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06. Oktober 2012, 14:26 Uhr

Geschmacklose Modestrecke

"Vogue" inszeniert Model als Obdachlose

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Die deutsche "Vogue" provoziert - und keinem fällt es auf. Schon vor über einer Woche erschien eine Ausgabe, in der eine Fotostrecke mit Model im Obdachlosen-Look präsentiert wird, samt Supermarkt-Trolley und Bettel-Becher. Pünktlich zu Beginn der nasskalten Jahreszeit.

Dass die in der "Vogue" abgebildete Dame an eine Obdachlose erinnern soll, muss der Leser selbst herausfinden - was allerdings nicht allzu schwer ist. Einschlägige Symbole machen völlig klar, womit man es hier zu tun hat: Einer Art fotografischem Kommentar zur Krise vielleicht, einem kühnen Zitat aus einer ganz anderen Welt (in der sich eigentlich niemand Kleider für 4700 Euro kauft). Der Welt der Menschen ohne festen Wohnsitz.

Der Text verrät das aber nicht, er beschränkt sich auf die Attribute "einzigartig extravagant" und eine Aufzählung diverser Stoffmuster, die in Kombination "für Eyecatcher-Garantie" sorgen sollen. Kein Wort von nächtlicher Erfrierungsgefahr, unbehandelten Krankheiten, sozialer Ausgrenzung, von Gewalt. Kein Wort von Armut.

Die deutsche Ausgabe von Condé Nasts Modezeitschrift "Vogue" präsentiert, in ihrer Oktober-Ausgabe, also rechtzeitig zum Beginn der nasskalten Jahreszeit, eine Fotostrecke, die ein Model im Obdachlosen-Look zeigt. Mal mit einem Einkaufswagen voller Getränkedosen, mal mit einem zerknüllten Oberbett auf der Treppe im Hintergrund, immer aber mit vielen Schichten sehr teurer Kleidung übereinander und immer mit einer Menge (Hand-)Taschen. "Bag Lady" ist in den USA ein Ausdruck für eine obdachlose Frau, und man kann sich vorstellen, dass irgendjemand in der Redaktion der "Vogue" das sogar witzig fand.

Auf den Laufsteg mit löchriger Schaumstoffmatte

Man kann der "Vogue" nicht vorwerfen, dass sie diese geschmacklose Kombination - Kleidungsstücke für mehrere tausend Euro ergänzt um die Insignien extremer Armut - allein erfunden hätte. Brancheninsider würden womöglich sogar sagen, dass das eine alte, geklaute Idee ist.

Für allzu viel Aufmerksamkeit hat die Fotostrecke bislang jedenfalls nicht gesorgt. Das US-Online-Magazine "The Gloss" wies darauf hin, dass die Idee mit der Obdachlosen-Modekollektion im Ben-Stiller-Film "Zoolander" von 2001 noch Satire war, das US-Portal BuzzFeed.com veröffentlichte einige der "Vogue"-Bilder - darunter auch zwei, die in der Druckausgabe gar nicht zu finden sind, aber der Originalserie zu entstammen scheinen. Das Blog Kotzendes-Einhorn.de diagnostizierte "einen der hässlichsten 'Let-Them-Eat-Cake-Momente' der letzten Jahre". Bloggerin Antje Schrupp wies darauf hin, dass "Menschen, die von Hartz IV leben" pro Monat "30 Euro und 40 Cent zur Verfügung" hätten, um Kleidung zu kaufen. Viel mehr Echo gab es nicht - vielleicht kann sich über das Thema tatsächlich niemand mehr aufregen.

Schließlich hat doch beispielsweise der deutsche Designer Patrick Mohr schon Ende 2009 Obdachlose als Models auf den Laufsteg geschickt, Vivienne Westwood gab ihren Models zur Mailänder Modewoche im Januar 2010 löchrige Schaumstoffmatten, geklaute Supermarkt-Einkaufswagen und zerschlissene Kleidung mit auf die Bühne. Und das "Antidote"-Magazin aus den USA veröffentlichte vor fast genau einem Jahr eine Modestrecke, in der krankgeschminkte Models auf Pappkartons und Parkbänken vor sich hinvegetierten. "Homeless Chic" als Modephänomen ist heute eigentlich schon wieder sowas von vorbei.

Aber vielleicht fand man bei der "Vogue" einfach, dass es Zeit wäre, diese knisternde Kombination (Supermarkttrolley: 1 Euro Pfand, Mantel: "um 2000 Euro") im Angesicht der nicht enden wollenden globalen Krisen noch einmal aufleben zu lassen. "Signs of the Time", Zeichen der Zeit, heißt die Strecke im Heft. Ein bisschen Grusel für diejenigen, die es sich gerade noch so leisten können.

Die Redaktion der Zeitschrift erklärte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nach Veröffentlichung des Textes: "Wir sind uns bewusst, dass die Bilder für den außenstehenden Betrachter, der mit der künstlerischen Komponente von Modefotografie vielleicht nicht unbedingt vertraut ist, als Provokation empfunden werden könnten." Die Redaktion habe sich daher gegen eine Online-Veröffentlichung entschieden, "weil wir die weitere unkontrollierte Verbreitung im Netz und damit eine aus dem Kontext gerissene Darstellung vermeiden wollen." Bei Vogue sei ein wichtiger Grundsatz, Fotografen und Stylisten "eine größtmögliche Freiheit im kreativen Prozess" einzuräumen, das sei auch in diesem Fall geschehen. "Es war jedoch in keiner Weise beabsichtigt, mit dieser Fotostrecke Menschen zu diskreditieren."

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