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Verstehen Sie Haas? Ruf mich an, Bombenleger!

Das Bundesamt für Verfassungsschutz richtet eine Hotline für Extremisten ein, die aussteigen wollen. Der Bürger fragt sich: Wer führt die brisanten Gespräche? Wer berät die potentiellen Bomber und Fackler? SPIEGEL ONLINE veröffentlicht ein erschütterndes Testgespräch.
Von Daniel Haas
Der heiße Draht zur Verbrechensprävention führt direkt zur smarten Hotline-Fachfrau

Der heiße Draht zur Verbrechensprävention führt direkt zur smarten Hotline-Fachfrau

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General Photographic Agency / Getty Images

Der aktuelle Bericht des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) beweist: Die Extremisten sind unter uns. Deutschland ist "nach wie vor im Fokus militanter Islamisten". Und auch die Gewaltorientierten aus rechten (NPD) und autonomen Kreisen stellen weiterhin eine Bedrohung dar.

Das BfV hat deshalb ein Aussteigerprogramm geschaffen, zu dem auch eine Hotline gehört. Dort können dann alle die anrufen, die den Drang verspüren, in deutschen Ballungszentren umfassende Rückbaumaßnahmen zu fördern.

Der kritische Bürger will natürlich wissen: Wird mein Steuergeld auch sinnvoll eingesetzt? Wer ist da am anderen Ende der Leitung, wenn ein übereifriger Koranleser mit sich hadert: Für Bombenstimmung sorgen bei der Fanmeile und anschließend Party mit zehn Jungfrauen im Paradies? Oder doch lieber die Ausbildung weitermachen und Uschi heiraten, so schlecht ist eine Friseuse ja auch nicht?

Wie SPIEGEL ONLINE aus gut unterbezahlten Kreisen erfahren hat, wurde diese Woche die erste Hotline für zwei Tage freigeschaltet. Die Beraterin (im internen Jargon "Extremschnackse" genannt) war Berta Muschke, eine ehemalige Quelle-Mitarbeiterin mit mehrjähriger Erfahrung im Telefonservice.

Auf Drängen des Innenministeriums hatte das Unternehmen die 47-jährige Bielefelderin outgesourced. "Sie war unser bestes Ohr am Rohr", erklärte ein Unternehmenssprecher auf Anfrage.

Wie das BfV bestätigte, hat Muschke eine Ad-hoc-Umschulung ("Tarnen, Tricksen, Täuschen", Teil I und II) mit Bravour absolviert. Die neue Kollegin sei außerdem "hoch motiviert", da sie nach Leistung bezahlt werde. "Kein Crash, viel Cash" laute das Motto, das sich Innenminister Thomas de Maizière persönlich bei einem Betriebsausflug ausgedacht haben soll.

Im Rahmen des Sparpakets muss allerdings auch der Verfassungsschutz Ressourcen einsparen. Frau Muschke berät aus Kostengründen deshalb auch aussteigewillige Neonazis und Autonome. SPIEGEL ONLINE konnte exklusiv ein Testgespräch mitverfolgen:

Warteschleife: Wenn Sie ein gewaltbereiter Islamist sind, drücken Sie bitte die 1. Wenn Sie sich Deutschland in den Grenzen von 1939 wünschen, drücken Sie bitte die 2. Wenn Sie eine Gesichtsmaske tragen und Autos abbrennen, drücken Sie bitte die 3.

Berta Muschke: Bundesamt für Verfassungsschutz, Muschke, wie kann ich Ihnen helfen?

Anrufer 1: Ich will raus.

Muschke: Darf ich fragen, in welchem Zusammenhang?

Anrufer 1: Ich kannich mehr.

Muschke: Können Sie das etwas präzisieren?

Anrufer 1: Was redsnd du so kariert? Bist du Ausländerin? Also, du bist doch wohl keine aus dem Ausland, oder? Mann, der Atze hatte recht. Überfremdet, alles überfremdet, sogar beim Staat…

Muschke: Einen Moment bitte.

Warteschleife/Musik: I'm on the highway to hell. Highway to he-hell!

Muschke: Verfassungsschutz, Muschke, was kann ich für Sie tun?

Anrufer 2: Zehn Jungfrauen. Aber die Mandy is auch klasse.

Muschke: Sie haben einen Konflikt, wenn ich das recht verstehe?

Anrufer 2: Und ich hab 'ne Anthrax-Allergie.

Muschke: Haben Sie sich schon mal gefragt, ob das psychosomatisch bedingt sein könnte? Ihr Körper will Ihnen sicher etwas sagen.

Anrufer 2: Die Mandy, die hat manchmal Herpes. Haben Jungfrauen im Paradies Herpes? Das müsst ich schon wissen.

Muschke: Momentchen, bin gleich wieder da.

Warteschleife/Musik: I'm on the highway to hell. Highway to he-hell!

Muschke: Bundesverfassungsschutz, Muschke, was ist Ihr Problem?

Anrufer 3: Ab wann?

Muschke: Ab wann was?

Anrufer 3: Ab wann isses ok? Ab Ford Focus? Oder erst ab Audi, Phaeton, die Nummer? Wo beginnt die ganze verlogene kaputte Systemscheiße uns kaputtzumachen?

Muschke: Wenn Sie einen umweltfreundlichen Wagen erstehen wollen…

Anrufer 3: Ab wann isses ok: 'nen Kanister Benzin und ab dafür?

Muschke: …kann ich Ihnen den Quelle-Leasing-Service empfehlen.

Anrufer 3: Nicht lange fackeln, das war Jahre lang mein Motto. Aber jetzt hab ich Zweifel...

Muschke: Eine Sekunde, ja?

Warteschleife: No stop signs, speed limit. Nobody's gonna slow me down!

Muschke: So, da bin ich wieder.

Anrufer 1: Die Ausländer-Tussi.

Muschke: Ich komme aus Bielefeld.

Anrufer 1: Wieso hat so eine Ausländer-Tussi 'nen Job und ich nich? Kannsdu mir das ma sagn? Da stimmdochwas nich!

Muschke: Das Gefühl sozialen Unrechts. Das ist eine gute Grundlage für Veränderung.

Anrufer 1: Du tus wichtig quatschen und kriegs Gehalt. Und ich mach für den Harro die Tür und hab nochnichma genug für Bier. Ich will raus.

Muschke: Sehr guter Input. Da machen wir gleich weiter.

Warteschleife: Going down, party time, my friends are going to be there too!

Anrufer 2: …ich hab gesagt, Mandy, du verstehst es nich: Ich bin Teil von was Größerem. Und sie: Waaas? Bin ich doch auch: Haarlywood, fünf Filialen allein in Pankow. Is das etwa nix? Und ich: Mandy, ich mein das religionsmäßig, Gott, verstehst du? Aber nich so für Warmduscher. Und sie: Maaaaann! Sag es doch: Du willst es ohne, ja? Ok, ich mach's! Ich mach's ja! Aber dann hörst du auf zu nerven! Und jetzt frag ich mich natürlich…

Muschke: Ich kann Sie da nur unterstützen. Moment, bitte.

Warteschleife/Musik: I'm on the highway to hell. Highway to he-hell!

Anrufer 3: Kann ich als Anarchopazifist noch fackeln? Vielleicht Lambos? Oder nen Cayenne? Der Cayenne ist doch der Verblendungszusammenhang auf Rädern, nicht? Andererseits: Peace, oder? Ich mein: Entweder ganz oder gar nicht.

Muschke: Sie arbeiten sich da zu einer sehr konstruktiven Lösung vor. Uno momento.

Warteschleife: Zurzeit sind alle Annahmeplätze besetzt. Legen Sie nicht auf. Der nächste freiwerdende Extremismus-Experte ist gleich für Sie da. Übrigens: Kennen Sie schon unseren Integrationskurs "Neue Bürgerlichkeit"? Eine Woche Sylt, Nespresso-Maschine und "Cicero"-Abo für insgesamt nur 366 Euro.

Hier bricht die Aufzeichnung ab. Und viele Fragen bleiben offen. Wird der junge Rechtsradikale angemessen auf die Anforderungen des flexiblen Arbeitsmarktes reagieren? Kann der religiös motivierte Sinnsucher sein Gewaltpotential konstruktiv nutzen (Ausbildung bei der Telekom; Matratzen-Fachverkauf)? Hat der systemkritische Anarchist das Zeug zur Eigenreflexion? Und wenn ja, wiegt das das Niederbrennen eines nagelneuen Volvo-Coupés auf, in dem sich nach Insiderinformationen sogar ein iPad befand ("Nein!" "Doch!")?

Wir warten auf den nächsten BfV-Bericht. Die Zahlen werden eine deutlichere Sprache sprechen. Deutlicher noch als Berta Muschke.