Verstehen Sie Haas? Beischlaf in der Krise

Die Finanzkatastrophe bedrängt uns. Alle Lebensbereiche sind betroffen: Arbeit, Denken, Sex, Sonnenbaden. Wie sieht krisengemäßes Verhalten aus? Eine Handlungsanweisung.

Von Daniel Haas


Man muss sich jetzt, in jeder Situation, fragen: Lebe ich der Krise gemäß? Arbeite, denke, esse ich der Wirtschaftskatastrophe angemessen? Mein Geschlechtsverkehr, ist er krisenkonform? Selbst der Schlaf muss in dieser Hinsicht überprüft werden. Wie schläft man als krisenwacher Mensch? Die Sprache macht hier bereits die paradoxen Herausforderungen der Zeit deutlich.

Festhalten am Alten - auch in der Krise?
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Festhalten am Alten - auch in der Krise?

Fangen wir mit dem Arbeiten an: Das Schreiben eines Artikels, bislang mit Recherche und Dokumentation verbunden, muss spontaner werden. Ich habe für diesen Text, den Sie gerade lesen, kein einziges weiteres Dokument hinzugezogen, ganz einfach, weil es mir unökonomisch erschien.

Sie überfliegen den Artikel in sagen wir fünf Minuten, da kann ich nicht zwei Tage lang in irgendwelchen Datenbanken wühlen.

Der Vorteil: Die Information wird nicht mehr getrübt durch komplexe, letztlich undurchdringliche Differenzierungsleistungen. Das alte Vorurteil, Journalisten verdrehen die Fakten, hat sich damit erübrigt, weil man Fakten gar nicht mehr braucht. Stattdessen gibt es die Beweiskraft der unmittelbaren Anschauung: ich, der Autor - Sie, der Leser. Machen wir was draus, und fallen wir uns möglichst nicht auf den Wecker damit.

Das Denken in der Krise: So verschwenderisch wie bisher kann es nicht mehr sein. Die Ideengeschichte der letzten hundert Jahre beweist: Weniger ist mehr. Als in den Sechzigern französische Theoretiker den sogenannten Großerzählungen - Religion, Aufklärung, Marxismus, das Subjekt - den Garaus machten, blieb immer noch ein Metakonzept übrig: der Kapitalismus. Der hat sich nun auch erledigt.

Reduzieren - profitieren

Ein Freund sagte neulich: Wir tasten uns weiter. Genau das ist es: vorsichtige Schritte, auch konzeptuell. Keine großen Entwürfe, keine großen Pläne. Für die Kulturträger unter uns heißt das: von den Naturwissenschaften lernen. Das Kleine beobachten. Photosynthese, wie ging das noch mal? Atome, was tut sich eigentlich bei denen? Ein krisensensibles Denken wird sich an diesen Themen schulen und bescheiden, bis es sich zur nächsten großen ideologiekritischen Sause aufschwingt.

Das Essen ist ein banales Thema, aber nur auf den ersten Blick. Wenn es wirklich so unwichtig ist, warum haben sich dann tausendundeine Kochshow der Sache angenommen? Anders gefragt: Wie konnten wir die Gestaltung und Verwaltung dieser existentiellen Praxis ans Fernsehen abtreten?

Die TV-Köche kochen, als gäbe es kein Morgen. Als erstreckten sich die Rucola-Farmen von hier bis in den Ural. Als käme der Mozzarella aus der Steckdose. Wir müssen natürlich weniger essen. Weniger und schneller und immer im Bewusstsein: Wer genießt, betäubt. Nur der hungrige Mensch kann das utopische Potential in sich lebendig halten. Und dass wir eine neue Utopie brauchen, ist ja klar.

Dann der Sex: Hätte ich mich informiert, würde ich sagen, die Meinungen gehen in diesem Punkt auseinander. So erkläre ich: Weiter wie bisher. Wenn man nicht groß kreative Allüren hat (Kamasutra, Tantra, Dreier) oder pervers ist (Flagellation, Tiere), geht die Sache in Ordnung. Einer liegt rum, der andere gibt sich Mühe. Ressourcenschonung trifft auf Engagement, warum nicht. Wichtig dabei ist nur, dass wir alle noch ausreichend Schlaf kriegen.

Überhaupt der Schlaf. Hier wird es knifflig. Wer schläft, träumt, und Träume sind nach Freud bekanntlich Wunscherfüllungen. Ist das also schon Eskapismus, wenn man sagt: Ich habe von Dir geträumt, Schatz. Wir hatten Sex in einem Maybach aus Mozzarella?

Muss man heute nicht schlafen wie ein US-Soldat im afghanischen Hinterland? Halbwach, sprungbereit, im alarmistischen Schlummer (Aufschrecken, Wegdösen)? Oder ist das entlastungsökonomisch gesehen in Ordnung?

So viele Fragen. Glücklich die Zeiten, als es lohnte, nach Antworten zu suchen. Aber die Krise will Effizienz. Deshalb schnell zum nächsten Thema: Wie kriege ich lästige Fusseln aus meinem Wollpulli?



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Klau3, 02.04.2009
1. Sehr guter Text
---Zitat von Daniel Haas--- Sex ... Einer liegt rum, der andere gibt sich Mühe. Ressourcenschonung trifft auf Engagement, warum nicht. Wichtig dabei ist nur, dass wir alle noch ausreichend Schlaf kriegen. ---Zitatende--- Sehr gut geschriebener Text, lange nicht mehr so gelacht. Weiter so Herr Haas!
Rotes-Tuch, 02.04.2009
2. ...
Aehm, wie war das jetzt. Worum ging es in dem Artikel?
bico 03.04.2009
3. Krise
In einem Maybach aus Mozarella!!! Ich mache das immer auf einem Berg von Cheeseburgern, aber ich kriege auch kein Millionengehalt vom SPIEGEL=))
Jerry0001 03.04.2009
4. gnade,
bitte verschont uns mit einem, neuen pseudeo-hippen beitrag von herrn haas. sein oscar-twitter war schon der hinterletzte hingerotzte artikel. wenn seine freundin nur daliegt, während er "arbeitet" hat sie mein aufrichtiges beileid. und ja, ich habe sehr viel humor. aber was hat humor mit daniel haas zu tun?
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