wolfgang Petersen zeigte sich beeindruckt: "Das ist ein Zeichen. Wir schließen vor dem Terror nicht mehr die Augen. Wir schauen genau hin."

Noch vor einer Woche hatte das Feuilleton der "New York Times" halb bestürzt, halb hoffnungsvoll gefragt: "Wird die Pop- und TV-Kultur jemals so sein wie zuvor?" Knapp drei Wochen nach den Anschlägen gibt es die Antwort: Natürlich wird sie das.

Das Grauen des 11. Septembers erstmals fiktional verarbeitet

In den Kinos liefen am vergangenen Wochenende bereits wieder die ersten Action-Filme, der Kidnapping-Thriller "Don't Say A Word" mit Michael Douglas erlebte einen erfolgreichen Start. Die Spezialfolge von "West Wing" hat jedoch noch eine andere Qualität. Erstmals wurde das Grauen des 11. Septembers fiktional verarbeitet. Die Mut der Produzenten ging allerdings nicht so weit, den einstündigen Fernsehfilm auch auf den Außenschauplätzen des Terrors zu drehen. Die fiktive Regierungsmannschaft sitzt in einem Bunker unter dem Weißen Haus, hier sind sie sicher. Draußen spielt sich unsagbar Schreckliches ab, drinnen werden alle ein bisschen verrückt. "Du bist doch einer von denen", schreit ein Mann seinen Kollegen an, der schwarze Haare hat, und schwarze Augen. Es ist eine Art innerer Monolog im Mikrokosmos.

Der Vizepräsident hängt derweil mit einer Schulklasse in der Cafeteria des Regierungssitzes fest. Die Kinder sind schockiert. "Warum versucht jeder, uns zu töten?", fragt ein Junge den Vizepräsidenten, der weiße Haare hat und der es deshalb wissen muss. Und die Zuschauer fragen mit: Ja, warum? Der Mann mit den weißen Haaren sagt: "Es ist unsere Freiheit. Deshalb hassen sie uns." Und dann sagt er noch: "Ihr müsst auch in Zukunft an mehr als einen Wert glauben. Seid so pluralistisch, dass diese Irren verrückt werden." Es sieht den Amerikanern freilich ähnlich, selbst aus den brutalen Anschlägen des 11. September ein Zeichen ihrer Überlegenheit zu machen.

Am überdeutlichen Sendungsbewusstsein der Sendung entzündete sich denn auch prompt Kritik. Selbst "USA Today", beileibe nicht bekannt als Frontblatt der amerikanischen Intellektuellen, beschwerte sich nicht nur darüber, dass die Spezial-Episode "zu früh" nach den Ereignissen gesendet wurde, sondern vor allem über zu viel "Pathos und Plattitüden".

Denn normalerweise, muss man wissen, gründet die Serie "The West Wing" ihren Erfolg darauf, beinahe eine Satiresendung zu sein, die sich ungewohnt kritisch mit den Macht- und Ränkespielen hinter den verschlossenen Türen des Westflügels im Weißen Haus auseinander setzt. Doch in diesen Tagen gibt es keine Kritik. "Wir müssen trotz der schrecklichen Ereignisse weiterarbeiten", sagt Präsident Bartlet und klingt dabei wie der leibhaftige George W. Bush. Oder: "Auch Muslime sind Amerikaner." Fernsehunterhaltung als Plattform für politische Parolen, Reality-TV in einer neuen Qualität.

Doch die Krisen-Episode war eine einmalige Angelegenheit. In der nächsten Episode wird sich Präsident Josiah Bartlet alias Martin Sheen wieder ganz dem in der Serie anstehenden Wahlkampf widmen. Die Katastrophe hat im eigentlichen Inhaltsgefüge der Serie nie stattgefunden. Spätestens dann ist TV-Amerika ganz zurück in der Normalität.