Verlagspolitik Brodelnde Gerüchteküche

Sparmaßnahmen, Autorenabgänge und einflussreiche Namen: Die Spekulationen um den Rowohlt-Verlag nehmen kein Ende.
Von Daniel-Dylan Böhmer

Es gibt Gerüchte, deren Bedeutung weniger in ihrem Wahrheitsgehalt liegt als in der Tatsache, dass sie existieren. Und um nichts kursierten auf der Buchmesse mehr Gerüchte als um den Rowohlt-Verlag, die Sparpolitik des Holtzbrinck-Konzerns, zu dem er gehört, und um Peter Wilfert, der den Verlag im Auftrag des Konzerns leitet. Es hieß, der Rowohlt-Empfang werde ausfallen, und es hieß, Wilfert werde abgelöst.

Wenn man auf der Buchmesse Mitarbeiter des Rowohlt-Verlages fragt, wie die Stimmung sei, dann bekommt man auf jede Frage Antworten, die eine stereotype Struktur haben: "(a) bewegte Zeiten liegen hinter uns, (b) jetzt wird alles besser, (c) wirtschaftliche Konsolidierung wird uns neue Spielräume eröffnen, (d) darauf freuen wir uns, (e) man sollte nicht so viel über Personen reden." Es riecht nach Sprachregelung.

Für Sorglosigkeit besteht auch wenig Anlass: Das Wilfert-Dekret, es werde nichts mehr unter einer Auflage von 7000 Stück gedruckt, es werde weiterhin auch keine Quersubventionierung geben, Lyrik schon gar nicht, steht, natürlich sorgfältig dementiert, noch immer im Raum. Dass Rowohlt in jedem Fall Schaden genommen hat, erkennen Kritiker nicht nur an den Maßnahmen, sondern auch an den Abgängen aus dem Haus: Delf Schmidt, jahrzehntelang richtungweisender Lektor, ging und nahm unter anderem Elfriede Jelinek mit, Imre Kertész ging ebenfalls, weitere Lektoren folgten.

Die Autoren, die blieben, wie Hans-Joachim Schädlich und Peter Rühmkorf, blieben wohl weniger aus Loyalität als aus Angst um die Zukunft ihrer noch unveröffentlichten Schriften. Wie ein Veteran der Literaturszene es ausdrückt: "Rowohlt ist fertig." Soll man nun alle Hoffnungen fahren lassen?

Derweil vergab auf der Messe die Heinrich-Maria-Ledig-Rowohlt-Stiftung die alljährlichen drei Übersetzerpreise. Das Diner, das aus diesem Anlass im "Hessischen Hof" ausgerichtet wird, ist regelmäßig ein Gipfeltreffen der renommiertesten Verleger, der hoffnungsvollsten Autoren und der erweiterten Familie Rowohlt. Dazu zählen neben Nachfahren und Verwandten des Stifters Ledig-Rowohlt auch ehemalige Verlagsleiter wie Nico Hansen und Michael Naumann, der aus dem Verlag als Kulturstaatsminister ins Kanzleramt ging und der Stiftung vorsteht.

Eines der Gerüchte im Vorfeld des Banketts besagte, Peter Wilfert habe keine Einladung erhalten, mit der Begründung, dass die Stiftung vom Verlag unabhängig ist. Das Gerücht deutet nicht nur auf den Stand des neuen Chefs hin, sondern auch darauf, dass sich die Stiftung vom House of Lords des Verlages in ein Oppositionsbündnis gewandelt hat. Indes: Wilfert erschien mit Einladung. Was er über sich ergehen lassen musste, hatte viel von einer stilvollen Protestkundgebung.

Sie begann mit Naumanns Eröffnungsrede, in der er Ledigs ironische Äußerung über die "Finanzmanager, die so gerne von Michelangelo reden" zitierte. Den schärfsten Angriff lieferte Preisträger Hinrich Schmidt-Henkel, Übersetzer von Michel Houellebecq, indem er "die Herren von Mc K." anprangerte, also der Unternehmensberatung McKinsey, die die Blaupause für die Verlags-"Reform" geliefert hatte. Zum Schluss ehrte der Übersetzer drei Lektoren, die für den alten Verlag stehen, von denen einer, Delf Schmidt, ihm nicht mehr angehört.

Derweil saß der neue Finanzchef des Verlages dem sichtlich genervten Cheflektor Thomas Überhoff gegenüber und erkundigte sich bei jeder Dankesrede, ob der Mensch "denn auch was bei uns gemacht hat". Am selben Tisch bekundete Holtzbrinck-Aufsichtsrat Salat fröhlich sein Desinteresse an Literatur. Die Provokationen gegen die bayerischstämmige Holtzbrinck-Familie zogen sich bis ins Menü. Zumindest wurde allgemein darüber gegrinst.

Über die adeligen Konzernherren war zu erfahren, es triebe sie mehr die Gier als die Gesetze des Medienmarktes. Ledigs Halbbruder Harry Rowohlt erklärt seit Jahren, mit Literaturverlagen würde man einfach nicht reich, und dass die Holtzbrincks das versuchen wollten, glaubte auch hier niemand. "Ausschlachten" träfe wohl eher die dortige Einschätzung. Was Rowohlt-Clan und Freunde ausrichten können ist unklar, denn bei allem Einfluss haben sie keinen direkten Zugriff auf den Verlag mehr. Aber Namen bedeuten etwas in diesem Gewerbe, und die Kampfeslust ist offensichtlich.

Und dass die Debatte der Einflussreichen den Konzern beeindruckt, erkennt man daran, dass angeblich wieder Geld für Rowohlt da ist. Derweil hat Delf Schmidt bei seinem neuen Arbeitgeber, dem Berlin Verlag, ein glanzvolles Programm erarbeitet.

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