Sprechen über Vergewaltigungen Es gibt nur Huren oder Heilige

Mithu Sanyal zeigt in ihrem Buch "Vergewaltigung", warum wir zu jahrhundertalten Geschlechterstereotypen neigen, wenn wir über sexualisierte Gewalt sprechen - sie bringt Aufklärung in einen irrationalen Diskurs.

Die Künstlerin Milo Moire protestiert nach den Silvesterübergriffen in Köln
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Die Künstlerin Milo Moire protestiert nach den Silvesterübergriffen in Köln

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Fangen wir zur Abwechslung mal nicht mit Gina-Lisa Lohfink an. Roman Polanski konnte 2003 nicht zur Oscarverleihung reisen, weil er in den USA verhaftet worden wäre: Der Regisseur hatte 1977 die damals 13-jährige Samantha Geimer vergewaltigt. Larry King, gefeierter US-Moderator, lud Greimer deshalb in seine Talkshow ein, um sie zu der Tat zu befragen: "Waren Sie noch Jungfrau?", fragte King. Sie antwortete: "Ich habe gerade nachgerechnet: Nein."

King war verblüfft, fragte mehrfach nach ("Sie hatten also schon vorher Sex?"). Für ihn war die Vorstellung einer sexuell aktiven Pubertierenden nicht vereinbar mit einem jungen Mädchen, das von einem 30 Jahre älteren Mann vergewaltigt wurde. Am Ende fragte er: "Aber Sie hatten schreckliche Schmerzen, nicht wahr?" Und Greimer antwortete: "Nein, die Situation war völlig anders."

Gibt es ein Thema, bei dem Menschen weniger Ambivalenz ertragen können als Vergewaltigung? Sobald Frauen sich nicht glatt einfügen in das Schema zwischen Heiliger und Hure, und Männer in das zwischen Monster und Unschuldsengel, sorgen sie für Irritation. Warum aber ist der Wunsch nach moralischer Eindeutigkeit und klarer Opfer- und Täterschreibung bei sexualisierter Gewalt so groß? Und was sagt es über unsere Geschlechterbilder aus, dass es so wenige Spielräume gibt?

Roman Polanski 2015 in Polen mit seinem Anwalt
REUTERS

Roman Polanski 2015 in Polen mit seinem Anwalt

"Kaum reden wir über Vergewaltigung, ist es 1955", sagt Mithu Sanyal. Die Kulturwissenschaftlerin zeichnet in ihrem Buch "Vergewaltigung" faktenreich, objektiv und plausibel nach, wie nicht nur Ideen aus der Nachkriegszeit, sondern gar jahrtausendealte Vorstellungen über männliche und weibliche Geschlechterrollen unterbewusst weiterwirken, sobald wir über sexualisierte Gewalt sprechen.

Bereits Aristoteles ging von einer größeren inneren Hitze des Mannes aus, während die Frau für ihn stets in einem unfertigen Stadium blieb - intellektuell, aber auch sexuell. Ein Gedanke, der etwa bis ins 19. Jahrhundert fortwirkte, in der Idee des galanten Gentlemans, der die Frau umwirbt, letztlich aber überwältigt. Und einer, der noch heute etwa in Frauenmagazinen zu finden ist, wenn diese ihren Leserinnen als Flirttechnik anraten, sich rar zu machen, um bloß nicht zu sexuell interessiert zu wirken.

In diesem Denkrahmen bedeutet Nein nicht Nein. Nein bedeutet Ja - wenn es der Mann nur lange genug probiert. Im Vergewaltigungsdiskurs schlug sich diese Idee noch bis in die Siebziger im deutschen Strafrecht nieder: Bei einem Strafprozess, so Sanyal, wurde nicht nur die sexuelle Vorgeschichte eines Opfers unter die Lupe genommen, sondern auch der Nachweis erwartet, dass die Frau sich gewehrt und den Widerstand die ganze Zeit aufrecht gehalten hatte - ihre Erregung hätte ja später noch einsetzen können.

Gleichsam schwang hier auch stets der Gedanke mit, der Frau werde durch die Vergewaltigung das Wichtigste überhaupt geraubt: Ihre Ehre, die sie deshalb selbstverständlich mit Leib und Leben zu verteidigen hatte. Weil das Ansehen der Männer stets im öffentlichen Raum verhandelt wurde, die der Frau aber über ihren Körper im Privaten, war sie es, die bei einer Vergewaltigung etwas zu verlieren hatte.

Und weil der Mann halt plötzlich irrational wurde, sobald seine Triebe mit ihm durchgingen, war auch die Frau es, die die Verantwortung für diesen Verlust trug; sich etwa zu aufreizend kleidete und so den Mann erregte. Nach der Tat war ihre Ehre meist zerstört oder konnte nur durch Keuschheit wiederhergestellt werden. Im Christentum werden noch heute Frauen als Märtyrerinnen verehrt, die im Kampf gegen einen Vergewaltiger umkamen oder nach einer Vergewaltigung als Nonne lebten.

Aus "Nein heißt Ja" wird "Nein heißt Nein"

Gleichzeitig - Gott sei Dank - existiert diese Sichtweise heute nicht mehr allein, sondern wird massiv infrage gestellt: Als Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker nach den Übergriffen an Silvester Frauen riet, eine Armlänge Abstand zu Fremden zu halten - die Verantwortung also abermals bei den Frauen verortete - erntete sie eine Welle von Empörung.

Proteste nach den Übergriffen der Silvesternacht
DPA

Proteste nach den Übergriffen der Silvesternacht

Eingebracht wurde diese neue Haltung durch die Frauenbewegung der Sechziger und Siebziger, die aus dem "Nein heißt Ja" das bekannte "Nein heißt Nein" machte. Das Stigma wurde so umgekehrt. Die Wendung "Alle Männer sind potenzielle Vergewaltiger " brachte die neue Schuldverteilung auf den Punkt.

Die überraschende, jedoch absolut plausible Pointe, die Sanyal aber hier identifiziert: Auch in der feministischen Bewegung wirkt die Formel der asexuellen, verletzlichen Frau und des dominanten Mannes weiter - nur soll der Mann halt seine Triebe nun mal bitte besser kontrollieren. Gerade weil die Situation zuvor verheerend gewesen war, schlug das Pendel jetzt umso heftiger zurück. Das führte zu dem Widerspruch, dass die Rechte der Frauen gestärkt werden sollten, indem ihr Opferstatus besonders vehement betont wurde - und häufig als unantastbar galt, es etwa zum Tabu wurde, Falschbeschuldigungen überhaupt in Betracht zu ziehen.

Demonstrantin mit Aufkleber "Nein heißt Nein"
DPA

Demonstrantin mit Aufkleber "Nein heißt Nein"

Für einen Mann, der einmal als Täter identifiziert wurde, war ein soziales Leben innerhalb der Gesellschaft kaum mehr möglich - so groß wurde das Stigma. Die Erwartungen an eine vergewaltigte Frau veränderten sich so, starr blieben sie aber dennoch: Von Vergewaltigten wird häufig nicht nur erwartet, das Geschehene zu kommunizieren, um es so zu verarbeiten, sondern auch, sich beschmutzt zu fühlen, sich sexuell zurückzuziehen, Kontakt zu meiden - alles Verhaltensweisen, die an die christlichen Märtyerinnen erinnern.

Auch hier, merkt Sanyal an, wirkt der uralte Gedanke des Ehrverlusts ausgerechnet in der Emanzipationsbewegung noch weiter, er wird nur anders verpackt. "Wir akzeptieren auch heute nur den totalen Zusammenbruch", sagt Sanyal. "Vergewaltigte Frauen in Therapien erzählen zudem immer wieder, dass vom Umfeld jedes Problem, jede psychische Disposition automatisch auf die eine Tat zurückgeführt wird." Unabhängig davon, ob hier ein Zusammenhang besteht - wäre es nicht ein Zeichen größerer Selbstbestimmtheit, wenn die Frau individuell über den Einfluss des Verbrechens auf sich selbst entscheiden könnte?

Gerade bei Vergewaltigungsopfern, deren Fall in der Öffentlichkeit verhandelt wird, bekomme das Wiedererlangen der Autonomie so häufig einen Doppelcharakter: Natascha Kampusch rechnet in ihrem neuen Buch, indem sie die Zeit nach der Befreiung verhandelt, auch mit den Medien und Psychologen ab. Schon vorher hatte sie immer auf ihrer Privatsphäre beharrt, nicht über den sexuellen Missbrauch durch ihren Entführer gesprochen - ein Verhalten, das die Öffentlichkeit nicht einordnen konnte.

Natascha Kampusch 2011
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Natascha Kampusch 2011

Sanyals Buch ist vor allem eine differenzierte Bestandsaufnahme - die eine große Alternative, wie ein besserer Umgang mit Vergewaltigung aussehen könnte, formuliert sie nicht. Aber sie hinterfragt unsere Wahrnehmung und befreit den verstellten Blick, indem sie präzise nachzeichnet, wann wir Annahmen mit Tatsachen gleichsetzen und so unser Handeln von Stereotypen lenken lassen.

Und ist es nicht eben dieser Ballast, der auch daran hindert, aktiv zu gestalten? Allein, mit der erstarrten Annahme des männlichen Täters und weiblichen Opfers zu brechen, würde den Diskurs schon erweitern: Vergewaltigungen von Transmenschen etwa kommen in der öffentlichen Diskussion kaum vor - ebenso selten die Idee, dass auch Männer Opfer sein können. Aber liegt nicht gerade in dem Gedanken, dass auch ein Mann Opfer sexualisierter Gewalt sein kann, emanzipatorisches Potenzial, eben weil er am Konzept von dominierender Männlichkeit rührt?

Wie wenig diese Option derzeit noch ernst genommen wird, merkt man laut Sanyal etwa daran, dass sie die Einzige ist, über die gelacht werden kann. Als Atze Schröder sich im Juni in einem Werbeclip für den Geflügelproduzenten Wiesenhof über Gina-Lisa Lohfink, Wurst- und Penislängen lustig machte, war die Empörung groß. Ein anderer Vergewaltigungswitz ist aber seit Jahren ein Renner in jedem Film und jeder Sitcom, die im Männergefängnis spielt. Er geht ganz einfach: Don't drop the soap.

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