Verstehen Sie Haas? Faust hoch für Boris Becker!

Das Schicksal spielt jedem mit, auch Bumbum-Boris, dem größten deutschen Tennishelden. Heute hat Bobele Geburtstag. Offiziell wird er 40. Doch sein wahres Alter bestimmen wir, die Fans.
Von Daniel Haas

Franz Beckenbauer verdanke ich nichts. Mag er die WM nach Deutschland geholt und die Pilotenbrille für die Generation 50 plus salonfähig gemacht haben: Ist mir persönlich wurscht. Oliver Kahn ist mir auch egal: Tor-Titan hin, Fußball-Herkules her, er spielt keine Rolle in meinem Leben.



Boris Becker aber verdanke ich viel, genauer: Entscheidendes. Meine Persönlichkeit als Mann, sie ist ohne Boris, den Tennis-Helden, nicht zu denken. Ich wage zu behaupten: Das Wesen der Männer meiner Generation, aufgewachsen in den Achtzigern, mit Madonna, Aids-Angst und Tschernobyl, ist von Becker durchzogen wie die wilhelminische Ära vom Militarismus oder '68 vom Haschischdunst. Was für die Hippies das Peace-Zeichen ist für uns Achtziger-Kids die Becker-Faust. Wenn ich irgendwann den Abgang mache, dann hoffentlich mit einem Becker-Hecht.

Immer wieder fragen Frauen: Warum seid ihr Männer so bindungsunfähig, so selbstbezogen, so schwierig? Die Antwort lautet: Boris ist schuld. Ich sage das so, wie wenn man als 15-Jähriger gefragt wird, warum ist eine Delle in Papas Auto?, und man schielt auf den Bruder und zuckt vielsagend mit den Achseln.

Wir haben uns dieses Rollenmodell ja nicht ausgesucht, ebensowenig, wie sich Becker sein phänomenales Ballgefühl ausgesucht hat. Es gab in den Achtzigern keine Alternative zu Boris; spätestens als er Wimbledon gewann, war er unser Idol. Ein schüchterner Junge, der sich nach oben kämpft. Ein Landei, das den ganz Großen Bescheid stößt. Ein Einzelgänger, den doch alle lieben konnten.

Auf Risiko gespielt

Noch wichtiger aber ist: Becker hat nie an der Grundlinie des Lebens auf die Fehler anderer gewartet, sondern selber welche gemacht. Er ist ans Netz gestürmt, da wo scharf geschossen wird, und hat etwas riskiert – den Ruf, das Geld, die Anerkennung.

Er hat sportlich alles erreicht und privat viel verspielt, Familienglück, erotische Erfüllung. Barbara Feltus, Patrice Farameh, Heydi Nunez Gomez, Mariella Ahrens, Caroline Rocher, Michelle aus Berlin – die vielen Frauen, die im Rahmen eines breit kolportierten Bewerbungs- und Ablehnungsverfahrens mal kürzer, mal länger das Spielfeld betraten. Rückblickend wird klar: Boris hatte die Bedeutung des Castings als kultureller Praxis bereits intuitiv erkannt, als Dieter Bohlen noch auf weißlackierte Umhängekeyboards einhackte.

Bohlen und Becker – in diesem Doppel wird überhaupt ein Grundmuster unserer Kultur deutlich. Bohlen ist ein Blender: Er tut immer so blöd, ist aber mindestens so schlau wie Rüdiger Safranski. Hören Sie zehnmal hintereinander "Brother Louie", und Sie begreifen, was Bohlens Œuvre wirklich ist: die tiefgreifendste Demontage des bürgerlichen, auf Originalität und Können basierenden Kunstverständnisses seit Andy Warhol. Auch seine Medienpersona ist raffiniert: In Bohlens Rüpeleien wird man dereinst eine Schmähkunst vom Range Thomas Bernhards erkennen.

Bobele jedoch war immer mindestens so naiv, wie ihn die Presse darstellte. Er sagte so oft "Äh", dass Edmund Stoiber gegen ihn wirkte wie ein Rhetorik-Trainer. Er ließ sich von einem Schnauzbart tragenden Rumänen ausnehmen und von einer Russin Samen rauben. Er war tatsächlich gekränkt, als ihn die deutschen Steuerbehörden zur Kasse baten. Er jettete nach Monaco, zu den Windsors, zum Papst und sagte immer noch "Äh". Nach einem geselligen Abend in Zürich schlief er lieber in Günter Netzers Kinderzimmer als in der Suite im Baur-au-Lac.

Alter, das ist Bobele!

Und jetzt soll er 40 sein, ein erwachsener Mann. Natürlich nehmen wir, seine Zeit-, Alters- und Spielgefährten, ihm das nicht ab. Er ist immer noch der Teenie, der von der großen Liebe schwärmt und schon wieder mit einer Schluss gemacht hat. Der vom sesshaften Leben träumt und zwischen Miami und München hin- und hersaust wie ein Pubertierender zwischen Jugendclub und Tennistraining. Der einen Ratgeber für Eltern schreibt, in dem sich dann kindliche Sprüche finden wie "Sport prägt den Charakter" oder "Eltern dürfen Fehler haben".

Boris Becker ist 40: Das klingt wie: "Patrick Bach geht in Rente" oder "Heintje hat einen Bypass". Irgendwie merkwürdig und falsch. Manche Idole wollen reifen, einem neuen Image entgegenwachsen, wir lassen sie aber nicht. Boris, der tollste Hecht der deutschen Sportgeschichte, kann so alt werden wie er will, er bleibt ein Kind der achtziger Jahre. Darum kann er auch weiter Frauen abschleppen und von der ewigen Liebe reden. Oder merkwürdige Bücher schreiben.

Wer heute 40 ist, musste 1985, im Jahr von Beckers erstem Wimbledon-Sieg, bereits schwere Entscheidungen treffen: Punk oder Popper, Michael Jackson oder Prince. Eine Frage stellte sich jedoch nie: Ob er ein Held ist, der Boris. Dafür danke – und Faust hoch.

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