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22. Februar 2001, 13:17 Uhr

Viva-2-Moderatorin Charlotte Roche

Zauber der musikalischen Lumpenfee

Von Tobias Moorstedt

Die Viva-2-Moderatorin Charlotte Roche zeigt ihre Schweißflecken, prügelt sich mit Robbie Williams und hält Alice Schwarzer "für die beste Frau Deutschlands". Für ihre erfrischend unorthodoxe Art wurde die 22-Jährige nun verdientermaßen für den Grimme-Preis nominiert.

Das Mädchen ist ein einziger Tabubruch. Das muss man einfach so sagen, und das fängt schon beim Äußeren an: Charlotte Grace Roche trägt ein pechschwarzes Durcheinander auf dem Kopf, vier Piercings im Gesicht und ein Make-up, das förmlich schreit: "Das Leben ist ein großer Karneval." Wild sieht die 22-jährige Viva-2-Moderatorin aus, ungebändigt fast, und verfolgt dabei ein ganz eigenes Schönheitsideal: Die Ästhetik der Körperflüssigkeiten. "Schaut mal, meine wunderschönen Schweißflecken unter den Armen", rief sie einmal ihren Zuschauern zu und strahlte in die Kamera.

Moderatorin Roche: "Das ist richtig schön krank"
VIVA

Moderatorin Roche: "Das ist richtig schön krank"

Unter all den sterilen Zahnpasta-Schönheiten des deutschen Fernsehens sieht sich Roche als die "glitzernde Lumpenfee aus dem Märchen": leicht abgerissen, aber wunderbar-geheimnisvoll. Rotzig, respektlos und mit dem Bekenntnis zum gepflegten Transpirieren hat sich Roche ihren Platz als "femme fou" im Daily-Soap-Allerlei gesichert. Zu Recht. Wenn es Roche langweilig wird, lässt sie in ihrer Show die Kamera schon mal auf ihren toten Zahn zoomen, den "hinten links" - eine halbe Minuten lang. Das ist zwar nicht unbedingt schön oder besonders intelligent - langweilig ist es allerdings auch nicht. Wahrscheinlich ist es einfach nur anders.

Seit 1998 moderiert Charlotte Roche für den Musiksender Viva 2, jene kleine, ungezogene Schwester des Kölner-Girlie-Senders Viva, die Show "Fast Forward". Und was am Anfang als kurzes und charmantes Intermezzo zwischen den einzelnen Musicclips geplant war, ist längst zur Roche-Show geworden. Breit grinsend begrüßt sie ihr "sexy Publikum" und "labert sich den Ast". Von Wolfgang Schäuble über Thomas Gottschalk zum U2-Sänger Bono - und das in nur zwei Minuten? Kein Problem für Charlotte Roche, Königin des "vogelwilden" Assoziierens.

Roche weist die Richtung

Für ihre "kompetent-eigenwillige Moderation der Musiksendung" wurde Roche von der Medienbewertungsmaschine Grimme-Institut für den gleichnamigen Preis nominiert. In der Kategorie "Spezial", mit der die Münchner seit ein paar Jahren ein gesundes Maß ab Jugendlichkeit demonstrieren wollen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Grimme-Preises wurde ein Musiksender nominiert. Die Botschaft: Grimme goes Rock and Roll. Ab in Richtung Populärkultur. Roche weist die Richtung.

Charlotte jedenfalls freute sich über die Nominierung: "Ich hätte nicht gedacht dass die Grimme-Leute sich für uns interessieren." Sie hätte aber auch die Bescheidenheit bei Seite lassen und einfach sagen können: "Wenn ein Musiksender einen Preis verdient hat dann ist es Viva 2." Denn vor allem nach 22 Uhr - wenn die Lieblinge der Werbung, die Jugendlichen zwischen 12 und 16, langsam in die Heia müssen - ist Viva 2 eine Oase der guten Musik, und meilenweit entfernt von den Abgründen des Mainstreams. Statt bloßer Bilderflut, die die Jugend in die Musikläden spülen soll, will Viva 2 Videoclips für ein "tätowiertes Lebensgefühl" (Eigenwerbung) liefern. Hier lesen unfrisierte Menschen ihren Text - wenn überhaupt - nur von zerknüllten Zettelchen ab und wirken auch sonst wie gerade von der Straße aufgelesen. Der Charme des Unfertigen, der Homevideo-Charakter bietet das, was den Marktführern MTV und Viva so schrecklich fehlt: ein bisschen Authentizität.

Auch Punkrocker essen Kinderschokolade

Zwar steckt natürlich auch hinter Viva 2 ein kluges Marketingkonzept. Oder besser gesagt: Ein Konzept der Konzeptlosigkeit, das den Menschen schmeichelt, die von sich selbst glauben, anders zu sein als der Rest. Diese Menschen nennt Viva-Geschäftsführer Dieter Gorny "Meinungsmacher", und sie sind eine wertvolle Zielgruppe für die Werbung. Sie setzen die Trends, die die Mitläufer in die Läden treibt. Das Motto: Auch Punkrocker essen Kinderschokolade. Charlotte Roche aber ist der tägliche Beweis, dass es sich dabei nicht nur um eine kreativ-schöne Verpackung handelt.

Konsequent widersetzt sich die gebürtige Engländerin den überlieferten Spielregeln der Branche. Als nach dem Erfolg von Viva 2 der übermächtige Konkurrent MTV in Köln-Hürth auf Einkaufstour ging, und die beliebten Moderatoren Markus Kavka und Nils Ruf mit Geldbündeln nach München lockte, lehnte Roche ein ähnliches Angebot ab und ließ sich stattdessen das Logo ihres Senders auf den Arm tätowieren. "Am Anfang habe ich mir gedacht es wäre doch verrückt ein solches Angebot abzuschlagen. Es war so viel Geld", erzählt Roche, "doch nur dem Geld hinterherzulaufen ist einfach rückgratlos. Ein gutes Arbeitsklima kann man nicht kaufen."

Roche meint: "Die meisten Moderatoren machen einfach alles. Doch die Persönlichkeit eines Menschen macht doch vor allem aus, was er absagt oder nicht macht." Das sagt sie, und klingt dabei wieder einmal so charmant andersartig und erschreckend weise für ihre 22 Jahre.

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DPA

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Natürlich ist der Tabubruch schon lange ein probates Mittel für Quotengewinne. Stefan Raab zeigt in seiner Show männliche Geschlechtsorgane und wird damit zum Helden der permanent Pubertierenden. Und Viva 2-Mann Nils Ruf macht in der Minute mehr Schwulenwitze als Eminem auf einer ganzen Platte und wird dafür als "Badboy des deutschen Fernsehens" ("Bild-Zeitung") gefeiert.

Doch für Charlotte Roche scheint der Bruch mit den TV-Regeln mehr zu sein als leere Attitüde. Mehr als ein bloßer Marketing-Gag wie bei "TV-Total"-Moderator Raab, der innerhalb von zwei Jahren vom Viva-Milchbart zum König der Schadenfreudigen mutierte. Es liegt wohl eher in ihrer Persönlichkeit. "Ich mache einfach, was ich will", sagt sie über ihre Show, "und ich bin verdammt gut darin."

Grusel-Rocker im Beichtstuhl

Ihre Interviews mit den Größen der Musikbranche sind legendär. Teleprompterfrei fragt Roche sich durch das Leben der Gäste. Da ist kein: Sag mal, wie fühlt man sich denn so, wenn man es geschafft hat? Kein: Das ist aber ein schönes Kleid, das du trägst. Wo hast du das her? Charlotte Roche weiß, was sie wissen will. Statt im poppig-bunten Studio interviewt Charlotte Roche Grusel-Rocker Marylin Manson im Beichtstuhl, die Band Moloko beim Würstchen-Essen und den deutschen Ragga-Star Mr. Gentleman im Schlammbad. Und als Superstar Robbie Williams im Interview fragte "Kann ich dich vögeln?", hat sie ihn gehauen und "Halt die Klappe, du Arschloch" geschnappt, anstatt in Ohnmacht zu fallen, was wohl 95 Prozent aller Mädchen in dieser Situation gemacht hatten.

Geht dann doch mal alles schief, und der Interviewpartner gibt nur höfliches Nichts von sich, lässt Roche die Interviews schon mal in doppelter Geschwindigkeit abspielen und mit "scheißlangweiliges Gelaber" untertiteln, weil "das Saubere, Perfekte so einschläfernd ist."

"Das ist richtig schön krank"

Es ist diese erfrischende, fast schon unbedarft wirkende Ehrlichkeit, die Charlotte Roche so erfolgreich macht. Sogar das Frauen-Magazin "Emma" widmete der 22-Jährigen ein mehrseitiges Porträt. Roche hat sich gefreut und auch ein "bisschen geehrt" gefühlt. "Weil Alice Schwarzer eine der besten Frauen in Deutschland ist." Das hat sie gesagt und sich wahrscheinlich nichts weiter dabei gedacht. Es war ihr egal, dass es in der Fernsehbranche des 21. Jahrhunderts einem Todesstoß gleichkommen kann, in den Dunstkreis des Feminismus gerückt zu werden. Besonders in einer Ära, in der sich zehn Mädchen von einem Fernsehsender in einer Villa einsperren und sich von der Nation auf die Brüste glotzen lassen.

"Girlscamp" ist Fernsehen das Roche nicht mag. Und auch deswegen will sie sich längerfristig aus dem Geschäft zurückziehen. Im März will sie zusammen mit Horror-Regisseur Andreas Schnaas in Rom ein Splatter-Movie drehen, "in dem alle voll bescheuert sterben". Text hat Roche in diesem Film zwar kaum, dafür platzen ihr die Arterien in beiden Beinen. Und wieder freut sich Charlotte: "Das ist richtig schön krank". Einen Preis wird sie für ihre Rolle als explodierender Junkie zwar kaum erhalten. Aber irgendwie ist das auch egal. Hauptsache es ist anders als der Rest.

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