S.P.O.N. - Der Kritiker Der deutsche Selbsthass

Barack Obama ist cool, stilvoll, ruhig - und genau deswegen beargwöhnt ihn der Berliner Politikbetrieb. Denn der US-Präsident erinnert daran, dass schöne Worte viel mehr sein können als nur schöner Schein. Deutschland hat dagegen eine Kanzlerin, die Worte am liebsten abschaffen möchte.

Obama hat die Wahl gewonnen, aber die Frage ist, ob er überhaupt zum Regieren kommt. Er muss sich ja erst mal durch all die deutschen Zeitungen arbeiten. "Obama muss Amerika jetzt versöhnen", brüllte ihm die "Süddeutsche Zeitung" auf Seite eins entgegen, und die "Frankfurter Allgemeine" forderte: "Obama muss sich bewegen". Es herrscht der Kommandoton.

"Es langt nicht, die Einheit der Nation in schönen Worten zu beschwören", trumpfte die "FAZ" in ihrem Kommentar zur Wahl auf, "sondern Obama muss im politischen Alltag, mit all seinen Widerwärtigkeiten, Interessengegensätzen und taktischen Erwägungen, darauf hinwirken." Halten wir fest: Die "FAZ" setzt Politik mit Widerwärtigkeit gleich, jedenfalls wenn es um die USA geht - in guter antiwestlicher Tradition, bekannt zum Beispiel aus der Weimarer Zeit.

Aber auch die öffentlich-rechtlichen Sender bewiesen nicht gerade besondere Politikkompetenz. Die ARD engagierte Matthias Opdenhövel als Moderator für ihre Wahlsendung. Doch warum soll jemand, der sonst das Spiel Schalke gegen Bayern ankündigt, plötzlich etwas zum Duell Obama gegen Romney zu sagen haben? Und im ZDF moderierte in der Zwischenzeit Markus Lanz. Keine Ahnung, wer auf die Idee kam, der Soft-Talker habe über Nacht gelernt, wie man ein politisches Gespräch führt.

Es ging ja auch bei dieser Wahl, das wurde bei all dem deutlich, vor allem um uns - dazu lassen sich die Medien sogar so hirnrissig sinnlose Sachen einfallen wie eine Umfrage, wonach 93 Prozent der Deutschen Obama wählen würden: eine Information, die nur eine ganz zarte Verbindung zu irgendeiner Art von Relevanz hat, aber dafür umso hingebungsvoller ausgedeutet wird. Das ist politischer Journalismus als Onanie.

Wie anders, angenehm und erwachsen ist da die Art und Weise, wie etwa Obama über Politik redet, wie er in seiner klaren, lässigen, bewegenden Rede in der Wahlnacht erklärt, was er tut, was er will, wie er eben mehr liefert als "Rhetorik" ("FAZ"), wie seine "Coolness" ("The New Yorker") schon Teil seiner Botschaft ist - denn Sprechpuppen in schlecht geschnittenen Anzügen sind noch keine besseren Menschen und schon gar keine besseren Politiker, und der Körper Obamas, seine Grazie und Würde, haben wiederum eine politische Dimension.

"Merkel muss erklären, was sie will"

"Wie er zum Podium tritt und dort steht", schreibt Adam Gopnik im "New Yorker", "macht auch deutlich, warum er gehasst wird. Obama ist ruhig und cool, er braucht im Grunde keine Anerkennung und keine Aufmerksamkeit" - und diese dann tatsächlich verdiente Selbstsicherheit bedeutet in seinem Fall eine auch geistige Unabhängigkeit, die seine Gegner, allesamt geltungssüchtiger als er, fast verrückt macht.

Es ist diese epische Qualität von Obama, die auch am Wahlabend wieder deutlich wurde - er ist der Politiker als Romanheld von eigenen Gnaden, und es ist kein Wunder, dass viele im deutschen Politikbetrieb nach weiteren vier Jahren Merkelmatschigkeit allergisch dagegen sind: Man will sich eben nicht daran erinnern lassen, dass bei uns die Größe und Weite des demokratischen Gesprächs durch ein Kanzlerinnenwort geprägt wurden, das im Grunde das Ende aller Politik bedeutet. Alternativlos.

Dabei sind es gerade das Schweben, das Gleiten, die Schönheit der Worte, was Politik auch ausmacht. Adam Gopnik beschreibt das anhand von Obama, aber auch von Lincoln, Roosevelt, Reagan - alles, wie er sagt, "höhere Lügner", die die Realitäten hinbogen, um das Mögliche möglich zu machen. Ein wichtiger Teil von Obamas politischer Intelligenz, so Gopnik, besteht darin, "dass er seinen Fiktionen treu bleibt".

Auch das ist natürlich schwer erträglich in einem Land, das einen Altkanzler verehrt, der einen wegen Visionen zum Arzt schickt, das einen SPD-Kandidaten hat, der in schnarrendem Ton von Zwängen und Realitäten redet, das eine CDU-Kanzlerin hat, die es geschafft hat, ihr Zaudern und Schlingern als sachlichen Politikstil zu verkaufen.

Und so wäre es bei dieser Wahl tatsächlich auch um uns gegangen, aber auf ganz andere Art als mit dieser Mischung aus Belehrung und Unterwürfigkeit, aus Überheblichkeit und Kleingeistigkeit, aus Amerikaverliebtheit, die oft nur eine andere Form des Anti-Amerikanismus ist, und einem Provinzialismus, der den eigenen Selbsthass maskiert. Wie wäre es für den Anfang mal mit der Schlagzeile in der "Süddeutschen Zeitung": "Merkel muss erklären, was sie will"?!