Katalog zur Venedig-Biennale Die Schau beginnt schon hier

Ein Katalog, der ein Künstlerbuch ist: Der Grafiker Chris Rehberger hat mit seinem Büro das spannende Begleitbuch zur 56. Venedig-Biennale gestaltet - und Banner, Poster, Merchandising für die Schau.

Double Standards

Der Auftrag kam ziemlich überraschend. Okwui Enwezor, Kurator der 56. Venedig-Biennale, hatte Chris Rehberger angesprochen und nach einem Entwurf für den Katalog der Ausstellung gefragt. "Und wenn der neue künstlerische Direktor der Biennale anruft, überlegt man nicht mal zwei Sekunden, ob man Ja sagt und einen Vorschlag macht", erzählt Rehberger - der sich für diesen Auftrag gar nicht beworben hatte.

Rehberger ist Grafiker und Chef des Berliner Büros Double Standards. Gemeinsam mit seinen zwölf Mitarbeitern entwickelte er zwei unterschiedliche Entwürfe. Die stießen sofort auf Gegenliebe. "Es ging rasant mit einer Einladung nach Venedig los, und im Oktober ging es genauso rasant an die Umsetzung", sagt Rehberger.

"Bei Enwezor gibt es bewusst keine Didaktik"

Zwei Bände hat der Katalog der 56.Venedig-Biennale nun: Der eine beschäftigt sich mit der zentralen internationalen Ausstellung, die "All the World's Futures" heißt und von Enwezor, gleichzeitig Direktor des Münchner Hauses der Kunst, kuratiert wird. Der andere zeigt die nationalen Präsentationen in den einzelnen Länderpavillons.

Der Katalog ist mehr als eine Wiederholung und Erläuterung des Ausgestellten. Er ist eher ein Künstlerbuch, in dem der Kurator Enwezor Unterhaltungen mit den Künstlern über alle möglichen Zukünfte der Welt und den dafür erforderlichen Perspektivwechsel führt. Es gibt in dem Band oft nur Skizzen zu sehen und keine fertigen Arbeiten. Außerdem geht es um den theoretischen Hintergrund, zum Beispiel über die Verbindung von Karl Marx und Rousseau. Auch sind Briefe zwischen Marx und Engels als Faksimiles abgedruckt.

"Ich finde es spannend, dass jemand vom Leser und Betrachter verlangt, sich darauf einzulassen, wenn er zum Beispiel diese Briefe wie ein Objekt behandelt", sagt Rehberger. Heute sei es ja so, dass Kataloge fast schon zu erklärend seien, damit der Leser das Werk des Künstlers auch wirklich versteht. "Aber bei Enwezor gibt es bewusst keine Didaktik, die Künstler werden nicht nach Räumen oder alphabetisch vorgestellt, sondern im Kontext des Themas, zwischen Texten oder dem Vorwort von Enwezor, das nicht vorn, sondern irgendwo mittendrin steht."

Enwezor habe ihnen alle Entscheidungen überlassen, "ein unglaubliches Vertrauen, obwohl wir noch nie für ihn gearbeitet hatten." Die Form habe sich dann aus dem Material selbst ergeben, man habe gemerkt, wie die Abfolge sein muss, "wie atmet man sich durchs Buch, wann wird es mir langweilig, das sind ja immerhin knapp 400 Seiten", sagt Rehberger.

Ein einfacher Stempel als Corporate Identity

Rehbergers Büro Double Standards hat aber nicht nur den Katalog gestaltet, sondern das ganze Erscheinungsbild der Biennale entworfen, vom Bauklotzkasten fürs Merchandising über das Leitsystem durch die Ausstellung bis zum Kurzführer, Flyer, Banner oder Poster.

Darin hat das Büro Erfahrung: Für das Magazin "Bauwelt" entwickelte Double Standards die Corporate Identities genauso wie für die Schirn in Frankfurt, für unzählige Ausstellungen wie kürzlich für die Afrika-Schau im Vitra-Design-Museum. Einen einfachen Stempel bekam die Berliner Theatergruppe andcompany&Co. Dem HAU in Berlin gab Rehberger das Erscheinungsbild unter Matthias Lilienthal, mit dem man für die Kammerspiele München weiterarbeiten wird. Und als Typograf entwickelte er Schriften für das Berliner Haus der Kulturen der Welt, für Ausstellungen und Künstler.

Mit Künstlern arbeitet er gern, wie mit seinem Bruder, dem Bildhauer Tobias Rehberger, oder mit Olafur Eliasson, für den er den Katalog für die "Weather Report"-Schau in der Tate Modern gestaltete. Aber am liebsten entwirft er die Plattencover für das eigene, mit Freunden gegründete Label "Perlon Records".

Zeit bleibt da wenig, aber für seine Familie und zum Lesen und Träumen reicht sie: Von einem Verlag zum Beispiel, den er gern gründen würde, oder einer Galerie für Grafik. Ach ja, und ein Auto bauen, das wär's! Könnte klappen, wenn Rehberger sich an seine eigene Erfahrung hält: "Wenn ich geduldig bleibe und weiter den Wunsch hege, sind die Sachen immer passiert."


"All the World's Futures" - 56. Kunstbiennale in Venedig: 9.5.-22.11., www.labiennale.org



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