Verstehen Sie Haas? Germany's Next Top-Spitzel

Spitzeln kann jeder - so denken viele. Aber wie das Modeln will auch das Spionieren gelernt sein. Wie entdeckt man die Lausch- und Verdächtigungstalente von morgen? Natürlich per Castingshow!

Von Daniel Haas


Heute Abend gibt's das Model-Finale mit Heidi Klum. Man kann es dämlich finden oder sogar niederträchtig, wie da junge Frauen medial bloßgestellt werden. Aber eines ist allen klar: Das Modeln ist jetzt nicht mehr Auftakt oder Fortsetzung einer Drogenkarriere, sondern ein Ausbildungsberuf. So einen Werbevertrag mit McDonald's kriegt nicht jeder daher gestöckelte Kleiderständer. Im Gegenteil: Das Model erwirbt sich sein Know-how auf der Rennstrecke des Catwalks, im Bootcamp der Garderoben, auf dem Exzerzierplatz der Modeschauen.

Mutmaßlicher Spitzel: Guck mal, wer da hört
DPA

Mutmaßlicher Spitzel: Guck mal, wer da hört

Der Spitzel hingegen harrt noch der gesellschaftlichen Anerkennung. Sein Bewegungsprofil auf dem Laufsteg der öffentlichen Meinung führt bislang eher ins Abseits, ist von Vorurteilen und Ressentiments geprägt.

Das muss nicht so bleiben: Wer hätte in den Achtzigern gedacht, dass Models, dieser koksende, Blödheiten und Erbrochenes von sich gebende Klüngel einmal ein präsentables Beispiel für Wertschöpfung und Produktivität sein könnte? Wer hätte geahnt, dass sich ein Bikini-Mädchen mit Faible für Kölner Faschingsspäße einmal zur Ursula von der Leyen der Modeszene mausern würde, zur Übermutter der Mannequins?

Nun, wird man einwenden, ist das Modeln auf Sichtbarkeit, auf weithin wahrnehmbare Präsentationen angelegt, während das Spitzeln eine aufs Verborgene zielende, Geheimnisse sowohl ausspähende als auch schaffende Praxis ist.

Hat die Telekom-Affäre aber nicht einen Strukturwandel der Spitzeltätigkeit verdeutlicht, der schon länger aus den Tiefen unserer deutschen Geschichte herandräut? Ist der Spitzel nicht eine durch unsere jüngere und jüngste Historie immer prominenter werdende, sich langsam, aber beständig zu seiner kulturellen Bedeutung für unser Land aufrichtende Figur?

Und werden unsere Kinder und Kindeskinder, später befragt, wer das geistige und moralische Klima der ersten Millenniumsjahre am Nachhaltigsten prägte, werden sie, mittlerweile selber vielfach belauscht und geprüft, nicht flüstern: der Casting-Show-Juror und der Fernsehkoch vielleicht, in jedem Fall aber das Model und der Spitzel?

Wäre es dann aber nicht wünschenswert, dass sie Auskunft geben könnten, wer die Meister dieses Fachs gewesen sind, die talentiertesten Maulwürfe, die begnadetsten Abhörer, die raffiniertesten Tarn- und Verwanz-Künstler? So wie sie heute schon sagen können: die Jennifer und die Gina-Lisa, dass waren Symbole weiblicher Schönheit in der Zielgruppe der 19- bis 49 -Jährigen bei einer Einschaltquote von zuletzt 3,83 Millionen (17,5 Prozent Marktanteil)?

Tarning, Anschwärzing, Nervenzerrütting

Der Spitzel, er hat mehr verdient als das räudige Andenken in Form hingeworfener Vokabeln. Telekom, BND: schnöde Namen, die nicht ansatzweise das Ingenium der Ausspäherei, das Genie der Indiskretion, das Virtuose des heimlichen Vor- und Durchdringens treffen, die jene auszeichnen, die sich als Spitzel bislang keinen statt einen Namen machen durften.

Wie das Modeln ist auch der Spitzelberuf dem Nebulösen zu entwinden und dem Bereich gesellschaftlicher Anerkennung zugänglich zu machen. Transparenz in Form des Casting-Wettbewerbs ist auch hier das Mittel der Wahl. Eine berufene Jury von ehemaligen Nachrichtendienstchefs (auch leitende Angestellte von Postunternehmen sind möglich) testet die Lausch- und Munkel-Aspiranten in den einschlägigen Disziplinen. Tarning, Verwanzing und Daten-Speichering bestimmen die einzelnen Episoden.

Weiterführende Kategorien sind das auch die Kleinen und Kleinsten ansprechende Verstecking; hinzu kommen die im ferneren Ausland gefragten Nervenzerrütting und Schmerzing. Die Werbung treibende Industrie freut sich über die vielfältigen Synergie-Effekte, vor allem beim Fotoshooting, einer Unterdisziplin des Beobachtings, sind weitreichende Kooperationen mit der Beauty- und Wellness-Branche denkbar.

Die Finalisten träten schließlich in den Königsdisziplinen Anschwärzing und Unterstelling an. Dem Sieger winkt, nach einer angemessenen Zeit des Ab- und Untertauchens, ein bezahltes Praktikum bei der Telekom oder beim MI-5. Wer sich gut anstellt, wird für weiterbildende Maßnahmen an die CIA weitervermittelt, macht einen Waterboarding-Kurs und kann sich danach als Freelance-Folterknecht die Jobs regelrecht aussuchen.

Heute Abend jedoch zunächst das Model-Finale. Schmerzen sind garantiert. Und es soll ja auch eine geheime Liste geben mit den Teilnehmerinnen in der Reihenfolge ihres Ausscheidens. Ein Fall für Germany's Next Topspitzel. Ganz klar.

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rio_riester 06.06.2008
1. Bewertung
Köstlich! Wobei: ich finde diesen Text stellenweise etwas zu witzig geraten. Dies schwächt die Ironie - der Leser sich denkt: ist ja alles nur Klamauk. Wogegen der Autor doch mit seiner Übertreibung / Überhöhung eigentlich die zwingende Konsequenz eines gesellschaftlichen Mißstandes ziehen will, um damit eben diesen Mißstand zu kritisieren: die stillschweigende Akezptanz und Anwendung geheimdienstlicher Methoden in Wirtschaft und Politik. Alles in allem dennoch ein gelungener Text! Danke dafür!
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