Verstehen Sie Haas? So kann die Glotze gerettet werden

Die Wirtschaftskrise tobt - und das Fernsehen führt sich weiter auf, als sei nichts geschehen. Immer noch wird hysterisch Party gemacht und Geld verfeuert. Ein Ruck muss durchs TV-Entertainment gehen, fordert Daniel Haas: Wir brauchen neue, konservative Formate.


Das Fernsehen ist am Ende, vor allem dessen nobelste und wichtigste Form: die Unterhaltung. Der Beweis: Zwei unverzichtbare Kulturträger der Mattscheibe haben Tabula rasa gemacht. Comedian Michael Kessler erklärte bei SPIEGEL ONLINE: Die Glotze ist "wertelos". Fernsehkoch Tim Mälzer sagte dem SPIEGEL: Der Glotze fehlt der "Sinn für Nachhaltigkeit". Für alle, denen das jetzt zu verklausuliert ist, in den Worten von Horst Köhler: "Wir haben über unsere Verhältnisse gelebt."



Man hat es ja schon länger geahnt: Die Fernsehunterhaltung muss sich verändern. Es darf nicht nur ein neuer Look, es muss ein richtiger Ruck gehen durch die Entertainment-Formate! Wertebewusstsein und Qualitätssicherung müssen auf dem Programm stehen, wenn die Sender eine Zukunft haben wollen.

Deshalb heißt es: Besinnung aufs Bewährte, auf Solidität und Integrität. Die Sendungen müssen auf ihre Nützlichkeit abgeklopft werden. Denn die hysterische Verausgabung, die sich von DMax bis ARD, ProSieben bis Arte breitgemacht hat, will bald niemand mehr sehen. Es geht schließlich darum, Ressourcen zu schonen. Das wenige, das man kulturell gesehen noch auf der hohen Kante hat, zu bewahren.

Abgebrühte Verschwender

Nehmen wir die Kochshows, die Basis jeder gut organisierten TV-Verpflegung. Die Verschwendungsorgien im Stile Jamie Olivers, der kanisterweise Olivenöl über Bio-Spaghetti spratzt, muss aufhören. Im Sinne eines neuen Spar- und Erhaltungsbewusstseins sollten die Zutaten vielmehr reduziert - zurück zu den Wurzeln -, am besten aber ganz weggelassen werden. Der schöne Effekt: Mit Starköchen, die nur noch imaginäre Zutaten verarbeiten, feiert auch der Pantomime ein Comeback. Johann Lafer meets Marcel Marceau - da werden Zielgruppen von 3 bis 89 abgeholt.

Wenn schon Materialaufwand, dann müssen sich die Sachen aber auch bitte länger halten. Die Lösung ist das Gestalten schöner Gewürzbilder. Eine geschmackvolle Geschenkidee, vor allem in der Weihnachtszeit, und auch ein ausgiebiges Crossmarketing ist denkbar: Wenn Sarah Wiener aus kostengünstigen Kümmelsorten ein Tableau kreiert, werden sich Koch- und Bastelshow für lange in die Arme schließen.

Spielend sparen

Besonders intensiv muss das Umdenken bei der Gameshow sein, der Königsklasse der Unterhaltung. Teure, exzentrische Gäste sind passé; die Runden werden konservativ, das heißt vor allem: meditativ. Bei "Wetten, dass...?" gibt es keine hysterischen Promis und keine durchgedrehten Aktionen mehr. Dafür ist eine Gruppe Schweigemönche vorstellbar, deren Auftritt mitfühlend untertitelt wird. Oder Sarah Kuttner und Til Schweiger spielen 90 Minuten lang "Mensch ärgere dich nicht".

Gerade bei Gottschalks Traditionssendung wird klar: Unterhaltung wird anders aussehen müssen für den krisengebeutelten Mediennutzer. Abends bei guten Freunden ein Glas lauwarmes Wasser trinken - das ist Entspannung. Bei "Wetten, dass...?" ist deshalb folgende Situation denkbar:

Gottschalk: "Top, die Wette gilt!"
Saalgast: "Nee, sorry, hab's mir anders überlegt."
Gottschalk: "Wie bitte?"
Saalgast: "So ne Wette kann ich mir eigentlich gar nicht leisten."
Gottschalk: "Sie wissen, dass wir live sind, ja?"
Saalgast: "Wenn schon. Auf Risiko spielen ist trotzdem nicht mehr zeitgemäß. Die Lage ist viel zu ernst, als dass man darüber spekulieren sollte, ob sich mein Cousin acht hartgekochte Eier in die Nase stecken kann. Ich hau in Sack."

Karma so weitermachen?

Apropos Sackhauen und Reinstecken: Die Demütigungs- und Castingshow, bislang am Katzentisch der Kulturkritik versteckt, rückt zum sozial wertvollen Erbauungsformat auf. Da die Zukunft eh für alle düster aussieht, ist es sinnlos, ein paar arme Würstchen runterzumachen. Der Kandidatenschinder ist out. Wo alle kaum noch Chancen haben, wird Häme überflüssig. Ertragreicher ist es, aussichtslosen Jugendlichen eine Perspektive einzureden.

"Germany's Next Top Model" wird Vorreiter dieses Trends. Bei der dramatischen Auftaktsendung zur gefühlt 19. Staffel wird das Tribunal umgedreht und untalentierte Beinahe-Models erklären Heidi Klum, dass es so nicht weitergehen kann.

Parallel erscheint ein offener Brief in "Bild": "Liebe Heidi, du wirst 36 und hast deine Leistungsgrenze aus spätkapitalistischer Sicht schon lange überschritten. Willst du dir wirklich weiter mit Mädelsruntermachen das Karma zerkratzen? Oder ist es nicht eher Zeit, sich mal um was Sinnvolles zu kümmern, Nachbarschaftshilfe oder Abenteuerspielplätze in Potsdam, irgendwas, was die Leute wirklich brauchen?"

Bruce Darnell, seit jeher Avantgardist im Berufsfeldwechsel (Soldat/Mannequin), wird da die Zeichen der Zeit schon längst erkannt haben: In einer neuen Show bringt er Schlaganfallpatienten bei, sich selbständig anzuziehen.

Diese konservative Entschlackung und Befriedung der Unterhaltung wird auf unsere kollektive Psyche zurückwirken. Und den Sinn fürs Traditionelle schärfen. Wer weiß, vielleicht brauchen wir am Ende gar keinen Fernseher mehr. Die Freizeitbeschäftigungen, mit denen das Land einstmals lange Bombennächte überstand, kehren zurück: vor einer Kerze sitzen und ein gutes Gespräch führen.

Wir haben vielleicht über unsere Verhältnisse gelebt. Wir müssen uns aber nicht unter Niveau unterhalten.



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
Hador, 26.03.2009
1. Naja...
...ganz netter, wenn auch vielleicht etwas flacher Satire-Artikel, aber über was genau soll den nun bitte diskutiert werden?
Jammerlappe 26.03.2009
2. Löbliche Intention,
leider ist der, die, das ,ja was eigentlich?, seltsam uninspiriert und langweilig geraten. Ein bischen mehr von Herrn Broders Biss hätte dem Beitrag von Herrn Haas gut getan.
csrss.exe 26.03.2009
3. Falsch
Zitat von sysopDie Wirtschaftskrise tobt - und das Fernsehen führt sich weiter auf, als sei nichts geschehen. Immer noch wird hysterisch Party gemacht und Geld verfeuert. Ein Ruck muss durchs TV-Entertainment gehen, fordert Daniel Haas: Wir brauchen neue, konservative Formate. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,615485,00.html
Spar-TV? Gerade das würde die Rezession nur verschärfen. In Krisenzeiten müssen die Medien den Bürgern Orientierung geben. Das Fernsehen muss die Menschen zu Lebensfreude animieren, damit unsere Wirtschaft wieder in Gang kommt. In dieser Situation Pessimismus und Angst zu verbreiten wäre fatal. Im Übrigen wissen die Sender selbst am besten, welche Inhalte gute Quoten bringen und welche nicht. Das muss denen kein Spiegel-Redakteur vorschreiben.
Jammerlappe 26.03.2009
4. !
Zitat von csrss.exeSpar-TV? Gerade das würde die Rezession nur verschärfen. In Krisenzeiten müssen die Medien den Bürgern Orientierung geben. Das Fernsehen muss die Menschen zu Lebensfreude animieren, damit unsere Wirtschaft wieder in Gang kommt. In dieser Situation Pessimismus und Angst zu verbreiten wäre fatal. Im Übrigen wissen die Sender selbst am besten, welche Inhalte gute Quoten bringen und welche nicht. Das muss denen kein Spiegel-Redakteur vorschreiben.
Genau! Insbesondere vor dem Hintergrund das sich der Winter dieses Jahr auch noch so lange hinzieht...
Duweisstschon 26.03.2009
5. also bitte
Zitat von sysopDie Wirtschaftskrise tobt - und das Fernsehen führt sich weiter auf, als sei nichts geschehen. Immer noch wird hysterisch Party gemacht und Geld verfeuert. Ein Ruck muss durchs TV-Entertainment gehen, fordert Daniel Haas: Wir brauchen neue, konservative Formate. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,615485,00.html
Es tut mir leid, langsam ist dieses Spiegelonline-rumgehacke auf Wetten Dass & co einfach nur peinlich und einfallslos. Das ist Medienkritik auf dem Niveau von Reichranicki (also flach und unreflektiert). Einen sinnvollen Gegenvorschlag lese ich nirgends. Aber was heißt schon Gegenvorschlag? Ich bin sehr froh über das Nebeneinander unterschiedlichster Dinge. Als jemand, der gerne Talkrunden wie Anne Will und Maybrit Illner sieht fordere ich viel weniger Wirtschaftskrise im Fernsehen! Dieses im Kreise reden und Panikverbreiten langweilt doch nur. Es hat einen Amoklauf gebraucht um dieses blöde Krisengerede für kurze Zeit zu verscheuchen, da sieht man wie fest verankert dieses Thema ist.
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