Vergangenheitstalk im ZDF "Soll man Hitler etwa als Elefant zeigen?"

Hitler auf allen Kanälen: Seit Bernd Eichingers Kinodrama "Der Untergang" medienwirksam angelaufen ist, diskutiert die Nation mal wieder eifrig über ihre unvergangene Vergangenheit. Auch die ZDF-Talkshow "Berlin Mitte" reihte sich gestern Abend mit allerlei prominenten Gästen in die Verwertungskette des Führer-Marketings ein.


Literaturkritiker Reich-Ranicki: "Nichts konnte der, nicht einmal Auto fahren"
DPA

Literaturkritiker Reich-Ranicki: "Nichts konnte der, nicht einmal Auto fahren"

Der Mann ist schon fast 60 Jahre tot, nahezu rückstandslos verbrannt - im Kino und Fernsehen aber, in Büchern und Zeitungen scheint er so lebendig wie nie. Während anderswo Tausende von Leichen aus schmutzigen Fluten geborgen werden, Krieg, Elend und Terror herrschen, beschäftigen sich die Deutschen wieder einmal inbrünstig mit ihrer Vergangenheit, die nicht vergehen will. Es gibt zwar nichts Neues zu berichten, aber das Altbekannte ist noch nicht von allen erzählt worden. Noch hat nicht jeder seine Autobiografie unterm Hakenkreuz verfasst, noch hat nicht jeder wenigstens ein TV-Feature über Hitlers Kinder und Görings Urenkel gedreht oder wenigstens ein Hörspiel über die Nachkommen eines leibhaftigen KZ-Kommandanten geschrieben. "Hitler ist eine Ikone der Unterhaltungsindustrie geworden", sagt Jens Jessen in der aktuellen "Zeit". "Hitler ist die härteste aller Drogen-" Noch besser: eine Partydroge, die Erregung pur produziert. Ein Mythos, ein Label, das immer funktioniert.

"Untergang"-Produzent Eichinger: "Es geht um Fanatismus"
DDP

"Untergang"-Produzent Eichinger: "Es geht um Fanatismus"

Die Nation im Nazi-Grusel. Der geschichtlich verbürgte Horrorfilm ist nach spätestens zweieinhalb Stunden vorbei, man ist betroffen und geht sein Bierchen trinken. Doch damit ist der Untergang nicht zu Ende. Sämtliche Massenmedien sind getränkt mit Bernd Eichingers Hitler-Drama "Der Untergang" - vom "Making of..." in der ARD über Titelgeschichten großer Magazine bis zum Feuilleton der "FAZ". Deren Mitherausgeber Frank Schirrmacher sprach gar von der "zweiten Erfindung des Adolf Hitler" und erhob den Münchner Filmproduzenten zum "großen Künstler", der ein wahres "Meisterwerk" geschaffen habe.

Gestern Abend saß der Künstler bei Maybrit Illner, deren Talkshow "Berlin Mitte" selbstverständlich ebenso Teil des Phänomens ist. Thema: "Hitler im Kino - vom Tabu zum Kassenknüller". Und wieder konnten alle mitreden. Ein besonderes Ärgernis für Marcel Reich-Ranicki, dem schon bald der Kragen platzte, weil außer ihm noch ein paar andere zu Wort kommen wollten: "Ich leide, es sind einfach zu viele Teilnehmer hier!", schleuderte er der für Sekundenbruchteile irritierten Moderatorin entgegen, die am Ende froh sein konnte, dass der berühmte Literaturkritiker die Runde nicht auch noch polternd verlassen hatte. Dabei hatte der Einzige in der Runde, dem man über den Nazi-Terror wirklich nichts erzählen muss, schon zu Beginn die verlogene Debatte um einen vermeintlichen "Tabubruch" auf den Punkt gebracht: "Soll man Hitler etwa als Elefant oder Kamel zeigen?!"

Szene aus "Der Untergang" (mit Hitler-Darsteller Bruno Ganz): "Schlechte Komödie"
Constantin Film

Szene aus "Der Untergang" (mit Hitler-Darsteller Bruno Ganz): "Schlechte Komödie"

Natürlich war er ein Mensch, was sonst, aber das macht es nicht nur Reich-Ranicki, dem Überlebenden des Warschauer Ghettos, so schwer, die Geschichte zu begreifen: "Nichts konnte der, nicht einmal Auto fahren. Nur schwafeln. Aber er hat Millionen in seinen Bann geschlagen und ganz Europa erobert."

Dass "Der Untergang", den inzwischen fast eine Million Zuschauer gesehen haben, gerade das Entscheidende, die Furcht erregende Macht Hitlers über andere Menschen, so wenig plausibel erscheinen lässt, monierte die Autorin Wibke Bruhns, deren Vater selbst ein Nazi war. "Aus den letzten zwölf Tagen im Führerbunker erfährt man nichts Neues", sagte sie. Ohne die ganze Vorgeschichte seit 1933 sei er auch für die Vorführung im Schulunterricht nicht geeignet. Er gebe keinerlei "Antwort auf das Phänomen Hitler".

Hier nun musste Bernd Eichinger eingreifen, der nicht nur vom ungeheuren Wirbel um seinen Film etwas trunken wirkte und öfter mal nach den richtigen Worten suchen musste. "Es geht um Fanatismus. Fanatismus führt in den Untergang", lautete seine historisch-didaktische Botschaft. In Pressekonferenzen hatte er dagegen immer wieder betont, er wolle nichts interpretieren. Sein Film spreche für sich selbst.

Das aber ist genau das Problem, finden Kritiker vor allem der internationalen Öffentlichkeit. Bemerkenswert "unbemerkenswert" sei das Werk, fand etwa die "New York Times". Andere sahen eine "schlechte Komödie" ("The Independent") oder eine brav, überwiegend eins zu eins nacherzählte Kolportage mit Bruno Ganz in der Hauptrolle, der ebenso tapfer wie letztlich erfolglos versucht, den Führer nachzumachen.

ZDF-Historiker Knopp: Doku über die letzten Tage im Führerbunker geplant
DPA

ZDF-Historiker Knopp: Doku über die letzten Tage im Führerbunker geplant

Bemerkenswert war gestern Abend allerdings, dass trotz erkennbarer Zweifel niemand den Mut aufbrachte, den Film als ästhetisches Produkt offen und direkt zu kritisieren. Der Gegenstand selbst erschlägt womöglich jede substanzielle Kritik. Dabei wissen professionelle Filmkritiker nur zu gut, dass Eichinger stets allenfalls mittelmäßige Unterhaltungsfilme produziert hat, deren filmästhetische Konventionalität auch im "Untergang" an allen Ecken und Enden hervorlugt. So stolz man sich gibt, dies sei nun endlich ein "deutscher" Film zum Thema - was hätte wohl Steven Spielberg aus diesem Stoff gemacht?

Doch selbst Reich-Ranicki - "Der Film ist gut und wichtig" - mochte seine Einwände, vor allem die sehr blass gebliebene Darstellung von Albert Speer betreffend, nur nebenbei vorbringen.

Auch Guido Knopp, seit 20 Jahren Produzent schier endloser TV-Dokus über sämtliche Aspekte der Nazi-Epoche (derzeit, kein Zufall, dreht er einen Dokumentarfilm über die letzten Tage im Führerbunker) beließ es bei Andeutungen: Selbstverständlich nutze der Spielfilm jene "künstlerische Freiheiten", die es bei zeitgeschichtlichen Dokumentationen nicht geben könne.

Höflich verschwieg er, was wir sagen dürfen: Die besten Filme aus dem Hause Knopp, die es nicht allzu sehr auf die musikalisch untermalte Nazi-Gänsehaut abgesehen haben, bieten ohne Zweifel mehr historische Zusammenhänge und Erkenntnismöglichkeiten als "Der Untergang" - trotz des schnarrenden Hitler-Gebrülls und der blutigen Selbstmordorgie der bis zuletzt hackenschlagenden SS-Generäle.

Es blieb Jörg Fischer, einem leibhaftigen Ex-Nazi, der vor Jahren den Ausstieg aus der NPD geschafft hat, vorbehalten, auf die Gegenwart und ihre einschlägigen Gefahren hinzuweisen. Aber da war die Talkshow schon zu Ende. Das eigentümlich weltabgewandte therapeutische Selbstgespräch der Deutschen aber wird weitergehen. Ein bisschen wie im Führerbunker.



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