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Venedig-Geheimtipps: Schwung im Dach, Treppe in der Schwebe

Foto: Associazione Archivio Storico Olivetti

Venedig-Geheimtipps Schwung im Dach, Treppe in der Schwebe

In der Lagunenstadt sind endlich zwei Meisterleistungen des Architekten Carlo Scarpa restauriert worden. Sie beweisen nachhaltig, wie Moderne und Tradition zusammenfinden können - und sind Oasen der Ruhe zwischen Biennale-Rummel und überlaufenen Touristenattraktionen. 

Eine Biennale , noch dazu im Sommer in Venedig, kann ziemlich anstrengend sein. Lange Wege, zu viel Hitze in verdunkelten Videoräumen, in denen selten Bänke stehen, Warteschlangen vor einigen Länderpavillons, an den Theken der wenigen Cafés und, man mag es kaum erwähnen, vor den Toiletten sowieso.

Wer sich vom Stress des Kunstguckens zwischendurch erholen will, dem sei eine Pause vor Ort empfohlen, natürlich mit Kultur. In diesem Fall mit Baukunst, die gleichzeitig Bau- und Biennale-Geschichte ist und noch dazu eine Oase der Ruhe inmitten der Biennale.

Im zentralen Pavillon versteckt: ein Skulpturengarten

Vom Skulpturengarten des venezianischen Architekten Carlo Scarpa ist die Rede, der versteckt im zentralen Pavillon in den Giardini liegt; die meisten Besucher kennen ihn nicht. Links muss man sich vom Eingang aus halten, durch ein paar Ausstellungsräume gehen, dann steht man vor einer Glastür zum Innenhofgarten, den Scarpa 1952 für die 26. Biennale entworfen und gebaut hat.

Mehrere lange schmale Wasserbecken mit kleinen Fontänen ziehen sich vor den hohen Mauern entlang, dazwischen unspektakuläre Grünpflanzen. Zwei halbkreisartige Betonträger, die quer im Garten stehen und ihn in seiner Länge gliedern, tragen eine schwungvolle Dachscheibe, die dem Garten Schatten gibt und ihn zu einem Raum zusammenfasst. Bänke gibt es nicht, aber man kann wunderbar auf den niedrigen Mauern am Rande der Wasserbecken sitzen und sich die Vielfalt von Scarpas Materialien ansehen: eingelassenes Mosaik im Dach, verschiedene Farbigkeiten des Betons, auf dem Boden simple rechteckige und quadratische Waschbetonplatten, rote Ziegelsteine für die Mäuerchen, die manchmal auch für eine Bepflanzung genutzt werden, rote und weiße Steine, in Streifen vermauert, für die hohen Wände. Bis vor wenigen Jahren war der Skulpturengarten von Carlo Scarpa völlig heruntergekommen, eine Blamage, besonders wenn die Architekturbiennale in den Giardini stattfand. Erst unter dem Biennale-Präsidenten Paolo Baratta, der sich besonders für Architektur interessiert, wurde er renoviert.

Carlos Scarpa, der am 2.6.1906 in Venedig geboren wurde und zu den wichtigsten Architekten seiner Generation zählt, war eng mit der Biennale verbunden. Schon 1942 entwarf er zusammen mit Mario De Luigi die Ausstellungsarchitektur zur Schau "Arturo Martini" im zentralen Pavillon in den Castello-Gärten. Danach arbeitete Scarpa 30 Jahre lang für die Biennale, er gestaltete Ausstellungen und entwarf Installationen. Scarpa baute auch in den Castello-Gärten: 1950 den Bücherpavillon, 1952 den runden Ticketkiosk am Eingang und 1954 den wunderschönen Venezuela-Pavillon zwischen den Ausstellungshäusern Russlands und der Schweiz.

Jeder Architekturfan kennt die spektakulären, trotzdem zeitlosen und skulpturalen Scarpa-Bauten wie das "Museo di Castelvecchio" in Verona, das Grabmal der Familie Brion in San Vito d'Altivole in der Nähe Venedigs oder natürlich den Umbau der Fondazione Querini Stampalia in Venedig.

Wieder erstanden am Markusplatz: der Olivetti-Schauraum

Aber einen ganz besonders schönen Entwurf, der die Besonderheiten in der Architektur Scarpas wie in einem Brennglas zusammenfasst, kennt fast niemand: Es ist der Olivetti-Schauraum in den Prokuratien am Piazza San Marco 101 in Venedig.

In den letzten Jahren hätte man ihn allerdings auch niemals als eine Architektur von Carlo Scarpa erkannt, denn Olivetti hatte seinen ehemaligen Vorzeige-Raum an einen Händler mit Billigkunst und Touristentrash vermietet, der es beinahe schaffte, dass nichts mehr von den durchdachten Details zu sehen war.

Und dieses Jahr - ein Wunder! Als man vorbeiging und am liebsten gar nicht hingucken wollte, war er wieder da, der frühere Olivetti-Schauraum! In alter Pracht, sogar mit alten Olivetti-Schreibmaschinen auf den von Scarpa eigens für den Laden entworfenen, von der Decke hängenden Holztischen. Jetzt kann man den schmalen langen Raum mit Zwischengeschoss und Galerie wieder besichtigen wie ein kleines Museum.

1956 hatte Scarpa, der damals noch relativ unbekannt war, den Olivetti-Preis für Architektur erhalten. Adriano Olivetti (1901-1960), ein großer Architekturkenner und Mäzen, hatte ihn ins Leben gerufen, und er beauftragte Scarpa mit dem Bau der Geschäftsräume am Markusplatz.

Scarpa öffnete den tiefen dunklen Raum durch große Schaufenster, die er mit gestalteten Messingrahmen fasste, das Fenster zum Kanal versah er mit Holzgitterstrukturen, die die Lichtspiegelungen des Wassers filtern. Vom seitlich versetzten, eingezogenen Eingang übersieht man über ein innenliegendes, in den Boden eingelassenes Wasserbecken aus schwarzem Marmor und über eine vergoldete Skulptur hinweg den gesamten Raum bis zu den balkonartigen Galerien mit ellipsenförmigen Holzfenstern. Das schönste ist die Treppe, oder besser die schwebende Treppenskulptur aus hellem Marmor, die Scarpa der Treppe Michelangelos für die Biblioteca Laurenziana in Florenz nachempfunden hat.

Wenn man also auf dem Markusplatz irgendwann in einer Schlange steht, sei es vor dem Markusdom oder dem Campanile, dann sollte man sich lieber Olivetti ansehen. Und wenn man danach Scarpa-Fan ist, kann man gleich ins Museo Correr nebenan gehen - auch das wurde von Scarpa umgebaut.


Olivetti-Schauraum  in den Prokuratien am Piazza San Marco 101, Venedig.

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