Vierte Staffel von "24" "Kill den nicht. Ich brauch den noch!"

Nach drei Staffeln "24" könnten sich die Macher Robert Cochran und Joel Surnow auf ihrem Erfolg ausruhen. Stattdessen krempeln sie die Serie komplett um und entsorgen fast alle bekannten Gesichter. Nur auf eines bleibt Verlass: 24 Stunden lang keine Pinkelpause für Agent Jack Bauer.


Kiefer Sutherland als Agent Jack Bauer: Wer hat an der Uhr gedreht?
20th Century Fox

Kiefer Sutherland als Agent Jack Bauer: Wer hat an der Uhr gedreht?

"Wenn wir wüssten wie die magische Erfolgsformel lautet, wären wir begeistert. Wir haben sie nur leider bisher nicht gefunden": Robert Cochrans Selbsteinschätzung klingt nach koketter Tiefstapelei. "24", seine gemeinsam mit Joel Surnow vor vier Jahren kreierte Thrillerserie in Echtzeit, gilt bei Kritikern als eine Revolution des Fernsehens und machte Millionen Zuschauer süchtig. Wie wird Agent Jack Bauer die bevorstehende Katastrophe binnen 24 Stunden abwenden? Und wer wird dieses Mal betrogen, gefoltert oder getötet?

Die Story lenkt den Autor

Jede neue Staffel sei wie ein Puzzle, erklärte Cochran der "New York Times" - ein Puzzle, das die Autoren der Kultserie aber entgegen bisheriger Einschätzungen nicht akribisch vorplanen, sondern das sich erst während des Schreibens formiert. Nur die ersten sechs Folgen der ersten Staffel habe man noch haarklein vorausplanen können, erinnert sich der Autor. Ab der zweiten Staffel habe im Vorfeld dann gerade mal der Handlungsverlauf von drei der 24 Stunden festgestanden. Und in der vierten? "Keine", so Cochran.

Tatsächlich ist ausgerechnet die Serie, die für ein Höchstmaß an erzählerischer Logik und Präzision steht, ein Work in Progress, eine Geschichte, die sich aus selbst entwickelt und die - glaubt man den Autoren - die Schreiber lenkt und nicht umgekehrt. Sollten die Schöpfer der Kultserie tatsächlich von der Story getrieben werden, kommt einiges auf sie zu. In der vierten Staffel, in der es um terroristische Schläferzellen in den USA gehen soll, wird nämlich fast das ganze Figurenpersonal ausgetauscht.

"24"-Darsteller (im Uhrzeigersinn): Kiefer Sutherland, Sarah Wynter, Carlos Bernard, Xander Berkeley, Penny Johnson Jerald, Dennis Haysbert, Elisha Cuthbert: Alles geht, einer macht
20th Century Fox

"24"-Darsteller (im Uhrzeigersinn): Kiefer Sutherland, Sarah Wynter, Carlos Bernard, Xander Berkeley, Penny Johnson Jerald, Dennis Haysbert, Elisha Cuthbert: Alles geht, einer macht

Dennis Haysbert, der den ehrenwerten US-Präsidenten David Palmer spielte, wird in Zukunft ebenso wenig dabei sein wie Elisha Cuthbert, die bislang Kim, Jack Bauers Tochter, gab. Auch Carlos Bernard wird nicht mehr als Tony Almeida, der Chef der Anti-Terror-Einheit CTU, in Erscheinung treten. Almeida beging in der letzten Staffel Hochverrat, um seine Freundin Michelle Dessler vor einem Killer zu retten. Dessler-Darstellerin Reiko Aylesworth wurde ebenfalls entlassen.

Tatsächlich bleibt Sutherland die einzige Konstante in der nächsten Hatz gegen organisierte Verbrecher und Terroristen. Neu hinzu kommen William Devane ("X Files") und die iranisch-stämmige Shoreh Aghdashloo, die für ihre Rolle einer persischen Immigrantin in Vadim Perelmans Drama "House of Sand and Fog" letztes Jahr eine Oscar-Nominierung erhielt.

Überlebenskampf der Figuren

Der coproduzierende Sender Fox war zuerst alles andere begeistert, dass eine seiner profiliertesten Serien einer Radikalkur unterzogen wird. "Natürlich hatte ich Zweifel, die würde jeder haben", zitiert die "New York Times" den Entertainment-Chef des Senders Gail Berman. "Aber '24' ist einfach ein ganz eigenes Ding. Die Serie hat ein Publikum, das das Unerwartete erwartet."

Auch wenn sich der Plot im Einzelnen erst noch entwickeln muss - mit dem Spektakulären, Unerwarteten können die Zuschauer auch in der vierten Staffel rechnen. So soll Jack Bauers nächster Einsatz 18 Monate nach dem letzten "24"-Abenteuer beginnen. Nachdem er seinen Job als Top-Agent und sein Drogenproblem losgeworden ist, arbeitet er als Berater für das Verteidigungsministerium inklusive Affäre mit der verheirateten Tochter des Verteidigungsministers. Aber weil Bauer auf terroristische Schurken so anziehend wirkt wie Angelina Jolie auf männliche Hollywood-Produzenten, kann der Welt betriebsamster Superagent wieder 24 Stunden lang im Einsatz sein.

"24"-Star Elisha Cuthbert: Aus für die Tochter
AP

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"Manchmal wird die Serie einfach nur von Adrenalin und Tempo angetrieben", erklärt Howard Gordon, der neben Cochran und Surnow als Produzent der Serie fungiert. "Unser Job ist es, das Ganze so gut wie möglich auf Trab zu halten, dass selbst bei Löchern in der Geschichte die Sache weiterläuft." Eine Einstellung, die Bauer-Darsteller Sutherland sofort bestätigen würde: "'24' ist wie 'Denver-Clan' auf Crack", erklärte der Star einmal dem "Playboy".

Zeitdruck, komplizierter Plot, viele Figuren - auf die Macher der aufwändigsten Thriller-Serie der Welt könnte ein ähnlich harter Marathon zukommen wie auf ihren Helden Jack Bauer. Kein Wunder, dass da manchmal die Ideen knapp werden. "Manchmal ist es wirklich schwer sich etwas Gutes auszudenken. Ich sitze am Rechner und denke plötzlich, das ist eine tolle Idee für eine Figur! Dann renne ich ins Nebenzimmer, nur um herauszufinden, dass ein anderer die Figur vielleicht schon umgebracht hat. Dann muss ich zu dem Autoren gehen und sagen: 'Nein, bring den Typen nicht um. Ich brauch' den noch.'"


Die vierte Staffel von "24" startet am 9. Januar im US-Fernsehen



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