Verlogene Spiele Olympia der Heuchler

Diktaturen wie China machen sich hübsch für den Prestigegewinn durch Olympia. Die Geschichte lehrt, dass politische Veränderungen selten mit Sport erzielt wurden. Warum heucheln europäische Politiker trotzdem Engagement, wo keines möglich ist?
Von Henryk M. Broder

Abgesehen von Fingerhakeln, Sackhüpfen, Kampftrinken, Zwergenwerfen und Ausländerklatschen gibt es keine sportliche Disziplin, die bei den Olympischen Spielen in Peking nicht vertreten wäre. In einer Kategorie freilich hat der Wettkampf schon lange vor der feierlichen Eröffnung der Spiele angefangen: der heiteren Heuchelei.

Drei große Talente konnten sich für die Teilnahme qualifizieren: Als erster der Präsident des Europaparlaments Hans-Gert Pöttering, der die Sportler in einem Zeitungsinterview dazu aufrief, gegen Menschenrechtsverletzungen in Tibet zu protestieren, ohne dabei allzu konkret zu werden. Er riet den Olympioniken nur, "genau hin- und nicht wegzusehen", denn: "Jeder kann auf seine Weise ein Zeichen setzen."

So bleibt es zum Beispiel jedem Radler überlassen, aus Protest gegen Chinas Tibet-Politik einen Streckenposten umzufahren oder die Strecke in umgekehrter Richtung zurückzulegen, vom Ziel bis zum Start, um so "ein Zeichen zu setzen". Die Turner und Turnerinnen könnten nackt antreten, um sich auf diese Weise mit den Tibetern zu solidarisieren, die ja nichts als ihre Haut verteidigen, während die Zehnkämpfer auf eine Disziplin verzichten könnten, um darauf hinzuweisen, dass auch Tibeter sich einschränken müssen. Das alles wären großartige "Zeichen", die ihre Wirkung auf die chinesische Führung sicher nicht verfehlen würden.

So ein Verhalten wäre aber nicht im Sinne von Wolfgang Schäuble, der sich zwar zusammen mit Pöttering im Heucheln qualifiziert hat, aber ganz anderer Meinung ist als der Präsident des EU-Parlaments. Ginge es nach dem deutschen Innenminister, sollten "wir Respekt vor der Entwicklung Chinas haben", denn: "Die Chinesen scheinen einzusehen, dass Freiheit und Menschenrechte die beste Basis für eine gute Zukunft sind."

Kritik sollte, wenn überhaupt, nur "respektvoll" geübt werden. Auch Schäuble beließ es bei vagen Empfehlungen, die beliebig ausgelegt werden können. Wenn einem Athleten das Essen in der Olympia-Kantine nicht schmeckt, sollte er dann den Teller an die Wand schmeißen oder dem Koch nur höflich ausrichten lassen, so einen Fraß würden sich nicht einmal die Tibeter bieten lassen? Wo liegt die Grenze zwischen respektvoller Kritik und bewusster Provokation?

Die Grenzen des Machbaren

Das weiß nicht einmal der dritte Heuchelfinalist, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, der angesichts der Tatsache, dass die Chinesen gegebene Zusagen nicht einhalten und die Arbeit der Sportjournalisten behindern, nur sagt: "Ich werde mich nicht für etwas entschuldigen, wofür das IOC nicht verantwortlich ist", als habe er nicht über jedes Detail mit den örtlichen Sportfunktionären verhandelt und immer wieder versichert, die Freiheit der Berichterstattung sei eine der Voraussetzungen für die Vergabe der Spiele nach Peking.

Überhaupt: Was haben wir nicht alles über die zivilisierende und demokratisierende Wirkung des Sports im Allgemeinen und der Tätigkeit der Sportreporter im Besonderen gehört.

Dass sie zu Tausenden ausschwärmen und sich im Land umsehen, dass sie überall unbequeme Fragen stellen und jeden Verkehrspolizisten fragen würden, wo es nach Lhasa geht; dass sie Dissidenten treffen und Familien von verfolgten Bürgerrechtlern besuchen würden. Dabei weiß jeder, dass die Arbeit der Sportreporter vor allem darin besteht, mit Tausenden anderen Sportreportern im Pressezentrum zu sitzen und die Übertragung der Kampfhandlungen auf CNN zu verfolgen, um darüber "live" nach Hause zu berichten. Ganz Mutige bauen in ihre Berichte ab und zu einen exklusiven O-Ton ein, den sie unter konspirativen Bedingungen ergattert haben, vorzugsweise von dem Taxifahrer, der sie aus dem Pressezentrum ins Hotel fährt und bei dem es sich um einen Geheimdienstmitarbeiter handelt.

Wer mehr riskiert, erlebt schnell die Grenzen des Machbaren. Eine ZDF-Reporterin, die ein Kloster an der Grenze zu Tibet besuchen wollte, wurde von Polizisten in Zivil angehalten und darüber informiert, dass die Mönche gerade in Urlaub und deswegen nicht zu sprechen wären.

Diktaturen können auch sexy sein

Überraschend an solchen Vorfällen ist nur, dass sie eine unvorbereitete Öffentlichkeit treffen und für Erstaunen sorgen. Als ob es keine Erfahrungen im Umgang mit autoritären und totalitären Regimes gäbe, die sich mit Hilfe des Sports in einem für sie günstigen Licht darstellen wollen. Als ob 1936, drei Jahre nach der "Machtergreifung" der Nazis, nicht olympische Spiele in Berlin stattgefunden hätten, an denen auch ein paar jüdische und schwarze "Untermenschen" teilnehmen durften. Heuer haben die Chinesen die Restaurants in Peking angewiesen, kein Hundefleisch zu servieren und die Speisekarten entsprechend zu säubern. Sobald die Sportler und die Touristen wieder abgereist sind, kommt die chinesische Delikatesse auf vier Beinen wieder in den Topf.

Zur Entlastung der Sportler, denen es wurscht ist, vor welchen Karren sie gespannt werden oder die echt daran glauben, dass sie einen Beitrag zum Frieden und zur Völkerfreundschaft leisten, muss gesagt werden, dass sie nicht die einzigen sind, die dem brutalen Charme einer Diktatur erliegen. Deutsche Orchester und deutsche Theater fahren gerne nach Teheran, um dort Brecht, Bach und Beethoven zu spielen und auf diese Weise – das glauben sie wirklich – das System von innen zu destabilisieren.

Dafür nehmen sie vieles in Kauf, auch dass die Musikerinnen und Schauspielerinnen, den örtlichen Regeln entsprechend, mit Kopftuch auftreten müssen. Zwar gibt es kein einziges Beispiel in der Geschichte, dass ein mieses Regime nach einem Konzert oder einem Theaterstück implodiert wäre, aber ein Glaube kann noch zählebiger sein als jeder Aberglaube. Kinder glauben an den Weihnachtsmann, Christen an die unbefleckte Empfängnis, Juden an den Messias, die Fans von Verona an die Unschuld von Franjo; auch Künstler und Sportler sind dermaßen von ihrer Mission überzeugt, dass sie den Blick für Realitäten verlieren.

Hinzu kommt, dass eine Diktatur auch sexy sein kann, vor allem, wenn sie ihre Gäste mit Pomp, Pauken und Trompeten empfängt. Auch in Peking wird es den Sportlern gut gefallen. Sie werden die chinesische Gastfreundschaft genießen und nur gute Eindrücke mit nach Hause nehmen. Die Sportreporter werden fleißig berichten und jeden Tag den Medaillenspiegel aktualisieren. Und wenn alles vorbei ist, werden sich der Präsident des EU-Parlaments, der deutsche Innenminister und der Chef des IOC treffen, um bei einer Peking-Ente ein Zeichen gegen Menschenrechtsverletzungen in Tibet und anderswo zu setzen. Respektvoll - und ohne sich für etwas zu entschuldigen, wofür sie nicht verantwortlich sind.

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