Videokünstler Douglas Gordon Darf's ein bisschen extremer sein?

Hitchcocks "Psycho" dehnte er auf 24 Stunden, den Weltfußballer Zinédine Zidane filmte er mit 17 Kameras, Dennis Hoppers Sohn wirft er auf meterhohe Screens - in Frankfurt ist eine Werkschau von Douglas Gordon zu sehen. Der Videokunst-Superstar mag's gern krass.

Ein Junge liegt im Bett zwischen seiner Mutter und seinem Vater und guckt Fernsehen. Spielfilme, genauer gesagt. Und recht häufig sind es Filme von Alfred Hitchcock.

Dieser Junge wächst im Schottland der späten sechziger Jahre auf. Als er bald darauf Kunst studiert, in Glasgow und London, wehrt er sich noch eine ganze Weile gegen die Macht der filmischen Bilder und erstellt recht puritanisch anmutende Performances, bei denen er selbst und ein enormes zeitliches Durchhaltvermögen im Mittelpunkt stehen.

Dann aber sieht er eines Tages wieder einen Hitchcock, und zwar "Psycho", den Thriller, den er als Kind nicht sehen durfte. Wenig später macht der junge Mann seine erste Videoinstallation: "24 Hour Psycho". Er lässt Hitchcocks Film mit nur zwei Bildern pro Sekunde dahintropfen und zerdehnt ihn auf eine Laufzeit von einem Tag. "Glamour in Aspik" nannte das die "Süddeutsche Zeitung". Die Aneignung ist im Gestus so frech, neu, formal streng - und zugleich so vollgesogen mit der Verführungskraft des Kinos, dass aus dem unbekannten Schotten ziemlich schnell Douglas Gordon, der berühmte Videokünstler, wird.

Schon drei Jahre später, 1996, gewinnt er den Turner Prize. Im Jahr darauf reüssiert er bei der Biennale in Venedig. Noch bekannter wird Gordon, als er 2006 zusammen mit dem französischen Künstler Philippe Parreno "Zidane: A 21st Century Portrait" dreht. Bei einem Ligaspiel von Real Madrid zeichnen 17 Hochgeschwindigkeitskameras jeden Spielzug, jede Geste, jeden Gesichtsausdruck von Zinédine Zidane auf. Zu einem 91-minütigen Opus verschnitten, werden die Bilder erst als Kinofilm gezeigt, später als Zwei-Kanal-Museumsinstallation.

George Best nachgespielt

Jetzt aber, bei seiner aktuellen Werkschau im Museum Moderner Kunst (MMK) in Frankfurt, präsentiert Gordon sein "Zizou"-Spektakel komplett neu: Die Aufzeichnungen aller Kameras laufen synchron auf kleinen Monitoren, die verstreut wie Feldspieler herumstehen. Auf einem 18. Bildschirm läuft zusätzlich die TV-Übertragung des Spiels. Einen wirklichen Sog entfaltet dieses Arrangement jedoch nicht: Zidanes Kämpfen und Kicken versickert zwischen den kniehohen Abspielstationen, zwischen denen man schnell so müde wird, als hechte man selbst hinter dem Ball her.

Die in das Projekt eingesickerte Fußballbegeisterung wird einem erst wieder klar, als Gordon am Rande der Ausstellungseröffnung davon erzählt, wie es Parreno und ihm gelang, dem damaligen Megastar Zidane die Zustimmung zu dem eigentümlichen Kunstprojekt abzuluchsen: mit Detailkenntnissen und pantomimisch nachgespielten Toren des legendären Manchester-United-Stars George Best.

Überhaupt ist Gordon ein so brillanter Erzähler, dass die konzeptuelle Strenge seiner Arbeiten gerade aus der Bändigung seiner Lust an der Anekdote zu stammen scheint: Sitzt man mit ihm an einem grauen Novembermittag mit gespitztem Bleistift bei dünnem Kaffee an einen Bürotisch, hat man bald das Gefühl, als hänge man in rotweinseliger Freundesrunde an seinem privaten Küchentisch ab. Störrisch wird er nur, wenn man öde Kritikerfragen stellt - etwa nach Bezügen zu möglicherweise stilbildenden Künstlern wie Bill Viola.

In seinem Element ist er dagegen, wenn er Storys aus seiner Kindheit auftischen kann. Etwa die von seiner blinden Tante, die, von einer Schaukel am Kopf getroffen, für kurze Zeit sehen konnte.

Schönheit und Domestizierung

Vielleicht wäre Gordon ja ohne solche Eindrücke nicht der Augenmensch, der Ästhet geworden, als den ihn so vollkommene Werke wie die Installation "Play Dead; Real Time" ausweisen. Deren Bilder zeigen einen Elefanten, allein in einem klinisch weißen Raum der New Yorker Gagosian Gallery. Auf Kommando legt sich das Tier hin und steht auf, wobei sich sein massiger Körper auf anrührend mühsame Weise bewegt - eine perfekt gemachte Fabel über große Kraft und anrührende Hilflosigkeit, über kreatürliche Schönheit und Domestizierung.

Oder das im vergangenen Jahr entstandene "k.364": Es begleitet zwei Musiker aus polnisch-jüdischen Familien auf einer Bahnfahrt von Berlin nach Warschau. Dabei reden die beiden über das Schicksal ihrer Eltern in der Zeit des Holocaust. Später sind sie dann bei einer Aufführung von Mozarts Sinfonia concertante zu sehen. Für Gordon ist "k.364" eine Hommage an die Musik als wahrhaft gegenwärtige Kunst. Zugleich aber bezeugt der extrem emotionale Ausdruck auf den Gesichtern der Interpreten, dass das ganze Glück der Musik gerade ohne die Beimischung von erlebtem Schrecken, Verlust und Schicksal nicht zu haben ist.

Gordons neuestes Opus "Rebel" enttäuscht dagegen. Henry Hopper, Sohn des rebellischen Schauspielers und Regisseurs Dennis Hopper, agiert darin mit vollem Körpereinsatz extreme Gefühle wie Wut, Verzweiflung oder Selbsthass aus. Die filmischen Sequenzen werden atemberaubend auf zwei meterhohe, wacklig übereinander gestapelte Screens projiziert. Trotzdem packen die Bilder kaum mehr als Übertragungen von Bodenturnmeisterschaften, die nachmittags endlos auf irgendeinem Sportkanal laufen.

Dafür ist "24 Hour Psycho" jüngst endgültig zur Ikone geworden. Der US-Schriftsteller Don DeLillo nimmt in seinem Roman "Der Omega-Punkt" ausgiebig Bezug auf die Installation. Vom echten Kriminalfall, der "Psycho"-Romanvorlage von Robert Bloch über Hitchcocks Film, die 24-Stunden-Adaption und DeLillos Buch ist längst eine Kette von Aneignungen entstanden, die Gordon selbst noch erweitern will: Unlängst hat er die Filmrechte erworben und will sich, wie er sagt, "recht bald" an die Umsetzung machen.

So ist am Ende nicht ausgeschlossen, dass die Romanverfilmung irgendwann dort landet, wo Gordon mit großen Augen zu sehen begonnen hat: im abendlichen Spielfilmprogramm des Fernsehens.


Douglas Gordon, Museum für Moderne Kunst , Frankfurt, 19. November 2011 bis 25. März 2012; zusammen mit Arbeiten von Ross Birrell und David Harding ist ein weiteres Werk Gordons bis zum 21. Januar 2012 im Frankfurter Portikus zu sehen.

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