Verstehen Sie Haas? Scheitern zahlt sich aus

Das Scheitern ist für viele Menschen ein Tabuthema, sagen Soziologen. Jetzt verschafft die Finanzkrise Erleichterung: Wenn andere Milliarden versemmeln, wird das eigene Versagen weniger bedrohlich. Nie war es leichter, Mist zu bauen.
Von Daniel Haas

Scheitern sei "das große Tabu der Moderne", hat der amerikanische Soziologe Richard Sennett gesagt. Nun, die Moderne ist endgültig vorbei: In Amerika hat eine Handvoll Top-Banker Milliarden vergeigt, und alle Welt redet darüber. Hinter vorgehaltener Hand die Schmach andeuten, das war gestern. Heute sind die Wall-Street-Bosse Helden eines katastrophalen Entwicklungsromans, an dessen Ende die beispiellose Pleite steht.

Lange wurden die Gescheiterten depressiv, verstoßen oder abgewickelt. Die großen Loser der Literatur- und Weltgeschichte - von Odysseus (Invasion verpatzt) über Ödipus (Familie zerrüttet) bis zu Napoleon (Russland unterschätzt) und der DDR (Kapitalismus unterschätzt) - bekamen keine Abfindung, sondern eine Abreibung.

Oder sie drehten einfach durch. Wie der mythische Kriegsherr Aias, der eine Herde Schafe metzelte, weil er dachte, es seien die ollen Griechen (als er seinen Wahnsinn erkannte, brachte er sich wegen der Schande um).

Jetzt hat die Niederlage das Beschämende verloren, das Scheitern wird durch die Pleite-Kings zur neuen Kulturtechnik geadelt. Wer heute seinen Arbeitgeber schädigt, die Zukunft der Kinder verzockt oder den Partner zur Insolvenz anstachelt, kann stolz auf Stanley O’Neal vom Bankhaus Merrill Lynch verweisen. Der jagte 52 Milliarden Dollar ins Nirwana und kassierte 161 Millionen Dollar Abfindung. Oder Bear-Sterns-Chef James E. Cayne: 19,8 Milliarden Dollar Verlust, Jahresverdienst 68 Millionen Dollar.

Wie sich die Pleite rechnet

Diese Ruin-Virtuosen nehmen der Zerstörung von Ressourcen das Bedrohliche und Asoziale. Sie sind Agenten eines höheren Strukturzusammenhangs, den nicht einmal mehr Experten durchschauen. Und man erteilt ihnen sogar von höchster Stelle Absolution: ein quasi metaphysisches Happy End mit der Rolle des Staates als heilsbringender Instanz.

Bislang hatte das Scheitern ja immer so einen moralinsauren Anspruch im Schlepptau. Man solle die Katastrophe als Ansporn begreifen für Neuanfänge, heißt es in jedem zweitklassigen Ratgeber; als Horizonterweiterung, als Lebensprüfung. Der ganze Scheitern-als-Chance-Mist.

Damit ist jetzt Schluss. Wer wie Stefan Ortseifen (Deutsche Industriebank) zehnstellige Dollarbeträge weggejazzt hat, kann sich die Ich-habe-echt-was-aus-der-Sache-gelernt-Floskeln sparen. 8,1 Milliarden - so eine Summe ist nicht peinlich, sondern erhaben; sie überschreitet Besserwisser-Attitüden im Stil von "Aus Schaden wird man klug".

Das ist auf fast schon subversive Art befreiend, auch für den Normalbürger. Denn niemand hat die Geldvernichter gelyncht; keiner sprengt ihre Villen in die Luft, hijacked ihre Learjets, verwüstet ihre Yachten und Chalets. Nein, sie sind wie Sisyphus, dieser große Abzocker der Mythologie, der gleich eine ganze Riege von Göttern reinlegte – jedoch minus der blöden Sache mit dem Stein. Die Finanzjongleure des Banken-GAUs fangen vielleicht jetzt was Neues an, aber ganz sicher nicht von unten.

Nie war die Zeit, sich in der Kunst des krassen Versemmelns zu üben, also besser als jetzt. Die Kreativen, Seismographen der allgemeinen Entwicklung, wissen das schon länger. Nicht umsonst sind die großen Stars von heute auch die großen Loser: Amy Winehouse (Drogen), Pete Doherty (dito), Britney Spears (Glatze) - das Scheitern hat Glamour, und es garantiert Aufmerksamkeit.

Vielen fehlt heute zum Scheitern allerdings eine anständige Perspektive. Man braucht Visionen, wenn nicht eine Utopie, um ein Vermögen - sei es ideell oder materiell - in den Sand zu setzen. Ich zum Beispiel spekuliere auf eine Zukunft als Großschriftsteller, inklusive Goldschnittausgabe, Brockhauseintrag und Marmorbüste im Walhalla-Tempel. Fehlt nur noch der Buchverlag, der mich mit achtstelligen Vorabhonoraren mästet, am Ende aber nur ein Post-it bekommt.

"Sorry", steht da drauf. "Hab mich verkalkuliert." Und auf der Rückseite Beckett: "Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern."

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