Volksbühne Berlin Begrüßung in Boxhandschuhen

Der Belgier Chris Dercon soll die Berliner Volksbühne übernehmen. Nun ätzen Techniker und Künstler des Theaters in einem offenen Brief gegen den zukünftigen Intendanten: Dercon habe kein Konzept. Doch dafür ist es zu früh.

Berliner Volksbühne
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Viele Jahre lang galt die Berliner Volksbühne als Panzerkreuzer der wilden Kerle, als von keiner feindlichen Macht zu enternder Kahn einer Bühnencrew unter Anleitung des Theaterkapitäns Frank Castorf, die nichts und niemand schrecken kann. Nun wird Castorf, derzeit 64, nach 26 Intendantenjahren aufs Altenteil geschickt, und die Besatzung hat eine Flaschenpost abgesetzt: "Uns schreckt nicht das Neue", behaupten die rund 180 Unterzeichner des Briefes. Nur leider fehle dem Mann, der künftig ihr Schiff lenken soll, jede "konzeptionelle Linie", er betreibe die "Schleifung von Identität" und den "Ausverkauf der für uns geltenden künstlerischen Maßstäbe".

Auf den ersten Blick sieht es nach einer verspäteten Meuterei aus, was in diesen Tagen an der Volksbühne passiert. Rund ein Jahr ist es her, dass Berlins Kulturpolitiker beschlossen haben, dass der Belgier Chris Dercon, 57, im Sommer 2017 neuer Chef des Theaters werden soll, in dem in den Neunzigerjahren Regisseure wie Castorf, Christoph Marthaler, René Pollesch und Christoph Schlingensief damals revolutionäre Theaterkunst gemacht haben.

An diesem Montag nun haben 180 Techniker und Künstler des Hauses sich mit einem offenen Brief an sämtliche Fraktionen des Berliner Abgeordnetenhauses und an Kulturstaatsministerin Monika Grütters gewandt: "Mit Sorge sehen wir dem Intendantenwechsel entgegen", heißt es in dem Brief, den unter anderem die Regisseure Pollesch, Marthaler und Herbert Fritsch sowie die Schauspieler Sophie Rois, Birgit Minichmayr und Martin Wuttke unterschrieben haben. Angeblicher Anlass des Schreibens: Der Auftritt Dercons und seiner designierten Programmdirektorin Marietta Piekenbrock bei einer Versammlung im Theater Ende April habe aber einen verheerenden Eindruck hinterlassen. Erkennbar seien "keine neuen Formen und künstlerischen Herausforderungen".

Frank Castorf
DPA

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Tatsächlich ist Dercon als Theaterdirektor ein Quereinsteiger. Angeworben hat ihn Tim Renner, der mal Musikmanager war und in Berlin als Quereinsteiger nun den Job des Kulturstaatssekretärs versieht. Chris Dercon stammt aus Belgien, hat an vielen großen Museen als Kunstmanager gearbeitet und war zuletzt Chef der Tate Modern in London.

Seit bekannt wurde, dass er die Volksbühne übernehmen soll, ist Dercon der umstrittenste Mann in der deutschsprachigen Theaterwelt: Die einen verklären den weißhaarigen Kunstmann zum weltgewandten Heilsbringer, der frische Luft in die angeblich vermuffte deutsche Theaterszene bringen werde; die anderen nennen ihn einen "Abwickler", der "für die Verabschiedung einer ganzen Kultur steht, mit verheerender Signalwirkung für die ganze Republik". So sagt es Herbert Fritsch, der in den vergangenen Jahren zahlreiche Hit-Produktionen der Volksbühne verantwortet hat.

"Nichts außer Gefasel und Wischiwaschi"

Der Regisseur Fritsch hält Dercons Bestellung für einen "riesigen PR-Gag, der niemals funktionieren wird", und wirft dem Belgier vor, er habe bei seinem Auftritt im Theater "nichts außer Gefasel und Wischiwaschi" über seine künftigen Pläne präsentiert. Dercon hat bislang nur bekannt gegeben, dass er mit Regisseuren wie dem Filmemacher Romuald Karmakar und der Tanztheaterfrau Mette Ingvartsen zu arbeiten plane, auch wolle er die "die Stadt bespielen" und auf dem Tempelhofer Feld eine mindestens vorübergehende Volksbühnen-Dependance errichten. Ansonsten sagt Dercon gerne Sätze wie: "Ich fühle mich nicht als Revolutionär, ich bin ein Moderator der Veränderung."

Chris Dercon
DPA

Chris Dercon

"Dieser Intendantenwechsel ist keine freundliche Übernahme", heißt es in dem offenen Brief, der den neuen Theaterchef Dercon mit verbalen Boxhandschuhen begrüßt - als Vertreter einer "global verbreiteten Konsenskultur mit einheitlichen Darstellungs- und Verkaufsmustern". In Wahrheit ist es keineswegs eine Überraschung, dass künftig "das Sprechtheater nicht die dominante Säule dieses Hauses sein wird", wie die Protestierenden den künftigen Chef zitieren.

Überraschend ist auch nicht, dass offenbar zahlreiche Volksbühnen-Mitarbeiter im Ensemble und in der Dramaturgie in den vergangenen Wochen von Dercons künftigem Team ihre Kündigung erhalten haben. In den meisten Theaterhäusern der Welt ist es üblich, alle paar Jahre eine neue Intendantin oder einen Intendanten einzustellen und den alten Chef samt seiner künstlerischen Crew wegzuschicken, "dieser Wechsel ist an sich etwas sehr Gutes", sagt der Regisseur Fritsch. Eher unüblich ist, dass auch Techniker gehen müssen. Das erklärt den zornigen Ton des Briefs, in dem "die Abschaffung ganzer Gewerke" (also Technik-Abteilungen) beschworen wird.

Dercons gutes Recht

Was Dercon wirklich vorhat, wird er frühestens bei der Vorstellung seines Programms irgendwann im nächsten Frühjahr verraten. Das ist sein gutes Recht. Klar ist es verständlich, dass vor allem die nicht gekündigten Mitarbeiter seiner künftigen Arbeitsstätte wissen wollen, wie es in der Volksbühne weitergehen soll; trotzdem können sie nicht verlangen, in die Pläne ihres neuen Chefs schon jetzt detailliert eingeweiht zu werden. Vorwerfen kann man Dercon allenfalls seine Neigung zu grotesk inhaltsleeren Sprüche der Sorte: "Die Volksbühne wird nicht anders sein, sie wird sich weiterentwickeln." Liefern aber muss er erst im Jahr 2017, wenn er in Berlin antritt.

Die erste Reaktion der Volksbühnenbesatzung auf Dercons Berufung war im vergangenen Jahr, dass sie das Banner "Verkauft" auf ihrem Haus hissten. Dercon hat dazu geschwiegen. "Ich staune, dass er sich das antut", sagt Matthias Lilienthal, der früher Volksbühnen-Chefdramaturg war und heute die Münchner Kammerspiele leitet. Lilienthal bestreitet, dass er Dercon für den Job in Berlin vorgeschlagen hat. Aber er ist einer der wenigen deutschen Theatermenschen, die offen zugeben, dass sie Dercon für einen tollen Typen halten. Und für einen Mann mit Nehmerqualitäten: "Wenn ich diese Masse an Anfeindungen erlebt hätte, die Dercon erlebt hat, dann hätte ich längst hingeschmissen."



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Newspeak 22.06.2016
1. ...
Es ist üblich, daß neue "Chefs" die Mitarbeiter ihres Vorgängers meistens loswerden wollen. Manchmal ist das tatsächlich im Sinne der Sache auch bitter notwendig, weil sich z.B. nach 26 Jahren viele Dinge eingeschliffen haben, die nicht in Ordnung sind. Aber genausooft werden wirklich fähige Menschen bestraft und durch Nieten ersetzt, die aber Lieblinge des neuen Chefs sind. Für mich bedeutet diese Zweideutigkeit, daß es mal so oder so sein kann, im Grunde, daß man diese ganze Hierarchie in Frage stellen sollte. Wozu braucht es Intendanten? Wozu braucht es "Chefs"? Versagen tun sie oft genug. Kollateralschäden verursachen sie oft genug. Und der große Heilsbringer sind sie selten genug. Man sollte noch sehr viel demokratischer werden, in diesem Land, nicht nur politisch, sondern eben auch in Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft.
Pusteblume68 22.06.2016
2. Schon beim Casting kann man klare Vorstellungen haben.
Wieso muss der neue Intendant erst 2017 liefern? Auf welcher Basis hat er denn den Job gekriegt? Image? Vergangenheit? Denkzettel für die schon vor Ort Seienden? Jeder Wissenschaftler muss bei der Beantragung von Geld durchgestylte Forschungsvorhaben formulieren, nur ein hochbezahlter Intendant kommt mit lauwarmen Sprüchen durch? Je schneller und klarer er sich äußert und je eher er offen kommuniziert, desto größer die Chance, die Konflikte abzuräumen...
mue_ca 22.06.2016
3. strategisch unklug
Es ist Dercons Recht mit der Veröffentlichung seiner Vorhaben zu warten. Persönlich finde ich es aber strategisch unklug, dass er sich auch jetzt zurückhaltend verhält. Es gilt nicht mehr die unbedarfte Atmosphäre der 90er. Viele Projekte in der Stadt, ob politisch, wirtschaftlich oder kreativ, wurden in den Sand gesetzt- nicht zuletzt wegen mangelnder Kommunikation. Vertrauen wurde missbraucht. Zudem ist Dercon Quereinsteiger (was ich nicht uninteressant finde). Die Summe dieser Tatsachen begründet jedoch das Misstrauen. Die Volksbühne ist eine der letzten Institutionen, die überhaupt Auskünfte von Verantwortlichen einfordern kann. Es ist schade, dass das so öffentlich passieren muss.
gemihaus 22.06.2016
4. Der 'Volksaufstand' wg. CHRIS DERCON
Die tendenzielle Hysterisierung unsrer Gesellschaft macht auch vor dem Theater nicht halt, das sich, aktuell die Volksbühne in Berlin, von bevorstehenden Veränderungen durch eine neue Intendanz bedroht fühlt in seiner angestammten Substanz. Jedoch, wer weiß wirklich was kommt, über Vermutungen hinaus? Chris Dercon ist sicherlich kein unbeschriebenes Blatt, sondern ein ausgewiesen fundiert studierter und erfahrener Mann der (darstellenden) Künste, ein seriöser Kulturmensch, der immerhin von 2003-2011-2016 solche Institutionen wie das Haus der Kunst in München und die Tate London leitend und prägend bespielt hat. So jemand ist nicht unfähig und kann allemal über den Bühnenrand eines konventionell-progressiven Schauspieltheaters schauen und denken, wider auch schlampert tradierte Besitzstände. Wer den aus der Berliner Volksbühne generierten Theater-Klamauk sowie den letztlich kühn verpopten Bayreuther Ring des VB-Intendanten kennt, muss doch erstaunt lesen, mit welch fragwürdiger Argumentation von Bunkermentalität hier ein anderer, designierter Chef diskreditiert wird. Dass so altvordere Theaterleute wie Peymann, der sich ja auch simpler, angesagter Popkultur bedient, hier mit ins verstimmte Horn bläst, spricht eigentlich für die Person Dercon, die womöglich zu viel frischen Wind suggeriert im angestaubten Getriebe.
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