Verstehen Sie Haas? Lasst die Faulen weitermaulen!

Ah, das süße Nichtstun! Wenn nur nicht diese Ratgeber gegen Faulheit erschienen wären. Bevor es richtig unbequem wird: ein Plädoyer für die angemessene Mischung aus Leiden und Vermeiden.
Von Daniel Haas

Gerade sind drei Bücher über Faulheit erschienen und wie man sie loswird. Ich wollte so ein Buch ebenfalls schreiben, war aber immer zu träge. "Menschen, die zum Faulsein neigen, haben es sich zur Angewohnheit gemacht, nicht zu handeln", erklärt der Autor Thomas Hohensee. "So schaffen sie viel weniger als andere." Ich schaff es einfach nicht, über diesen Satz hinwegzukommen: Wie denkfaul muss man sein, um so was Triviales zu schreiben?

Bin ich zu streng? Nein, vermutlich einfach zu bequem, an meiner Rhetorik zu feilen. Aber ich kann auch anders. Ich lege mich jetzt mal richtig ins Zeug: Wieviel Chuzpe muss man haben, um mir eine derart selbstevidente Äußerung als kulturdiagnostische Novität anzudienen? So hätte ich das auch sagen können. Aber das ist enorm anstrengend, vor allem, wenn man "zu viele unangenehme Dinge auf einmal auftürmt", wie Hohensee schreibt.

Was ich hier alles gleichzeitig erledigen muss: den Leser unterhalten, den Chef zufrieden stellen, den Chef des Chefs zufrieden stellen, die Girls aus der Kantine beeindrucken. "Die richtige Strategie lautet deshalb, den Berg kleiner zu machen." Also erstmal nur an die Girls in der Kantine denken. Oder, noch besser, nur an die Kantine. Was gibt's heute eigentlich zu Mittag? Ich bin zu faul, nachzuschaun.

Hohensee empfiehlt, "sich die Aufgabe auszusuchen, die einem am liebsten ist". Also das Mittagessen. Wichtig dabei ist aber, nicht zu viel Druck aufzubauen und sich Pausen zu gönnen. Wenn das so einfach wäre: Ich kann dieses Werk ja nicht erst im Dezember zu Ende schreiben, und mit dem Taxi zur Kantine zu fahren wäre einfach affig.

Außerdem meint Hohensee, man solle sich Ziele setzen. Also gut: Kolumne, 4000 Zeichen. Dann Lunch mit Cornelia, der netten Werberin, die immer so süß von ihrem Windhund erzählt und dass ihr Freund 300 Tage im Jahr auf Dienstreise ist.

Man soll sich ausmalen, welche positiven Konsequenzen das Handeln hat: "Wer erst einmal angefangen hat, kommt in einen Sog hinein, der von Aufgabe zu Aufgabe treibt", empfiehlt Ratgeberautor Stefan Frädrich. Schon der Gedanke ist motivierend: Ich schreibe die Kolumne, mein Chef juchzt vor Vergnügen, ich strotze vor Selbstbewusstsein, ich gehe zum Lunch, mein Lächeln hat die Strahlkraft von Uran, das Werbegirl vergisst alles, ihren Job, ihren Lover, sogar ihren Hund, der sich ergeben vor meinen handgenähten Budapestern zusammenrollt, die ich mir von meiner Gehaltserhöhung gekauft habe.

Aber dann kommen schon wieder Zweifel: Was ist, wenn der Hund krank wird? Diese Windspiele sind ja immer so anfällig. Oder wenn der Freund zurückkommt? Oder wenn sie gar keinen Freund hat und total neurotisch ist? Alles nur erfunden, die Ärmste, Agentur tagaus tagein, und immer dieser Druck der Frauenzeitschriften, Kinderküchejobsex.

Zum Glück weiß Frädrich, wie man da gegensteuert: Man solle sich selbst Mut machen und daran glauben, dass man es schafft. Und die Betrachtungsweise "Was für ein Riesenberg!" sei demotivierend. Bessere Erfolgschancen hat, wer sich sagt: "Das bisschen Arbeit hast du in einer halben Stunde fertig und danach geht es dir richtig gut!" Ok, also die 1000 Zeichen, die jetzt noch zu texten sind, die schaff ich mit links, und so ein bisschen am Rucola mümmeln und den Windhund tätscheln, das kann ja auch nicht länger als 20 Minuten dauern. Ah, schon ist mir wohler.

Außerdem kann man auch eine Belohnung des inneren Windhundes, entschuldigung, Schweinehundes, in Aussicht stellen. Dabei sei allerdings Vorsicht geboten: "Manche Menschen neigen dazu, dieses Belohungsinstrument exzessiv zu gebrauchen." Ja, da muss ich aufpassen, da habe ich einen Hang zum Extrem. Über-Ich: "Schreib die Kolumne!" - Schweinehund: "Aber nur, wenn wir danach mit 20 Werberinnen essen gehen und anschließend auf einem Rudel reinrassiger Windhunde nach Hause reiten."

Ich merke gerade: Der Artikel neigt sich dem Ende zu, und ich komme immer schlechter weg bei dem Ganzen. Deshalb schnell zum Schluss ein Zitat von Ratgeberautorin Michaela Axt-Gadermann: "Faulheit und Trägheit sind die körpereigenen Ausgleichsprogramme, durch die unsere Kräfte und Reserven geschont werden." Das klingt fein. In diesem Sinne - na, Sie finden schon selber raus.


Erwähnte Bücher:

Michaela Axt-Gadermann: "Vom Glück der Faulheit", Goldmann, 9,90 Euro

Thomas Hohensee: "Das Erfolgsbuch für Faule", Kösel-Verlag, 14,95 Euro

Stefan Frädrich: "Günther, der innere Schweinehund", Gabal-Verlag, 9,90 Euro

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