Margarete Stokowski

S.P.O.N. - Oben und unten Diese laschen Hobbymärtyrer

In der Auseinandersetzung über die Flüchtlingspolitik wird oft so getan, als wäre es verboten, die Probleme anzusprechen. Dazu wird man ja wohl noch sagen dürfen: Das ist Unsinn.

"Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen." Ein bekanntes Zitat von Wittgenstein. So weit, so logisch. Nun ist das Können so eine Sache und fällt manchmal mit dem Dürfen, dem Wollen oder dem Sollen ziemlich nah zusammen. Ungefähr hundert Jahre, nachdem Wittgenstein seinen bekannten Satz schrieb, scheint es eine andere Regel zu geben, die immer häufiger zur Anwendung kommt: Wovon man angeblich nicht sprechen darf, darüber soll man sich ständig empören - und es am Ende trotzdem sagen.

Es tut mir leid für das Wort "empören". "Empören" ist ein nerviges Nullwort geworden: Überall wird sich empört. Im Grunde könnte man die ganze Bibel und den Zauberberg und alle Grimmmärchen umschreiben und jedes Mal "empörte" statt "sprach" und "sagte" einsetzen und niemand würde es merken.

Bei Wittgenstein war das Unaussprechliche das Mystische. Das heute Unaussprechliche ist das, von dem man so tut, als dürfe es nicht gesagt werden.

Und das ist so einiges. "Darf man bei uns noch alles sagen?" war das Motto bei "Hart aber fair" diese Woche, und schon in der ersten Minute gab Frank Plasberg die Antwort: "Ja, man darf." Selten so etwas Schlaues von ihm gehört. Es folgte dann trotzdem über eine Stunde Diskussion über gefühltes Nichtdürfen, Lügenpresse und Berichterstattung zu Flüchtlingen.

Gefühltes Nichtdürfen ist ein Trend. Kein völlig neuer, aber ein starker. Und kein guter. Wenn es tatsächlich so viele Tabus gäbe, wie nun allenthalben vermeintlich gebrochen werden, müsste man sich ein paar ernsthafte Fragen stellen über den Geisteszustand, in dem wir die Entstehung solcher Tabus mitangesehen hätten. Haben wir aber vielleicht gar nicht.

Muslimische Männlichkeitsbilder und so

Was soll das sein, diese unsichtbare Macht, die überall Leute vom Reden abhält? Und was passiert in dem magischen Moment, in dem sie es dann doch tun?

Angeblich ist es ein Tabu, zu behaupten, dass unter den Millionen Flüchtlingen, die nach Europa kommen auch Arschlöcher sind, im Sinne von Kriminellen oder potenziellen Kriminellen. Was für ein Gedanke. Natürlich sind da Arschlöcher dabei. Unter jeder Gruppe von Menschen sind Arschlöcher, und eine Gruppe ist man ab drei Leuten, also ist bei einer Million Menschen ziemlich sicher der eine oder die andere dabei. Das war jetzt keine geniale Herleitung, aber Herrgott, was soll man da herleiten; der Witz ist, dass am Ende auch Arschlöcher Menschenrechte haben, genau wie alle anderen, und man den Anderen die Rechte deswegen nicht kürzen sollte.

Angeblich ist es auch ein Tabu, zu behaupten, dass es in der Integration von Flüchtlingen manchmal zu Problemen kommt. Muslimische Männlichkeitsbilder und so. Ich würde allerdings jedes einzelne meiner Organe verwetten, dass niemand wirklich im Grunde seines Herzens glaubt, dass es ein Verbot gibt, darüber zu sprechen. Nicht mal Kristina Schröder . Geschlechtsverkehr mit nahen Verwandten ist ein Tabu, aber Probleme mit Flüchtlingen, ernsthaft?

Vermeintliche Sprechverbote

Man muss politisch nicht besonders speziell drauf sein, um mit solchen vermeintlichen Sprechverboten zu hantieren. Man muss noch nicht mal dumm sein. Es ist längst kein stammtischartiges "Man wird doch wohl noch sagen dürfen..." mehr. So viele Stammtische gibt es gar nicht.

  • Im Dezember schrieb Giovanni di Lorenzo in der "Zeit"  darüber, "warum im politischen Berlin kaum einer ausspricht, was doch jeder weiß": dass es anstrengend wird mit den vielen Flüchtlingen. "Alle wissen das, aber nur wenige - und oft sind es die Falschen - wagen es, das Schreckenswort 'Obergrenze' auszusprechen."
  • Vorletzte Woche schrieb Antonia Baum in der "FAS"  darüber, wie schwierig es sei, über die Silvesternacht von Köln zu sprechen, weil "man" ja gerade jetzt "eigentlich auf gar keinen Fall" über arabische Männer erzählen wolle, dass die irgendwie nicht mit "westlichen Frauen" können, und in einem langen, langen Text fühlte sie sich vorsichtig dazu vor, zu erzählen, wie sie mit genau diesen Männern aber übrigens schon ganz lange ein Problem hat, weil sie ständig von ihnen auf der Straße belästigt würde.
  • Und diese Woche schrieb Elisabeth Lehmann in der "taz"  über ihre Beziehung mit einem "Nordafrikaner" und betont gleichzeitig, dass sie diesen Text eigentlich nicht schreiben sollte, weil man bei dem Thema angeblich alles nur falsch machen kann. Selbstverständlich schrieb sie ihn trotzdem.

Hobbymärtyrer aus Unsicherheit

Die Sache mit den gefühlten Tabus hat natürlich einen Sinn. Ich kann es nur küchenpsychologisch erklären, aber dabei gebe ich mir zumindest Mühe. Also, Folgendes.

Es gibt einen Fetisch des imaginierten Regelbruchs, und dieser Fetisch ist vor allem für Leute interessant, die sich nicht trauen, tatsächliche Regeln zu brechen. Sie tun lieber so, als gäbe es ein Tabu - egal ob aus vorauseilendem Gehorsam oder aus rhetorischen Gründen - und vollziehen dann in einem gefühlten Regelbruch das, was nach außen mutig wirken soll, in Wirklichkeit aber lasch und längst mehrheitstauglich ist. Sie denken, das ist Punk, aber es ist kein Punk. Es ist eher Helene Fischer. Wenn sie dann dafür kritisiert werden, müssen sie nicht inhaltlich antworten, sondern können guten Gewissens sagen: Siehst du, man darf das wohl nicht sagen. Ein fast genialer Schutzmechanismus, aber nur fast.

Nun ist aber leider Regelbruch, weder tatsächlicher noch gefühlter, gar kein Wert an sich, sobald man über fünf Jahre alt ist. Und es ist noch viel schlimmer. Rhetorisches Helenefischern führt dazu, dass sich Fronten verhärten und Stimmungen verstärken.

Weil aus Menschen mit Unsicherheiten plötzlich Hobbymärtyrer werden, die sich für die Wahrheit meinen opfern zu müssen. Und das ist gefährlich.

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Foto: SPIEGEL ONLINE
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