Verstehen Sie Haas? Kulturkampf im Kinderzimmer

Wochenenden sind schlimm für die Mittelstandsbürger - sie müssen sich um die Kinder kümmern! Zum Glück gibt's die Öffentlich-Rechtlichen: Die bieten den Bälgern nun TV-Opium am Samstagmorgen. Gut gemeint - aber was für Ruhe in der Hütte sorgen soll, führt geradewegs in die Katastrophe.

Von Daniel Haas


Wochenende ist hart. Da muss man sich um die Bälger kümmern. Die Kitas sind dicht, die Kindergärten ebenso. Der Unterschichtler hatte es bislang am besten: Gelähmt von Frust, Bier und Stütze verpennte er den Morgen und ließ die Kleinen vor dem Gameboy schmachten. Wurde später aufgemuckt, gab es Backpfeifen oder RTL oder beides.

Dieter hat gut Lachen - doch die Kulturpolizei ist schon im Anmarsch
AP

Dieter hat gut Lachen - doch die Kulturpolizei ist schon im Anmarsch

Der Mittelstandsbürger hingegen musste Sophie zum Reiten und Phillipp zum Tennis fahren; kam man zurück, war der Parkplatz für den Rover weg. Wie gut, dass es die Öffentlich-Rechtlichen gibt. Der WDR hat für den Samstagmorgen eine sogenannte Kinder-Prime-Time installiert. "Von Erwachsenen ungestört, können sich ab 9.20 Uhr die Kleinen vor dem Fernsehgerät kuscheln."

Leistungsträger von Schwabing bis Zehlendorf atmen auf: So lange schlafen wie die Likörexperten aus dem Plattenbau! Ausruhen im Proletenstil! Denn im Ersten läuft "Rennschwein Rudi Rüssel" oder "Endlich Samstag" mit Sams-Erfinder Paul Maar als Biergartenbesitzer. Die Kleinen schmiegen sich an die Fernbedienung. Derweil träumt Papa von Liechtenstein und Mama von George Clooney.

Es wird nur eine kurze Verschnaufpause sein. Die Bildungshuber und Kreativ-Aktivisten schlafen nicht; sie hecken neue verderbliche Projekte aus, den vom Turbokapitalismus erschöpften Werber, Zahnarzt oder Postdirektor zu quälen. In Leipzig zum Beispiel werden gerade Theaterstücke für Zweijährige entwickelt.

Das in Windeln gepackte Kind kann noch nicht mal einen Klingelton nachsingen, da muss es schon Dramenliteratur verdauen. "Eine Figurenspielerin und ein Musiker" treten laut Pressemeldung auf. "Es soll Sand, Wasser, Musik, Rhythmus und Geräusche geben." Das klingt nach härtestem Regietheater, nur dass die Zuschauer die Exkremente, die ansonsten über die Bühne segeln, gleich selber mitbringen.

Auf Konflikte programmiert

Diese Kids sind fürs Fernsehen verdorben. Wer schon mit zwei Natursymbolik auf Aischylos-Niveau wegsteckt, der schaut mit vier auf die Teletubbies herunter wie der Zumwinkel auf den Finanzbeamten. Dass solche Kinder irgendwann lästige Fragen stellen, versteht sich von selbst. "Papa, was heißt hinterziehen?" – mit diesem Satz wird der kleine Claudius am Samstagmorgen ins Bett der Eltern hüpfen, während Anna-Marie ein Frühstücksadagio auf der Geige zupft.

Wie die Geschichte weitergeht, wissen alle, die zu spät vom Ballettunterricht auf "DSDS" umgestellt haben: Die verbildeten Kleinen spielen sich als Kulturpolizisten auf und schreiben mit Mitte 20 dann Bücher wie "Generation Doof". Darin machen sie sich über Leute lustig, die "einen Baum nicht vom andern unterscheiden können". Was interessiert’s den Steuerbescheid, ob er aus Buche oder Birke gemacht ist?, frag ich da! Wichtig ist doch nur, den Wisch professionell zu türken.

Vermutlich ziehen sie aber vorher aus, die kleinen Klugscheißer. Wahrscheinlich noch bevor sie 15 sind. Das ist natürlich hart für die Erzeuger. Bei Auszugsplänen ist es am besten, wenn man "die Eltern behutsam auf das Ziel vorbereitet", empfiehlt deshalb der Psychologe und Jugendexperte Ulrich Gerth seiner jungen Klientel.

Das ist ja wohl das Mindeste! Dass man nicht gleich zu den Alten sagt: "Ihr bringt’s kulturell nicht mehr. Ich bin weg." Sondern subtil auf Differenzen aufmerksam macht: "Hat der Bohlen eigentlich Graecum, Mama?"

Schöne Aussichten sind das insgesamt nicht. Die Öffentlich-Rechtlichen sind keine große Hilfe. Hätte er mal früher aufstehen sollen, der WDR.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
frankwis 21.02.2008
1. köstlicher Beitrag ...
... , aber unglücklicherweise mit etwas zuviel Realität behaftet. Gut, daß meine Windelfüller>Teppichaffen>Pubertätsaknaten aus dem Haus sind ... Unter den hier leider nur allzu treffend beschriebenen Voraussetzungen wird das Drama schlußendlich zur lange schon befürchteten und vorausgeahnten erstklassigen Katastrophe.
yalla 21.02.2008
2. Versteht Haas sich selbst?
MODERATOR: Sorry, vorher Knopz zu früh gedrückt....nochmal hier: Sorry, aber selten so viel gequirlten Unsinn gelesen! Jede Info ertrinkt in diesem Meer aus Wortwatte und aneinander gereihten Klischees (vom Likörexperten im Plattenbau bis zum Rover-Fahrer aus Zehlendorf). Dank der unendlichen Weiten des Internets ist nun auch bei Spiegel online der frei Fall auf Stammtischniveau möglich.
Christian69 21.02.2008
3. Komisch...........................
Diesem Dilemma kann Man und Frau entgehen. Schliesslich ist das Fernsehprogramm nur ein ANGEBOT UND KEINE PFLICHTLEKTÜRE. Wie wär es denn mal mit einem Spaziergang durch den Wald oder eine sonstigen Aktivität, in der jeder die Reize der Natur erfahren darf ohne sich darüber aufregen zu müssen. Übrigens GEZ frei. Der Mangel an Kreativität und Unternehmungslust, stützen doch geradezu alle seltsamen Wirrrungen und Windungen der TV-Macher.
nepomuk_23 21.02.2008
4. Einfach keine Kinder kriegen.
Wie wärs mit einfach keine Kinder kriegen? Lösst das Problem an der Wurzel. Denn das Thema mit der Rente zieht in meiner Generation nicht mehr. Mit meinen jetzt 23 kann ich mich ja eh von einer staatlichen Rente verabschieden. Und um schon mal vorzugreifen, das Argument mit "was wäre wenn deine Eltern so gedacht hätten..." zieht nicht, denn das Gehirn kann sich keine Gedanken über seine Nicht-Existenz machen. Denn wenn man gar nicht erst existiert, dann weiß man ja nicht wie es wäre wenn man es täte. Wie war das noch in der Familie kann man gemeinsam Probleme lösen, die man allein nie gehabt hätte?
frankwis 21.02.2008
5. Auweia ...
Zitat von yallaMODERATOR: Sorry, vorher Knopz zu früh gedrückt....nochmal hier: Sorry, aber selten so viel gequirlten Unsinn gelesen! Jede Info ertrinkt in diesem Meer aus Wortwatte und aneinander gereihten Klischees (vom Likörexperten im Plattenbau bis zum Rover-Fahrer aus Zehlendorf). Dank der unendlichen Weiten des Internets ist nun auch bei Spiegel online der frei Fall auf Stammtischniveau möglich.
Zu Ihrer Erbauung: http://de.wikipedia.org/wiki/Satire (... und das mit derWortwatte ... wer im Glashaus sitzt ...) - Schön, daß es immer noch Leute gibt, die ALLES und JEDES Wort / was-auch-immer auf die Goldwaage legen müssen. Wissen Sie eigentlich noch, wie das geht, LACHEN?
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