Vergessenes Wunderkind Beethoven, die Star-Poetin und die Bridgetower-Sonate

Beethovens Kreutzer-Sonate hätte beinahe Bridgetower-Sonate heißen sollen - nach einem vergessenen schwarzen Violinisten-Wunderkind, das nun von der afroamerikanischen Pulitzerpreisträgerin Rita Dove mit einem Poem geehrt wurde: "Sonata Mulattica" erzählt viel über den Kulturwandel in den USA.

Aus Charlottesville berichtet Henryk M. Broder


Es ist High Noon in Charlottesville, einer Kleinstadt in Virginia, zwei Autostunden südwestlich von Washington. Im Bahnhof läuft gerade ein Amtrak-Zug ein, der schwarze Schaffner hilft den Passagieren beim Aussteigen, bei Harris Teeter, dem größten und schönsten Supermarkt am Rande der Stadt, kommen neue Sonderangebote auf die Tische, und im Paramount Theater in der East Main Street, dem Zentrum der Stadt, rücken die Techniker an, um die Abendvorstellung vorzubereiten. "Es läuft prima", sagt der Manager, "achthundert Karten sind schon weg", und um die restlichen dreihundert macht er sich auch keine Sorgen.

Billboard des Paramount Theaters am vergangenen Wochenende: Höhepunkt des "Virginia Festival of the Book"
Henryk M. Broder

Billboard des Paramount Theaters am vergangenen Wochenende: Höhepunkt des "Virginia Festival of the Book"

Im Paramount sind schon Bill Cosby, Whoopi Goldberg, B.B. King, Chick Corea und Yo-Yo Ma aufgetreten; heute steht ein Lyrik-Event im Programm, Rita Dove stellt ihr neues Buch "Sonata Mulattica" vor. Die Lesung verspricht der Höhepunkt des "Virginia Festival of the Book" zu werden, das alljährlich in Charlottesville stattfindet.

Und deswegen ist Rita Dove heute viel früher als sonst aufgestanden, kurz vor Zwölf. Ihr Mann Fred, auch er ein passionierter Langschläfer, steht schon in der Küche und kämpft mit der Kaffeemaschine. Zugleich mit dem Duft des Latte Macchiato breitet sich im Hause auch der Klang von Tanzmusik aus: Tango, Cha-Cha-Cha und Fox.

Und dann dauert es nur noch eine Stunde, bis auch Rita, Freds Frau, in die Küche kommt. Es ist Zeit fürs Frühstück: Omelett mit Low Fat Mozzarella, angerührt mit einer Margarine, die "I can't believe it's not butter!" heißt.

Etwa zwei Stunden nach dem Aufstehen ist Rita so weit, dass sie kommunizieren kann. "Ich weiß nicht, was ich heute Abend machen soll", sagt sie. "Lesen", sagt Fred, "das, was du immer machst". Aber so war die Frage nicht gemeint. Denn Rita wird nicht allein auf der Bühne stehen. Ihr Sidekick ist Boyd Calvin Tinsley, Geiger der Dave Matthews Band. Boyd hat noch jeden, der sich mit ihm auf die Bühne wagte, an die Wand gespielt.

Rita Dove, 1952 in Akron/Ohio als Tochter eines Chemikers geboren, ist wahrscheinlich die bekannteste Gegenwartslyrikerin der USA. Sie hat ein Dutzend Bücher veröffentlicht und noch mehr Preise bekommen, darunter auch den Pulitzer-Preis für Poesie (1987), sie war zwei Jahre, von 1993 bis 1995, "United States Poet Laureate" in Washington, was die größte offizielle Ehre ist, die einem US-Schriftsteller zuteil werden kann.

Im Hauptberuf unterrichtet sie kreatives Schreiben an der University of Virginia in Charlottesville. Und wenn sie daheim ihre Wäsche bügelt, dann tut sie es vor einer Bücherwand, in der nur "ihre" Bücher stehen: Die amerikanischen Originalausgaben, die Übersetzungen, darunter auch auf Chinesisch, Japanisch, Finnisch und Kisuaheli, die Anthologien, zu denen sie beigetragen hat, und die Literaturmagazine, in denen Interviews mit ihr erschienen sind. Fred hat die Belegexemplare chronologisch geordnet, es sind über tausend Stück.

Ein schwarzes Kind, das weiße Musik spielt

Aber was im Moment zählt, worauf es jetzt ankommt, ist ihr jüngstes Buch, ein über 200 Seiten langes Poem, ein Roman in Versform, "Sonata Mulattica". Es ist die Geschichte eines vergessenen Wunderkindes, das im 18. und 19. Jahrhundert gelebt hat: George Polgreen Bridgetower, Sohn einer weißen Polin und eines schwarzen "afrikanischen Prinzen", der am Hofe des Fürsten Esterhazy in Ungarn diente. Wann und wo G.P. Bridgetower zur Welt kam, ist bis heute unklar. Irgendwann im Jahre 1779 oder 1780, irgendwo im damaligen Polen. Fest steht nur, dass er Ende Februar 1860 in London starb.

1789, im Jahr der Französischen Revolution, reiste er mit seinem Vater von Ungarn über Paris nach London, wo er zum Entzücken der Hofgesellschaft Violinkonzerte gab. Ein schwarzes Kind, das weiße Musik spielt, war in jenen Tagen eine Sensation, die sich schnell herumsprach und sowohl dem Sohn wie dem Vater ein gutes Leben garantierte.

Mit etwa 20 machte sich Bridgetower auf den langen Weg von London nach Wien, um dort Ludwig van Beethoven vorzuspielen. Das Genie ist dermaßen angetan, dass er eine Sonate schreibt, die er dem jungen Talent widmet und zusammen mit ihm uraufführt. Doch dann erlaubt sich Bridgetower eine abfällige Bemerkung über eine Frau, auf die Beethoven ein Auge geworfen hat - und der Meister will nichts mehr von ihm wissen, er "enteignet" ihn, streicht seinen Namen aus der Widmung und verehrt die Violinsonate Nr. 9 A-Dur op. 47 dem französischen Geiger Rudolphe Kreutzer, der sie für unspielbar erklärt und tatsächlich nie gespielt hat. Um ein Haar wäre Beethovens Kreutzer-Sonate als Bridgetower-Sonate in die Musikgeschichte eingegangen.

G.P. Bridgetower kehrt nach London zurück, ein ehemaliges Wunderkind, das seine Magie verloren hat. Spätere Erfolge bleiben ihm versagt, er schlägt sich, mal recht, mal schlecht, als Ensemblemusiker durch sein weiteres Leben.

"Ich hatte von dem Mann nie etwas gehört", sagt Rita Dove, die unter anderem auch Gesang und Cello gelernt hat, "bis ich eines Tages einen Film über Beethoven sah, in dem ganz am Rande in einer kurzen Szene ein schwarzer Geiger auftauchte."

Ganz Amerika hört ihr zu

Das war der Anfang einer aufwendigen Recherche, die mehrere Jahre dauerte. Auch hier spielte der Genosse Zufall eine wichtige Rolle. Rita Dove fand ein Ende des 19. Jahrhunderts in London erschienenes Buch ("Court and private life in the time of Queen Charlotte"), die Aufzeichnungen von Charlotte Papendiek, Hofdame und Vorleserin von Königin Charlotte, der Ehefrau von König George III. Papendiek lebte von 1765 bis 1839. Sechs Jahre vor ihrem Ableben fing sie an aufzuschreiben, was sie am Hofe erlebt hatte. Die unvollendeten Erinnerungen wurden erst 1886 von einer Enkelin veröffentlicht.

"Das war eine Fundgrube mit Informationen über das Leben der Royals und ihrer Freunde zu jener Zeit", sagt Rita, "und Bridgetower kam darin auch vor". So kam ein Steinchen zum anderen, am Ende hatte Rita Dove ein Mosaik, dessen Lücken sie nur noch mit ihrer Phantasie füllen musste.

"Ich bin mir nicht sicher, ob er wirklich am 29. Februar 1860 starb. Aber ich fand, es ist ein besonderes Datum, weil es nur alle vier Jahre vorkommt."

Auf solche Details kommt es freilich nicht an. Indem Rita Dove das Leben eines schwarzen Wunderkindes an der Schwelle zum 19. Jahrhundert rekonstruiert, beschreibt sie einen Abschnitt der europäischen Kulturgeschichte aus der Perspektive eines Außenseiters. Die Arbeit hätte auch ein Sachbuch oder ein Roman werden können. Weil Dove aber am liebsten Gedichte schreibt, ist "Sonata Mulattica" eine lange Lyriksequenz geworden, geschrieben in einer kräftigen Sprache, die den Klang der Kreutzer-Sonate reflektiert.

Und jetzt steht Rita Dove auf der Bühne des Paramount Theaters in Charlottesville und liest aus ihrem Buch vor. Ganz Amerika hört ihr zu. Weiße, Schwarze, Asiaten, im Lande Geborene und Eingewanderte. Ritas Mann, Fred, 1947 in Gummersbach bei Köln geboren, sitzt in der ersten Reihe und strahlt. Weder er noch Rita denken in diesem Moment daran, dass im Paramount noch bis zum Jahre 1964 "Segregation" praktiziert wurde. Weiße und Schwarze durften nicht zusammensitzen, mussten das Theater durch separate Eingänge betreten und getrennte Toiletten benutzen.

Das Theater, während der großen Rezession 1931 eröffnet, wurde 1974 geschlossen, und als es 30 Jahre später, im Dezember 2004, renoviert war und wieder eröffnet wurde, hatten sich die Zustände in Virginia wesentlich verändert. Noch nach dem offiziellen Ende der Segregation galt in Virginia der "Racial Integrity Act of 1924", ein Gesetz, das "Mischehen" zwischen Schwarzen und Weißen untersagte, bis es im Juni 1967 vom "Supreme Court" der USA für verfassungswidrig erklärt wurde.

Das ist gerade mal 40 Jahre her. Die Älteren erinnern sich noch, wie es einmal war, die Jüngeren können es nicht glauben. Nach Ritas Lesung kommt Boyd Tinsley auf die Bühne und spielt ein kurzes Stück, das er, inspiriert von Beethovens Kreutzer-Sonate, speziell für den Abend komponiert hat. Es klingt wie die "Sonata Mulattica", gespielt von George Polgreen Bridgetower.



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