Völkermord-Business in Kambodscha Der Tod bekommt ihm gut

Vom Täter zum Schröpfer: Ein Roter Khmer fotografierte früher in einem berüchtigten Folterknast todgeweihte Häftlinge. Jetzt hat der Mann große Pläne - er will sein eigenes Völkermord-Museum eröffnen und mit dem Andenken an die Ermordeten westliche Touristen anlocken.

Thilo Thielke

Aus Phnom Penh berichtet


Jedes Mal, wenn er durch die Gänge hastet, verfolgen ihn diese Augenpaare. Hunderte, Tausende. Sie gucken flehend oder zornig, manche trotzig, viele hilflos, einige apathisch, fast alle ängstlich. Sie schauen ihn von alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen an, aus einer dunklen Vergangenheit. Viele dieser Menschen hat der Fotograf Nhem En schon einmal gesehen. Damals, als sie noch gelebt haben, irgendwann zwischen August 1975 und Januar 1979.

Die Menschen, deren Blicken Nhem En, 49, nicht ausweichen kann, wurden totgeschlagen, ersäuft oder erdrosselt. Er hat sie fotografiert, bevor sie in den Tod gingen, als sie hier eingeliefert wurden: nach Tuol Sleng, in das Foltergefängnis der Roten Khmer, mitten in der Hauptstadt Phnom Penh.

Nhem En war knapp zehn Jahre alt, als er sich den Maoisten anschloss und nicht einmal 20, als der Spuk zu Ende ging. Er war ein treuer Soldat Pol Pots, so treu, dass sie ihn zur Belohnung in das befreundete China schickten, um die Kunst der Fotografie zu erlernen. Als er zurückkehrte, beorderten ihn Parteifunktionäre nach Tuol Sleng, in den Horrorknast, wo sie ihre Feinde - Städter, Bürger, Intellektuelle und auch Parteigenossen - zu Tode folterten.

Jeder Unglückliche, der in Tuol Sleng, einem ehemaligen Gymnasium, eingeliefert wurde, erhielt eine Sträflingsnummer und musste abgelichtet werden. Nachdem Pol Pots Regime im Januar 1979 von vietnamesischen Truppen zermalmt worden war, entdeckten die Besatzer Massengräber - und Tausende Fotos.

Fotostrecke

9  Bilder
Völkermord-Museum: Scheine machen mit Schädeln
Die Vietnamesen holten die menschlichen Überreste aus den Massengräbern und errichteten auf den Killing Fields Schädelstätten. Die Welt sollte die 1,7 Millionen Terroropfer nicht vergessen. Aus Tuol Sleng machten die Befreier ein Museum, in dem die Fotos der Gefangenen ausgestellt werden. Bedrückende Zeugnisse menschlichen Irrsinns.

Täglich strömen Hunderte Besucher durch die Räume, viele ausländische Touristen darunter, und das hat den Dokumentar dieses Grauens auf eine Idee gebracht. Regelmäßig kehrt Nhem En, der ehemalige Rote Khmer, zurück und schaut sich um.

Er hat das Regime Pol Pots überstanden - was auch für einen Täter nicht selbstverständlich war. Er hat den Einmarsch der Vietnamesen überlebt. Er wurde wegen seiner Hilfe für das Terrorregime der Roten Khmer nie angeklagt. Im Gegenteil, er machte Karriere, bekleidet heute das Amt eines Vizegouverneurs des Bezirks Anlong Veng, nördlich von Phnom Penh. Ungewöhnlich ist das nicht in Kambodscha. Ministerpräsident Hun Sen war selbst ein Kommandeur der Roten Khmer. Nur die fünf schlimmsten Verbrecher, derer man habhaft werden konnte, stehen derzeit vor dem Tribunal - darunter der Leiter des Tuol-Sleng-Gefängnisses, Kaing Guek Eav, Kampfname Duch.

Warum kehrt Nhem En immer wieder zurück zu der Stätte des Grauens? Verspürt er Reue? "Dazu habe ich keinen Grund", sagt er aufgeräumt, "ohne meine Fotos wüsste die Welt nicht, was hier geschehen ist - alle sollten mir dankbar sein für das, was ich getan habe."

Nhem En kehrt als Geschäftsmann zurück. Er studiert den Museumsbetrieb. Er hat nämlich große Pläne. Um die zu erklären, kramt er eine Bauzeichnung hervor. Es ist die Skizze eines traditionellen Khmerbaus mit verziertem Dach. "Das Haupthaus", sagt Nhem En. Ein Architekt hat den Plan angefertigt, auch für weitere Gebäude. Es soll sein Einstieg ins große Geschäft werden, ins Geschäft mit der Erinnerung.

Investor gesucht

Es kommen ja immer mehr Touristen nach Kambodscha, in den letzten Jahren waren es mehr als zwei Millionen. Viele fahren nach Angkor Wat, dem Tempelkomplex des alten Khmerreichs. Sie kombinieren den Bildungstrip mit einem Strandbesuch und machen danach noch einen kleinen Abstecher an die Horrorstätten.

Da könnte er sich doch einklinken, hat sich Nhem En gedacht. Er besitzt ein Grundstück von 50 Hektar, und er hat diese vielen Fotos von den Roten Khmer und ihren Opfern. Ein paar Häuser, ein paar Gedenktafeln - fertig wäre sein eigenes Völkermordmuseum. "Eine halbe Million Besucher könnte ich jedes Jahr in mein Museum locken", sagt Nhem En. "Wenn ich an jedem einen Dollar verdiene, macht das eine halbe Million Dollar im Jahr." Was für ein Geschäft! Zumal in einem Land, in dem ein Arbeiter umgerechnet 50 Dollar im Monat verdient.

Die Genehmigungen für sein Projekt hat er schon eingeholt, alles von der Regierung, alles "ganz offiziell" abgestempelt. Jetzt geht es um die Finanzierung. "Am liebsten hätte ich einen Sponsor, mit dem ich hinterher die Einnahmen teile", erzählt er, "200.000 Dollar bräuchten wir schon für den Bau." Er soll ja schön werden.

Doch auch ohne Finanzier, davon ist Nhem En überzeugt, wird er sein Museum bekommen. Zur Not bringt er das Kapital eben selbst auf. Für einen Vizegouverneur sollte das schließlich zu machen sein. Und seine Heimatregion, in der das Museum errichtet werden soll, wird vom Besucherstrom profitieren. Das wiederum dürfte ihm Stimmen bei der nächsten Wahl bringen.

Eine glasklare Win-Win-Situation.


Mehr über Nhem En erfahren Sie in der Nacht von Sonntag auf Montag im "SPIEGEL TV Magazin", RTL, 0.05 Uhr



insgesamt 15 Beiträge
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lemming51 18.10.2009
1. .
Ja, so ist das. Freie Marktwirtschaft. Man muss nur eine innovative, zündende Idee haben,weiterhin eine Marktlücke und einen "Bedarf", dann klapperts im Geldbeutel.Erfolg durch seiner Hände "Arbeit", schwarz-gelb wäre u.U.stolz. Und:Moral ist da eher hinderlich, Ethik sowieso. Das alles könnte der gute Mann von Europa gelernt haben. Hat er wahrscheinlich auch. Gratulation.
buntesmeinung 18.10.2009
2. !
nur ein Wort: Pervers!
mark anton, 18.10.2009
3. Dem Roten khmer Verbrecher sollten seine Plaene ausgetrieben werden
mit seinen "Erinnerungsfotos" auch noch Kasse machen zu koennen. Er gehoert hinter Gittern auf Lebenszeit, dann kann er ueber seine ueble Vergangenheit meditieren.
Parisien, 18.10.2009
4. Menschen
Wenn ich an die Taten Pol Pots und seiner mörderischen Mittäter erinnert werden, weiss ich wieder , warum ich nicht an eine irgendwann erreichbare Welt ohne Gewalt glaube: Dem steht der Mensch entgegen. In diesem Ergebnis werde ich bestärkt, wenn ich sehe , wie desinterssiert bis zynisch die Nachwelt auf diese Taten reagiert (Parallelen zu vergleichbaren Erscheinungen in Regionen, die geografisch näher an oder sogar in Deutschland liegen, dürfen gern gezogen werden). Und dabei meine ich nicht nur den dollargierigen zukünftigen Eigentümer eines Museums des Grauens , sondern auch die Zuschauer,die sich diese Ausstellung in der Mehrzahl nicht aus wissenschaftlichem Interesse anschauen, sondern um sich am Leid der Opfer zu ergötzen.
Karl-Heinz Knuffelpuff 18.10.2009
5. Korrupt bis zum geht nicht mehr
Ein ehemaliger Roter Khmer als Praesident ? Man stelle sich das nur mal in Deutschland nach dem 2.ten Weltkrieg vor... . Das liegt daran das nach der Zerschlagung Pol Pots das Land nicht konsequent von den Roten Khmer befreit wurde, wie in Deutschland mit den Nazis. Die Vietnamesen die nach ihrem eigenen Krieg das Land besetzt haben, waren wohl kaum faehig gewesen das zu vollziehen. Schade dass durch den Kalten Krieg und nach der Niederlage Amerikas, der Westen an diesem Teil der Erde das Interesse verloren haben. Deswegen herrschen dort eben immer noch die alten korrupten Leute, die sich selbst die Taschen voll machen von den wenigen Touristen die sich dorthin verirren...
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