Georg Diez

Volksbühne vs. Dercon Ausweitung der Kulturkampfzone

Zwischen Gegenwartsverweigerung und Geisterbeschwörung: Das Aus von Chris Dercon an der Volksbühne steht symptomatisch für den kleingeistigen Berliner Kulturbetrieb. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen.
"Tschüss Chris": Aufkleber vor der Volksbühne Berlin

"Tschüss Chris": Aufkleber vor der Volksbühne Berlin

Foto: Paul Zinken/ dpa

Die Volksbühne in Berlin ist ein martialischer Ort. Schon die Fassade sagt: Krieg. Es ist ein Dampfer mit Stoßrichtung Gegenwart. Die Botschaft ist: Hier werden keine Gefangenen gemacht.

Das ist die Architektur dieses Theaters, das seine Weltbedeutung erst einmal davon ableitet, dass ein paar Leute das behauptet haben und andere es wiederholten.

An diesem Samstag weht hier eine goldene Fahne im Wind, es ist eine Rettungsdecke, wie sie etwa für Unfallopfer verwendet wird. Es wirkt wie ein Zeichen: Wir haben gewonnen.

Aber wer wäre wir? Man könnte auch sagen: Alle haben verloren. Alle sind Opfer eines Unfalls, der sich über Monate und Jahre hinzog, ein Frontalzusammenstoß in Superzeitlupe und Superlautstärke.

Tatsache ist: Chris Dercon, der Intendant, der mit so viel Ablehnung, Wut und Hass in Berlin begrüßt wurde, bis an den Rand der Irrationalität und darüber hinaus, ist nach nur wenigen Monaten vom Amt befreit.

Zurück bleibt ein Scherbenhaufen, so grell und gigantisch, als wäre es das Bühnenbild einer Castorf-Inszenierung.

Fotostrecke

Chris Dercons Rücktritt: Ende des "Kapitalistenhundes"

Foto: Jörg Carstensen/ dpa

Der regiert hier immer noch, in diesem "Totenhaus", wie es der Schauspieler Milan Peschel nannte, wobei das Totenhaus viel größer ist als diese Bühne, könnte man sagen, es ist diese ganze Stadt Berlin, die sich an ihrem eigenen Mythos überfressen hat und nun langsam daran zugrunde geht.

Die Art und Weise jedenfalls, wie Frank Castorf, der die Volksbühne 25 wunderbare Jahr lang zum Zentrum der Zertrümmerung aller theatraler und gesellschaftlicher Gewissheiten gemacht hatte, nach seiner Kündigung 2015 als alternativlos verklärt wurde, hatte Züge von Götzenverehrung, Gegenwartsverweigerung und Geisterbeschwörung.

Es ging um ein Berlin, das war, das in der Erinnerung lebte, das nicht vergehen sollte, es ging um ein identitätsstiftendes Kunstprojekt, das in den Neunzigerjahren begonnen hatte und ewig dauern sollte für eine Generation, die mit ihrer eigenen Jugend alt werden will.

Dekonstruktion, kritisches Pathos und gemeinschaftliche Ironie also als Lebenselixir - fairerweise muss man sagen, dass Castorf es in all den Jahren immer wieder geschafft hat, sich seine eigene Gegenwart zurückzuerobern, sein Theater war noch nicht an ein Ende gekommen, als es zu Ende ging.

Und dennoch: Eine Entscheidung wie damals für Dercon, getroffen gemeinsam vom derzeitigen Berliner Bürgermeister Müller und dem damaligen Kulturstaatssekretär Tim Renner, ist erst einmal eine Entscheidung, die richtig sein kann oder falsch - das Ausmaß oder die Entgleisung der folgenden Debatte deuteten daraufhin, dass hier womöglich am falschen Objekt etwas sehr Grundsätzliches verhandelt werden sollte.

Und das ist vielleicht das größte Versagen der vergangenen Jahre, es ist nicht künstlerischer, es ist politischer Art, und es ist nicht Dercons Schuld, sondern eher die seiner Gegner: Während die Gesellschaft kippte, verloren sich die, die gegen dieses Kippen hätten arbeiten können, in Schlachten untereinander.

Nationalistische und kunstfeindliche Stimmung gegen Dercon aufgebaut

Es waren die üblichen Kämpfe unter Leuten, die eigentlich auf der gleichen Seite stehen, links gegen links - auch wenn das einige von Dercons Gegnern anders definieren wollten, als Kampf gegen einen Neoliberalismus, der sehr pauschal mit der Kunstszene und ihrer Markttauglichkeit in eins gesetzt wurde.

Tatsächlich war es einigermaßen schockierend, die kleingeistige Hybris einer Kulturszene, die den Kapitalismus an der falschen Stelle bekämpfen will, mit Mitteln, die nur unwesentlich dumpfer sind als die der Kulturverächter der AfD.

Es war eine nationalistische und kunstfeindliche Stimmung, die in der Stadt gegen Dercon aufgebaut wurde, genau zu der Zeit, als sich die Gesellschaft auch an anderen Stellen abschottete, gegenüber Geflüchteten etwa, und sich Diskurse von dörflicher Beschränktheit entwickelten über Deutsch als einzige Sprache, in der man einen Kaffee in Berlin bestellen darf.

Chris Dercon

Chris Dercon

Foto: Paul Zinken/ picture alliance / Paul Zinken/d

Die Entsprechung war, und viele merkten gar nicht, wie sehr sie die falschen, weil feindbildenden Worte dieser Zeit wiederholten: Man spricht Deutsch im deutschen Theater! Man spielt Theater im deutschen Theater! Weltkulturerbe!

Die Ablehnung war ja nicht eine gegen Chris Dercon als Person und Intendant - der sich dann leider als eher unglücklich erwiesen hat, auch wenn das sehr viel mit finanziellen Problemen und falschen Versprechungen zu tun hatte, Stichwort Tempelhof -, die Ablehnung gegen Chris Dercon als Symbol für eine Kultur des Kuratierens und der Vermischung von Kunst, Film und Theater, wie sie in den Neunziger jahren begonnen hatte.

Chris Dercon war also in vielem das andere Eigene von Frank Castorf, es war eine Auseinandersetzung zwischen verschiedenen Brüdern - geführt in einer Zeit, in der das Theater, das in den Neunzigerjahren so ein Energiefeld gewesen war, immer mehr in die Bedeutungslosigkeit driftet, genau deshalb, weil es sich von den wesentlichen Wechselwirkungen der Künste abschirmt.

Und so muss man das Scheitern von Chris Dercon in Zusammenhang sehen mit dem Ende der Intendanz von Matthias Lilienthal an den Münchner Kammerspielen, der andere verbleibende Leiter eines großen Stadttheaters, der sich bemühte, den Bühnenraum gedanklich und gesellschaftlich zu erweitern.

Engpässe der Dekonstruktion

"Wir glauben, dass es der Auftrag des subventionierten Theaters ist", so formulierte es das Ensemble in einem offenen Brief als Protest gegen die Entscheidung gegen Lilienthal, "ein Ort der Reflexion und des Aufbruchs, nicht eine Bastion der Affirmation zu sein." Wo und wann, "wenn nicht in einer Zeit, in der Angst tiefe Gräben durch unsere Gesellschaft zieht", so das Fazit, sei es wichtig und richtig, "die mitunter babylonisch anmutende Diversität der Perspektiven und Sprachen mit einzubeziehen und zu spiegeln, um einen Ort der Begegnung zu pflegen".

Simon Strauß, der sein zeitgeistiges Heil darin sieht, sich als Reaktionär vom Dienst zu etablieren, antwortete darauf in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" wie in écriture automatique: Theater ist Theater ist Theater. Denn das ist der größere Maßstab des Berliner Dercon-Debakels: Das Theater ist ein weiterer Ort der allgemein ausgeweiteten Kulturkampfzone geworden.

Während also Chris Dercon eine mehr oder weniger schlaue Öffnung und Besichtigung des Archivs der Gesten und Gedanken vorschlug, als ästhetische Haltung, um die Engpässe der Dekonstruktion zu verlassen, findet eine sehr viel aggressivere und regressivere Historisierung statt, in Berlin und anderswo, allerdings eben ohne den rabiaten Widerstand, der Dercon entgegenschlug.

Das Stadtschloss etwa, als Höhe- und Tiefpunkt dieser restaurativen Kulturpolitik, wird irgendwie abgenickt oder wenigstens hingenommen, verbunden mit der intellektuellen Riesenpleite, die sich am Humboldt-Forum abzeichnet: Die Geschichte der Nation mit sanften Brüchen, als Geschichte, gerettet, nicht gerichtet.

Gegen all das stand Frank Castorf, gegen all das stand Chris Dercon. Seine Niederlage ist damit die Niederlage von allen, die im Theater mehr sehen als nur ein Spiel.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.