Verstehen Sie Haas? Schwarzer Blog im Büro

Heiligendamm ist überall. Auch im Büro. Vor allem im Sommer ist das Klima oft der Gipfel. Zeit für einen richtig schwarzen Blog.

Von Daniel Haas


Neulich habe ich wieder im Bürocamp übernachtet. Auf Altpapier gebettet, dem Schnaufen der Klimaanlage lauschend, wurde mir klar: Ich gehöre dazu. Ich bin ebenfalls ein Opfer von Korruption und Gier. Meine Arbeitsbedingungen haben sich verschlechtert wie die von Kindern aus der Dritten Welt.

Büro-Elend: Da sieht so mancher blass aus
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Büro-Elend: Da sieht so mancher blass aus

Früher dienten mir ausgewählte Kulturzeitschriften als Nachtlager ("Du", "Lettre International"), jetzt wälze ich mich schlaflos durch die "B.Z.". Das Evian wurde durch ein No-Name-Produkt ausgetauscht, Bionade gibt es nur noch jede zweite Woche, der Espresso schmeckt nicht nach Rom, sondern nach Genua.

Ganz klar, man hält mich vom Wohlstand fern. Und von den nötigen Informationen, auf die der mündige Bürger zwecks Orientierung ein Recht hat. Der Zaun aus Leitz-Ordnern, den der Kollege vom Nachbartisch errichtet hat, ist so gesehen ein Bollwerk des Herrschaftswissens. Was verbirgt sich hinter dieser Phalanx aus Pappe? Vermutlich geheime Papiere, die belegen, dass uns demnächst auch noch der Sushi-Service gestrichen wird.

Schlimmer noch als die Borniertheit der Mächtigen ist deren Ignoranz. So hat mich heute niemand auf meinen Kapuzenpulli angesprochen, obwohl 32 Grad im Schatten sind. Auch das von der Volontärin ausgeliehene Louis-Vuitton-Schälchen, mit dem ich mir das Gesicht verhüllt habe, erregt keinerlei Aufmerksamkeit. Diese Leute erkennen einen Autonomen noch nicht einmal, wenn er vor ihnen steht und durch mehrere Lagen erstklassiger, von Tamilen-Händchen dreifach verarbeiteter Seide murmelt: "Wo ist eigentlich der Milchschäumer für den Cappuccino?"

Ich lasse mir das natürlich nicht gefallen. Dem Chef habe ich heute mutig den Weg zur Sitzung versperrt (nur fünf Sekunden lang, und, zugegeben, ich habe dazu "Guten Morgen, Chef, toller Anzug!", gesagt, aber ich denke, die Botschaft ist angekommen.).

Außerdem habe ich mich mit Gummigeschossen bewaffnet (Kaugummi, Präservative) und mein Heuschnupfenspray zur Reizgaswaffe umfunktioniert. Wenn es richtig hart kommt, flute ich die Toilette. Dann erreichen die Bosse ihre Büros nur noch über den Wasserweg.

Wer jetzt sagt, das ist doch alles naiv, wo sind denn die Medien, die Prominenten, dem rate ich genau hinzusehen. Seit Tagen laufe ich schon rum wie Herbert Grönemeyer (miese Frisur, zerknitterter Leidensblick), ab morgen trage ich eine Schweißerbrille und summe penetrant "With or Without You".

Und natürlich ist jede Menge Kreatives für den Aktionszeitraum geplant. Ein Praktikant hat sich bereit erklärt, die lebende Litfasssäule zu machen und im Viertelstunden-Takt ideologiekritische Slogans zu skandieren ("'Vanity Fair'-Abo für alle!", "Massage auch freitags!"). Heute Abend startet der Workshop "Fesselspiele in Uniform", und morgen früh gibt's Beauty-Tipps zum Thema "Sonnenbrillen und Sturmhauben. Kombinieren, profitieren".

Man sieht schon: Mein Engagement läuft auf einen Gegengipfel hinaus. Dort herrscht dann absolutes Verdummungsverbot. Und niemand muss mehr auf Boulevardblättern schlafen.



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