Vampir-Serie "True Blood" Kann denn Saugen Sünde sein?

Der romantische Vampir-Mythos lebt, aber einer zeigt, wie es wirklich sein könnte: TV-Produzent Alan Ball entwirft in "True Blood" eine Welt, in der Draculas dank Kunstblut unter Menschen leben können. Die humorvoll-hintergründige Serie läuft jetzt auch im deutschen Fernsehen.

Sind Drogen etwa doch eine Lösung? In "True Blood" augenscheinlich schon: In der neuen Serie von "Six Feet Under"-Erfinder Alan Ball sorgt die industrielle Produktion von synthetischem Blut für eine Revolution, denn nun müssen sich die Vampire der Welt nicht mehr von den Sterblichen ernähren. Daraufhin drängen die über Jahrhunderte verfemten Sauger aus dem Untergrund in den Mainstream der Gesellschaft, doch ein Großteil der Menschen begegnet ihnen weiterhin mit Vorurteilen, Angst und Abscheu.

Seriendarsteller Paquin, Moyer in "True Blood": Biss im Abendprogramm

Seriendarsteller Paquin, Moyer in "True Blood": Biss im Abendprogramm

Foto: HBO

So die phantastische Prämisse der vieldiskutierten HBO-Produktion, die am Montag ihre Deutschlandpremiere im Programm von 13th Street hat. Die Vorlage lieferte die US-Autorin Charlaine Harris mit ihren Mystery-Romanen um Sookie Stackhouse, die in der Kleinstadt Bon Temps, Louisiana lebt. In der TV-Adaption übernimmt Anna Paquin ("X-Men") die Rolle der Hauptfigur, die in der tiefsten Südstaatenprovinz mit den Auswirkungen der Untoten-Emanzipation konfrontiert wird.

Dabei hat Sookie, selbst keine Blutsaugerin, mit einer besonderen Eigenheit ihrer Existenz zu kämpfen, denn die junge Frau hört unfreiwillig die Gedanken ihrer Mitmenschen. Wenn sie als Kellnerin in der Bar von Sam Merlotte (Sam Trammell) arbeitet, sorgen die geheimen Wünsche und Absichten der Gäste für kakophones Rauschen in ihrem Kopf. Die meisten der aufgeschnappten Gedankenfetzen sind zudem von eher unerfreulicher, da anzüglicher Natur - denn als übersinnlich begabte Servicekraft im engen T-Shirt und Hotpants eine Dorfkneipe voller Machos im Triebstau zu durchmessen, ist ein sexistischer Alptraum, gegen den Draculas resozialisierte Nachkommen nahezu harmlos wirken müssen.

Darum eilt Sookie auch sofort dem just in Bon Temps eingetroffenen Vampir Bill (Stephen Moyer) zu Hilfe, als dieser in der Bar an ein kriminelles Hinterwäldlerpärchen gerät. Das Gangster-Duo will nichts Geringeres als Bills Blut, denn der Lebenssaft der Vampire wird als aufputschender "V-Juice" hoch auf dem illegalen Drogenmarkt gehandelt. Mit handfestem Einsatz bewahrt Sookie den zwar 173 Jahre alten, aber optisch taufrischen Bill vor der Komplettschröpfung, was für beide den Beginn einer ebenso ungewöhnlichen wie folgenreichen Bekanntschaft markiert.

Dass er in Sachen Morbidität keine Berührungsängste kennt, hat Ball im Bestattungs- und Beziehungsreigen von "Six Feet Under" bewiesen. "True Blood" wiederum kommt zu einer Zeit, da der romantische Vampirmythos wieder einmal eine Renaissance in der Popkultur erlebt. Doch mit keuschem Händchenhalten nach dem Motto "Kein Biss vor der Ehe", wie es etwa das populäre Teenager-Märchen "Twilight" propagiert, hat das explizite Erwachsenenprogramm wenig gemein.

So offensiv, wie es das amerikanische Pay-TV erlaubt

In Bild und Wort so offensiv, wie es das amerikanische Pay-TV eben erlaubt, betonen schon die ersten beiden Folgen der Serie das traditionell erotische Moment des Vampirismus. Auch sonst entpuppt sich das Fleckchen Bon Temps als ein schwüles Sündenbabel, in dem neben der Ekstase stets der Tod lauert. So gibt es im Zusammenhang mit dem gewaltsamen Ableben einer Frau gleich mehrere verdächtige Liebhaber - Vampire wie Normalsterbliche -, darunter auch Sookies promisken Bruder Jason (Ryan Kwanten). Der Fall eröffnet denn auch einen Handlungsbogen, der sich über die nächsten Folgen erstreckt.

Der dramaturgische Kniff, das fremdartige Verhalten der vermeintlichen Monster mit den furchterregenden Abgründen der menschlichen Protagonisten zu kontrastieren, ist wahrlich nicht neu, aber unverändert reizvoll. Das dramatische und satirische Potential von "True Blood" ist jedenfalls immens: Wie ist es um ein Gemeinwesen bestellt, das sich als Kultur von Abhängigen entpuppt? Blutrünstige Vampire auf kontrolliertem Entzug, die selbst zur Beute von Hämoglobin-Junkies werden, sind da nur das spektakulärste Beispiel. Sucht ist hier bestimmendes Motiv, ganz gleich ob es um Sex, Macht, Glaube oder gar Liebe geht. Denn schließlich offenbart die Sehnsucht ihr zwanghaftes Wesen schon im Wort.

Das düstere Szenario wird durch den ebenso schwarzen Humor der Serien-Welt komplettiert, in der Angelina Jolie ein Vampir-Baby adoptiert und bigotte Fernsehprediger gegen die blutsaugende Minderheit wettern. Hoffnungsvolle Lichtgestalt im Dunkel bleibt daher Sookie Stackhouse, die sich trotz privater Traumata standhaft weigert, aus ihrem Herzen eine Mördergrube zu machen.

Anna Paquin, die für ihre Darstellung der Gedankenleserin wider Willen mit einem Golden Globe ausgezeichnet wurde, bringt die Figur tatsächlich ganz betörend zum Leuchten. Und in der zweiten Episode erlebt ihre Sookie zwischen all den Ausführungen über Saugen und Sex einen bemerkenswerten, widersprüchlichen Augenblick der Sinnlichkeit mit Bill. Ohne Details der Szene preiszugeben: Es ist ein äußerst blutiger und doch rührender Moment, in dem sich Begehren und Unschuld aufs Schönste und Seltsamste verschränken.

Das verspricht viel für die kommenden Folgen, und es scheint durchaus möglich, dass "True Blood" so ein experimentierfreudiges Publikum dauerhaft anfixen kann.


"True Blood": Ab 11. Mai um 20.13 Uhr bei 13th Street

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