Gespräch über das Gedächtnis "Vergessen ermöglicht auch Lernen"

Das Historische Museum Frankfurt widmet dem Vergessen eine Sonderausstellung. Hier spricht Kurator Kurt Wettengl über jene Seite des Gedächtnisses, die bisher kein gutes Image hatte.

Ein Interview von Sandra Schulz


Zur Person
  • TriAss/ imago images
    Kurt Wettengl, 1954 im hessischen Dieburg geboren, promovierte 1983 in Kunstgeschichte. Er war lange am Historischen Museum in Frankfurt am Main tätig, leitete von 2005 bis 2015 das Museum Ostwall in Dortmund. Er lehrt als Honorar-Professor Kunstgeschichte an der TU Dortmund. Die Ausstellung "Vergessen - Warum wir nicht alles erinnern" kuratierte er gemeinsam mit Jasmin Alley.

SPIEGEL ONLINE: Herr Wettengl, Ihre Ausstellung erinnert an das Vergessen. Dabei sind Museen doch Orte der Erinnerung, oder?

Wettengl: Wegwerfen oder sammeln? Diese Frage stellt sich immer, wenn Alltagsgegenstände nicht mehr genutzt werden. Im Museum werden solche Objekte dann zu kulturellen Symbolen, die eine bestimmte Epoche repräsentieren. Damit sie aber wirklich Anlass zur Erinnerung bieten, müssen wir die Objektbiografie kennen, also zum Beispiel wissen: Von wem wurden die Gegenstände genutzt? Welche Rituale waren mit ihnen verbunden? Sonst fallen sie dem "Verwahrensvergessen" anheim. Das heißt, sie werden nicht ausgestellt, ihre Bedeutung bleibt im Ungewissen.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen das mit einer dunklen Kammer deutlich...

Wettengl: Ja, wir luden den US-amerikanischen Künstler Mark Dion ein, durch die Depots unseres Museums zu gehen. Dion hat dann verschiedene Kategorien "vergessener Objekte" erstellt, zum Beispiel Geräte, deren Funktion niemand mehr kennt, oder Büsten, von denen keiner weiß, wen sie zeigen. Solche Objekte hat er in einer künstlerischen Installation ausgestellt: Die Besucher gehen in einen dunklen Raum und entdecken diese mit der Taschenlampe im Regal. Sie rücken also für einen Moment bestimmte Dinge ins Licht. Genau das tun wir Kuratoren auch: Wir platzieren Objekte in Vitrinen und auf Sockeln - und dann lassen wir sie wieder verschwinden.

SPIEGEL ONLINE: Wir können ja nicht alles bewahren und erinnern, sonst wäre kein Raum für Neues. Wie findet man die Balance?

Wettengl: Vergessen ist einerseits eine Selbstverständlichkeit, die wir oft beklagen, auf der anderen Seite ermöglicht uns Vergessen auch Lernen. Denn Ausblenden und Filtern sind eine Bedingung für Aufmerksamkeit und Abstraktionsfähigkeit. Erinnern und Vergessen ist also ein dynamischer Prozess. Das Besondere bei uns Menschen ist eben, dass wir ein Bewusstsein darüber haben, dass wir vergessen. Wir können eine Lücke feststellen. Deswegen schaffen wir uns Aufzeichnungssysteme wie den Einkaufszettel - damit steigen wir in die Ausstellung ein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zugleich ein Projekt mit Demenzkranken angestoßen - welche Erkenntnisse haben Sie daraus gewonnen?

Wettengl: Ein Museum sammelt viele Gegenstände, die Erinnerungen an die persönliche Lebensgeschichte wachrufen können - wie zum Beispiel den Henkelmann oder die Bohnenschnibbelmaschine mit Kurbel. Meine Mitkuratorin Jasmin Alley und ich haben uns deswegen über viele Wochen hinweg mit Senioren getroffen, haben erst einmal gemeinsam Kaffee getrunken.

SPIEGEL ONLINE: … Weil bereits dieses Ritual Erinnerungen heraufbeschwört, genauso wie der Geschmack des Kuchens?

Wettengl: Genau, je nach Jahreszeit gab es erst Pflaumenkuchen, später Stollen, und dann sind wir gemeinsam in einen nachgebildeten Kaufmannsladen, eine Apotheke und eine historische Küche gegangen. Der eine entsann sich beim Anblick einer Milchkanne an ein Kindheitsvergnügen: nämlich die Kanne so schnell zu schleudern, dass keine Milch verschüttet wird. Ein anderer erinnerte sich dagegen an den Hunger in der Nachkriegszeit. Auch wenn mancher Schwierigkeiten hatte, Worte zu finden: Die Freude, die eigenen Erinnerungen mitzuteilen, war spürbar. Wir wollen das Projekt deswegen weiterführen. Vorstellbar ist zum Beispiel, dass sich Seniorenheime künftig Objekte ausleihen können.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur der Einzelne erinnert sich, es gibt auch ein kollektives Gedächtnis. Wie kann eine Ausstellung diese gesellschaftliche Dimension des Erinnerns zeigen?

Wettengl: Spielerisch können die Besucher dies an einem Touchscreen mit Fotografien, Werbeclips und Musik der vergangenen Jahrzehnte erfahren. Wer erinnert sich an was? An anderer Stelle werfen wir ein Schlaglicht darauf, wie im aufkommenden Wirtschaftswunderland BRD die deutschen Verbrechen zwischen 1933 und 1945 geleugnet wurden; dazu stellen wir dem Unterhaltungsfilm "Bonjour Katrin" kritische Interviews und Aufklärungsfilme aus der Nachkriegszeit gegenüber. Wir zeigen auch "remembrance poppies", die Mohnblumen aus Papier, die man sich in Großbritannien am 11. November ans Revers heftet und die hier unbekannt sind. Sie erinnern an die Toten des Ersten Weltkriegs - ein Beispiel für die national unterschiedlichen Erinnerungsdiskurse.

SPIEGEL ONLINE: Eine demokratische Gesellschaft diskutiert, an was sie sich erinnern will. Doch manchmal sind es auch die Mächtigen, die Erinnerungspolitik betreiben.

Wettengl: Für jeden Einzelnen, für Gruppen, Gemeinschaften und Nationen in nachkommenden Generationen und in neuen politischen Lagen stellen sich Fragen danach, was, warum, von wem und wozu für die Zukunft erinnert werden soll. Wir zeigen dies in der Ausstellung beispielhaft am Umgang mit Denkmälern. Die gesellschaftliche Dynamik von Erinnern und Vergessen ist auch mit Machtstrukturen und dem Ringen um Deutungshoheit verbunden. In demokratischen Gesellschaften wird lebhaft diskutiert und trotzdem auch manches vergessen - in autokratischen, autoritären Gesellschaften aber werden Dinge bewusst vergessen gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zwei Jahre an dieser Ausstellung gearbeitet. An welches Objekt werden Sie sich auch in zehn Jahren noch erinnern?

Wettengl: Sicherlich an die Installation von Mark Dion im dunklen Raum. Sie zeigt, dass auch in Museen immer wieder neu verhandelt wird, was eine Gesellschaft für wichtig oder unwichtig hält.


Ein SPIEGEL-Live-Podiumsgespräch im Historischen Museum Frankfurt geht am 16. Juni um 11.30 Uhr den Funktionen und Facetten unseres Gedächtnisses auf den Grund. Die Sonderausstellung "Vergessen - Warum wir nicht alles erinnern" ist dort noch bis zum 14. Juli zu sehen.

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