Verstehen Sie Haas? Coitus interruptus oder Schnellschuss

Entweder man erfährt die spannenden Dinge zu früh, das ist ein so genannter Spoiler. Oder man wird viel zu lange hingehalten, das nennt man Cliffhanger. Beide Phänomene betreffen nicht nur TV-Serien wie "24", sondern sie bestimmen auch unser Leben - bis zum Finale.


Achtung, dieser Artikel beginnt mit einem Spoiler! Der Text geht nicht gut aus, es gibt kein Happy-End, auch wenn es vielleicht so aussieht, als ob man da rauskäme, aus dem Dilemma, ein Leben zwischen Spoilern und Cliffhangern zu führen. Im letzten Absatz erklärt der Autor, dass wir alle unter einer ziemlichen fiesen Prämisse antreten: Die Geschichte endet tödlich - für jeden von uns.

Szene aus "24": Hoffentlich plaudern Rezensenten nicht schon im Vorfeld alles aus
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Szene aus "24": Hoffentlich plaudern Rezensenten nicht schon im Vorfeld alles aus

Das Problem des Spoilers, des Spielverderbers, kennen vor allem Fans von TV-Serien: Wenn nächste Woche die sechste Staffel der Thriller-Reihe "24" anläuft, dann ist man als Zuschauer auf der Hut. Oft plappern Rezensenten schon im Vorfeld die tollsten Überraschungen aus. Oder Freunde, die die Serie bereits auf DVD gesehen haben, sagen: Irre, wie in der achten Folge plötzlich XY als Drahtzieher der Verschwörung enttarnt wird! Das sind Augenblicke, in denen man sich eine Lobotomie wünscht oder ein Delirium tremens.

Das Pendant zum Spoiler ist der Cliffhanger, auch hier sind Serienfans leidgeprüft: Der Held entschärft die Bombe, nur um festzustellen, dass die nur ein Trick war, um ihn von einer auf die Stadt zusteuernden Atomrakete abzulenken. Close-up auf seine aufgerissenen Augen. Schwarzbild. Abspann. Und dann eine Woche warten, bis zur nächsten Folge, die wieder mit so einem fiesen Moment endet, dass man fassungslos vor dem Fernseher sitzt und denkt: Nein, nein, nein, das könnt ihr mir jetzt nicht antun!

Dramaturgie des Lebens

Der Cliffhanger ist der Coitus interruptus des Medienkonsumenten. Und wie der Spoiler gehört er darüber hinaus zur Dramaturgie des Lebens. Wenn dein Chef dich anruft und sagt, wir müssen reden, den Termin aber Woche um Woche verschiebt, dann ist das ein Cliffhanger. Wenn dein Kollege dich auf dem Flur mit dem Satz "Sorry, hätte ich nicht gedacht, dass sie dich feuern" überrascht, dann ist das ein Spoiler.

Auch im Privatleben bestimmen Spoiler und Cliffhanger die Dramaturgie. Wenn sie nach dem ersten Date sagt: "Es ist total schön und vertraut mit dir, deshalb wollte ich dich mal direkt nach deinem Kumpel fragen, der mit den dichten Haaren und dem unglaublich sinnlichen Lächeln" - klassischer Fall von Spoiler. Wenn er verheiratet ist und erklärt, dass Treffen in Autobahnhotels natürlich schäbig sind, "aber nächste Woche mache ich Schluss und ziehe aus, ehrlich", dann ist der Cliffhanger am Werk.

In der Pubertät war es einfacher: Da waren romantische Begegnungen ein einziger Cliffhanger. Von Mal zu Mal wurde es spannender, in Aussicht stand ein in den blühendsten Farben ausgemaltes Finale. Später dann dominiert die Logik des Spoilers: Wenn er beim ersten Date notorisch von Computerspielen und getunten Autos quatscht oder sie sich stundenlang über ihre beste Freundin beschwert, weiß man, wie die Story ausgehen wird.

Deutschland, Spoiler-Land

Anders als der arglose Privatmensch nutzen Einrichtungen und Unternehmen das Spoiler-Cliffhanger-Prinzip oft zur Gängelei des Bürgers. Zum Beispiel Banken: Manche Automaten spucken die Kontoauszüge in chronologischer Reihenfolge aus; man blättert gespannt durch den Monat und erfährt erst auf der letzten Seite, wie eng man den Gürtel diesmal schnallen darf. Bei einigen aber ist die letzte Seite die erste: Spoiler! Sie sind pleite! Es bleibt einem nur noch die traurige Rekapitulation, wie es soweit kommen konnte.

Insgesamt kann man natürlich dankbar sein: Wir leben in einem Spoiler-Land, bei den meisten Konflikten weiß man, wie sie ausgehen. Wenn ich hierzulande jemanden über den Haufen fahre, dann steht alles Folgende fest: Die Polizei rückt an, eine Aussage wird aufgenommen. Eventuell wird ein Verfahren eingeleitet, meistens bezahlt man aber nur eine angemessene Geldstrafe und Schluss.

In anderen Ländern werde ich vielleicht erschossen, muss die Behörden schmieren oder werde auf 100 Millionen Dollar Schadenersatz verklagt. Vielleicht werde ich aber auch zum Star einer Reality-Soap oder zur Galionsfigur einer Protestbewegung. Das wäre dann die positive Variante.

Im großen Ganzen aber geht die Story immer gleich aus. Ob der Arzt sagt: "Sie haben noch drei Monate, machen Sie was draus" (Spoiler) oder "Jetzt nehmen Sie erstmal dieses Medikament und dann sehen wir uns nächste Woche wieder" (Cliffhanger), ob Sie kerngesund oder malad, glücklich oder verzweifelt, erfolgreich oder abgebaut sind: Die letzte Folge kommt bestimmt, und niemand kann ihr ausweichen.

Aber das wussten Sie ja bereits.



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