Venus-Ausstellung Neckische Nackedeis

Variationen des weiblichen Aktes: Die Schau "Venus - Bilder einer Göttin" zeigt Meisterbilder von Rubens bis Cézanne.

Von Sven Siedenberg


Venus von Courbet: Mythische Urmutter, Inkarnation des Weiblichen

Venus von Courbet: Mythische Urmutter, Inkarnation des Weiblichen

Entzückend dieser sanft nach rechts geneigte Kopf, auf dem sich lockiges Haar kräuselt, das voller Spannkraft bis zum Knie herunterwellt. Aufreizend, dieser nackte, in der Pose einer antiken Statue gemalte Frauenkörper, der golden glänzt und mit seiner Makellosigkeit und mit seinem Kurvenreichtum auch sehr gut in einen heutigen Pirelli-Kalender passen würde.

Die Venus von Sandro Botticelli stammt aber aus dem Jahr 1488. Sie eröffnet die grandiose Schau "Venus - Bilder einer Göttin", die mehr als 120 Meisterwerke aus den vergangenen fünf Jahrhunderten versammelt und bereits in Köln auf großes Publikumsinteresse stieß. Nun ist sie in der Alten Pinakothek in München zu sehen.

Mythische Urmutter, Inkarnation des Weiblichen, Sinnbild der Schönheit, Göttin der Liebe: Venus, laut Sage einst auf den Schaumkronen des Meeres geboren, verkörpert viele Rollen. Und immer ist sie eine sinnliche Verlockung, die sich mal neckisch entblättert, dann wieder lustvoll räkelt oder unschuldig die Beine spreizt. Keine andere mythische Gestalt hat die Fantasien der Männer derart angeregt.

Botticellis Venus: Auch gut im Pirelli-Kalender?

Botticellis Venus: Auch gut im Pirelli-Kalender?

Die Erotik des weibliches Aktes wird hier also gefeiert, die Freude des Fleisches und die Lust des Schauens. Und weil sie allen die Sinne verwirrte, sind in der Ausstellung natürlich auch zahlreiche ihrer Liebschaften zu sehen - wie der 1555 von Tintoretto verewigte Seitensprung mit Mars, bei dem sie dummerweise von ihrem hinkenden Gatten Vulkan überrascht wird. Oder das 1614 von Hendrick Goltzius mit leuchtenden Farben gemalte Abenteuer mit Adonis, in das sie sich - angespitzt vom Pfeil ihres Sohnes Amor - leidenschaftlich stürzt.

Einige Bilder sind in München neu hinzugekommen: Zum Beispiel Tizians "Venus mit dem Orgelspieler", ein Bild, das Venus splitternackt auf einem geschmückten Prunkbett zeigt, während ein junger Edelmann auf ihren wohlproportionierten Luxuskörper gafft. So ein Motiv, das zudem der puren erotischen Ergötzung dient, war damals (das Bild entstand 1550) sehr ungewöhnlich.

Tizians "Venus mit Orgelspieler": Pure erotische Ergötzung

Tizians "Venus mit Orgelspieler": Pure erotische Ergötzung

Vor allem aber haben es die Veranstalter geschafft, die drei Hauptbilder des berühmten Venus-Salons von 1863, mit denen Cabanel, Amaury-Duval und Baudry in Paris einst für Furore sorgten, erstmals wieder an einem Ort zusammenzuführen. Sie bilden den Höhepunkt der Ausstellung - nicht zuletzt auf Grund der ironisch-schwülstigen Inszenierung mit Palmen und Plüsch.

Ergänzt werden die Gemälde von einem Grafikkabinett mit Zeichnungen von Altdorfer, Dürer und Rubens. Aber auch hier gilt: Anfassen verboten. Schade eigentlich.

"Venus - Bilder einer Göttin": bis 22. April 2001 in der Alten Pinakothek, München, danach in Antwerpen



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.