Vaterschafts-Soap "Er oder Er" Vom Copyright am eigenen Kind

In der neuen Vaterschafts-Soap "Er oder Er" geht es um Väter, die nicht genau wissen, ob sie es waren, und um Kinder, die ihre Väter suchen. Zweifelhafte Hilfe zur Selbsthilfe leisten die Sanitäter von RTL2.

Von Henryk M. Broder


Schon die alten Römer kannten das Problem. "Pater semper incerta est." Man weiß nie genau, wer der Vater ist. Bei den Juden war in biblischer Zeit die Eheschließung zwischen Geschwistern der gleichen Mutter verboten, zwischen Geschwistern des gleichen Vaters erlaubt. Der galt ohnehin nur als Fremder im Haus, als Diener in der Mutterfamilie. Vor etwa 1000 Jahren hat dann eine Rabbinerversammlung entschieden, dass es nur auf die Mutter ankommt: Jude ist, wer von einer jüdischen Mutter geboren wurde, der Vater ist unwichtig. Auf diese Weise wurden Konflikte entschärft. Das Kind gehörte zur Gemeinde, auch wenn sein Vater ein besoffener Kosake oder Kreuzfahrer war, der auf dem Weg ins Heilige Land irgendwo vom Pferd gefallen war.

Rückblickend muss man sich fragen: Woher nahmen die Römer und Juden ihre Weisheit? Ohne den digitalen Vaterschaftstest, ohne RTL2 und ohne die neue Doku-Soap "Er oder Er - Wer ist der Vater?" über "Mütter, Väter und Kinder auf der Suche nach der Wahrheit". Es ist ein Thema, das die Menschen noch immer umtreibt. In jeder dritten Talkshow werden inzwischen öffentliche Vaterschaftstests veranstaltet und im Radio bieten Labore ihre Hilfe bei der Lösung der Frage "War ich es oder war ich es nicht?" an. Allem emanzipierten Gerede von der "sozialen Vaterschaft" und der "erzieherischen Arbeit" zum Trotz, wenn es um das Coypright am eigenen Kind geht, werden vor allem die Männer nervös. Die Vorstellung, ein anderer könnte nicht nur reingesteckt, sondern sich auch verewigt haben, treibt sie in den Wahnsinn. Das heißt: Ab ins Fernsehen, wo es für jedes Schicksal das passende Format gibt. Nun also auch für Väter, die unbedingt wissen wollen, ob sie es wirklich sind.

Wie Christian, 31, dem seine Freundin Jennifer, 25, in einem Wutanfall zugerufen hat: "Du bist nicht der Vater von Jill!" Obwohl Christian und Jennifer kein Paar mehr sind, macht er einen Vaterschaftstest. Dann kommt "der Augenblick der Wahrheit", die Vaterschaft ist "praktisch erwiesen", Christian bricht vor Glück in Tränen aus. "Ein anderes Ergebnis hätte ihn zerstört", sagt eine Stimme aus dem Off. Freilich, nach nur anderthalb Wochen hat er "keinen Bock mehr", nun, da er mit 99,9999-prozentiger Sicherheit weiß, dass er der Vater der kleinen Jill ist, verliert er das Interesse an dem Kind. Mutter Jennifer ist wieder allein, aber sie hat "ihr Leben aufgeräumt und allen bewiesen: Ich bin keine Schlampe".

"Mutter Hure, Vater unbekannt"

Nächster Fall: Tom, 25, und Franziska, 22, haben eine Tochter, Finchen, 2. Das steht fest. Die Frage ist nur, ob vielleicht Andre, Toms bester Freund, Finchens Vater sein könnte, denn er "kümmerte sich" intensiv um Franziska, als es zwischen ihr und Tom kriselte, wie es gute Freunde eben tun. Nun sitzen Tom und Franziska beim Rechtsanwalt, der hält einen großen weißen Umschlag in der Hand und sagt: "Wir werden jetzt auflösen", wie Jörg Pilawa bei der Frage, wie lange der Dreißigjährige Krieg gedauert hat. Der Tom war's! In der Anwaltskanzlei bricht Jubel aus. "Franziska kann es kaum fassen, Tom ist der Vater von Finchen, alle Zweifel sind besiegt." Auch Tom freut sich und Finchen plärrt wie bestellt "Papa!" ins Mikrofon.

Da hat Rosemarie, 41, weniger Glück. Ihr Großvater hat ihr erzählt, ihre Mutter habe sich "rumgetrieben", als Prostituierte auf der Reeperbahn. Rosemarie ahnt: "Mein Vater ist nicht mein biologischer Vater." Und: "Mein Onkel ist auch nicht mein Vater." In beiden Fällen ist der Test negativ ausgefallen. Rosemarie ruft ihren "Papa" an. "Du bist es nicht, der Onkel ist es auch nicht. Weißt du, wer es sein könnte?" Papa sagt: "Da haben wir die Scheiße", worauf Rosemarie ihre Mutter anruft, mit der sie seit 20 Jahren nicht mehr gesprochen hat, und sie bittet: "Überleg es dir gut und ruf mich an." Aber nach über 40 Jahren kann Rosemaries Mutter die Frage, "wer es wirklich war", nicht mehr beantworten. Rosemarie bleibt nur die bittere Erkenntnis: "Mutter Hure, Vater unbekannt."

Das sind Geschichten, die so lange nichts wert sind, wie sie nicht vom Fernsehen entdeckt werden. Es gibt inzwischen Doku-Soaps über Handwerker, Häuslebauer, kinderreiche Familien, Schrebergärtner, werdende Eltern und depressive Haustiere, und sie werden alle nach dem gleichen Muster produziert. Wo es Exhibitionisten gibt, da gibt es auch Voyeure oder umgekehrt, von Information kann keine Rede sein, von Dokumentation nur sehr bedingt, bleibt nur eine Kategorie: Soap!

Die Frage aller Fragen aber, die noch schwerer wiegt als die, ob Christian die kleine Jill gezeugt hat, Tom der Vater von Finchen ist und mit wem es Rosemaries Mutter vor über 40 Jahren getrieben hat, ist: Warum tun sich die Menschen so etwas an? Um einmal im Leben ins Fernsehen zu kommen? Um sich an ihren Eltern zu rächen? Um ihren Kindern die Zukunft zu vermiesen?

Das kann es nicht sein. Hoffen wir also, dass alles nur erfunden ist, "Er oder Er" ebenso wie "GZSZ" oder Al Bundy und seine schrecklich nette Familie. Denn wenn es wahr wäre, wenn es Tom, Franziska, Christian, Jennifer, Rosemarie und all die anderen wirklich gäbe, dann wäre nicht das Fernsehen eine offene Anstalt, sondern das Leben. Und das wäre noch schlimmer als ein Vaterschaftstest mit ungewissem Ausgang.



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