Tellkamp-Debatte Wie kann ein Mensch so unerbittlich sein?

SPIEGEL-Autor Stefan Berg stammt - wie Uwe Tellkamp - aus Ostdeutschland. Er wundert sich über die soziale Kälte in dessen jüngsten Aussagen zur Flüchtlingspolitik und wirbt dafür, sich an Erich Kästner zu halten.
Besucher auf der Buchmesse in Leipzig

Besucher auf der Buchmesse in Leipzig

Foto: Hendrik Schmidt/ picture alliance / Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

"Dresden ... in den Musennestern, wohnt die süße Krankheit Gestern ..."
("Der Turm", Uwe Tellkamp)

Mehrmals habe ich mir die Aufzeichnung des in Dresden geführten Streitgesprächs zwischen den Schriftstellern Uwe Tellkamp und Durs Grünbein angeschaut. Eigentlich wollten sie darüber diskutieren, wie es um die Meinungsfreiheit in unserem Land steht, aber meist ging es um den Umgang mit jenen, die als Zuwanderer oder als Flüchtlinge bezeichnet werden. Als suchte ich Schutz vor den Schlagwörtern dieses Abends, griff ich danach zu einem Buch Erich Kästners, ein "Deutscher aus Dresden in Sachsen", wie er bekennt.

Was würde er zu dem sagen, was ich gerade gehört hatte?

Seitdem gehen mir Fragen durch den Kopf, Fragen nach der Verantwortung von Schriftstellern in schweren Zeiten und Fragen an Uwe Tellkamp:

Vielleicht haben Sie sich Ihren Auftritt noch einmal selbst angesehen. Oder besser: angehört. Dann werden Sie bestimmt auch darüber erschrecken, dass Ihr Tonfall so ganz anders ist als der des großen Erich Kästner oder der Ihres eigenen literarischen Werks.

Uwe Tellkamp (l.) und Durs Grünbein mit Moderatorin Karin Großmann

Uwe Tellkamp (l.) und Durs Grünbein mit Moderatorin Karin Großmann

Foto: Dietrich Flechtner/ dpa

Zeitweilig verfallen Sie in einen Droh-Ton, wie man ihn von Vernehmern oder Unteroffizieren kennt. Ich frage mich: Woher kommt dieser merkwürdige, fast kindische Wille, jemanden zu überführen; sei es die Moderatorin als schlechte Journalistin, sei es Grünbein als Kamerad Wankelmut? Woher kommt Ihr seltsames Beleidigtsein?

Die Gemeinsamkeiten

Wenn ich unsere beiden Lebensläufe nebeneinanderhalte, Sie Jahrgang 1968, ich vier Jahre älter, dann zählen wir wohl zu denjenigen, die vom Fall der Mauer über die Maßen profitieren. Jetzt haben wir nicht nur die Freiheit, unsere Gedanken auszudrücken, sie werden nun auch gedruckt. Und wir können beide damit unseren Lebensunterhalt bestreiten. Mich macht dies dankbar. Ich frage mich: Warum spüre ich bei Ihnen so wenig davon? Wie kann ein derart mit Talent und Erfolg beschenkter Mensch so unerbittlich sein? Woher dieser Gefühlsstau?

Ihre Hauptklage gilt einem nach Ihrer Meinung existierenden linken, westdeutschen Meinungskartell, welches, im Zustand der Hybris, Denkverbote verhänge. Ihre Vorhaltungen gegen die sogenannten Mainstream-Medien und deren Macher bringen mich nun in die kuriose Situation, meine westdeutschen Kollegen in Schutz nehmen zu müssen. Nein, meine Kollegen werden nicht von geheimen Kräften gesteuert, sie sind keine Gehorcher der Kanzlerin.

Ich will einräumen, dass es nicht immer ganz leicht ist, in einem von Westdeutschen und deren Erfahrungen und (manchmal auch) Unerfahrenheit dominierten Diskurs durchzudringen. Mancher Kollege verblüffte mich schon mit seiner Allwissenheit, zu der ich einfach nicht fähig bin. Natürlich wünsche ich mir von meinen westdeutschen Kollegen, sie würden sich öfter in die Ost-Geschichte hineindenken, so wie ich mich unentwegt in die West-Geschichte hineindenke. Aber in all den Jahren meines Diaspora-Daseins habe ich nicht an der Überzeugungskraft des Wortes gezweifelt, auch nicht des eigenen. Und bitte, schauen Sie in den SPIEGEL und lesen Sie nach, wie oft in Leitartikeln die Kanzlerin für ihre Politik des Problembeschweigens gerügt wurde. Und lesen Sie die Warnung davor, jeden Kritiker des Islam zum Nazi zu stempeln.

These vom "Gesinnungskorridor"

Ich selbst habe, unter Bezug auf Elias Canetti, über meine eigene "Berührungsfurcht" geschrieben und die Angst vieler Einheimischer vor einem schleichenden Heimatverlust beschrieben. Ihre Auflistung, mit der Sie die These vom "Gesinnungskorridor" belegen wollen, ist von jener Einseitigkeit, die Sie anderen vorhalten. Warum bestärken Sie diejenigen, die Verschwörung wittern? Sie beklagen Pauschalurteile über "die Dresdener", "die Ostdeutschen", die es gab und gibt. Wäre Ihre Kritik nicht glaubwürdiger, wenn Sie nicht gleichermaßen pauschal über Journalisten, Zuwanderer, Muslime reden würden?

Wenn ich mir die Aufzeichnung des Streitgesprächs aus dem Dresdener Kulturpalast anhöre, dann erschrecke ich vor allem über die Kälte, mit der Sie über Menschen hinwegreden. Wie kann einem Dresdener angesichts der Trümmerlandschaften, in die Syrien, der Irak, Afghanistan, Jemen verwandelt wurden, so leicht die Floskel vom "Einwanderer in unsere Sozialsysteme" über die Lippen kommen? Als hätte jemand leichten Herzens eine Wanderschaft hinter sich gebracht, von Aleppo nach Dresden. Motto: Ich bin dann mal weg...

Syrische Rebellen in al-Bab, einer Stadt in Aleppo, Februar 2017

Syrische Rebellen in al-Bab, einer Stadt in Aleppo, Februar 2017

Foto: NAZEER AL-KHATIB/ AFP

Auch ich weiß, dass wir nicht alle Menschen, die zu uns wollen, aufnehmen können. Aber ist das ein Grund, dass wir Wohlständigen so über Wohlstandslose reden? Einwanderer sind zuallererst Auswanderer. Haben Sie deren und Ihre eigene Erwartung an das Leben einmal verglichen?

Kommt Ihnen nie der Gedanke, dass Sie sich eines Tages womöglich ebenfalls auf den Weg machen könnten oder müssten, weil Sie hier nichts mehr verdienen können? Weil Sie ja Linken misstrauen, empfehle ich ein Gespräch mit Ex-Bundespräsident Horst Köhler über Deutschlands Anteil an den Zuständen in weiten Teilen Afrikas.

Angst vor Terror

Ja, auch mich beunruhigt die Aussicht, dass Migranten ungesteuert nach Deutschland kommen. Aber ist das ein Grund, derart zynisch über Menschen zu reden? Auch mich ängstigt der Terror. Aber wissen Sie nicht, dass die Mehrzahl der Opfer islamistischen Terrors Menschen muslimischen Glaubens sind?

Sie wehren sich zurecht dagegen, alle Kritiker der Flüchtlingspolitik pauschal als Nazis abzustempeln. Aber werben Sie bei diesen Kritikern auch dafür, dass sie ebenfalls differenzieren, wenn sie über hier ankommende Menschen muslimischen Glaubens sprechen? Sie haben in Dresden die Gewaltausbrüche und den Protest gegen die hier Ankommenden als Folge einer falschen Politik von Angela Merkel beschrieben. Aber haben Sie die Empörten darauf hingewiesen, dass unser Grundgesetz die Würde des Menschen unter Schutz stellt - und nicht nur die Würde des Deutschen?

Wenn ich heute sagen sollte, was ich von Schriftstellern in schwierigen Zeiten wie diesen erwarte, dann, dass sie die Fahne der Menschlichkeit hochhalten, für die Liebe zum Nächsten eintreten, ja, auch zum Übernächsten. Ich erwarte, dass sie sensibilisieren, nicht desensibilisieren. So habe ich den Menschenfreund Erich Kästner immer verstanden. Und so hat Literatur zu meiner ganz persönlichen inneren Sicherheit beigetragen.

Wenn ich frühere Interviews von Uwe Tellkamp lese, dann war es bei ihm wohl ähnlich. Ich stelle mir vor, wir wären einander während der Zeit bei der Armee, der NVA begegnet, er Unteroffizier und Panzerkommandant, ich Bausoldat ohne Waffe. Er in der Hoffnung auf ein Medizinstudium, ich ohne Aussicht, überhaupt studieren zu können. Wohl hätten wir gestritten. Und doch hätte es da etwas Verbindendes gegeben, eben Literatur. Er trug Texte von Wolf Biermann bei sich. Biermann sang so traurigfroh: "Du lass dich nicht verhärten, in dieser harten Zeit."

Ich zitierte oft Kästner. Am liebsten: "Was auch immer geschieht: Nie dürft ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man euch zieht, auch noch zu trinken!"