Volksmusik-Fotobuch Die traurige Suche nach Harmonie

Volkstümliche Musik und ihre Fans werden gern belächelt. Lois Hechenblaikner wirft einen ungewöhnlichen Blick auf dieses Soziotop - und entlarvt eine zynische Geldmaschinerie.

Lois Hechenblaikner/ Steidl

Sie blicken oft traurig in die Kamera, diese Menschen, wie sie da in den Tiroler Alpen stehen, mal in billige Trachtenimitationen gezwängt, mal in selbstgemachte Kostüme gehüllt oder in Fan-T-Shirts gesteckt, mit einem Tirolerhut auf dem Kopf oder einem schlecht sitzenden Käppi.

Irgendeine Devotionalie tragen sie alle, eine Huldigung ihrer Idole, den Helden der volkstümlichen Musik. Einige dieser Bilder sind kaum zu ertragen, so sehr berührt der Anblick dieser verletzlichen Menschen, deren Antlitz so viel über sie erzählt. Es sind keine schönen Geschichten.

Lois Hechenblaikner hat diese Fotos gemacht, sanft und sachlich porträtiert er mit seiner analogen Großformatkamera ein Soziotop aus Kitsch und Klischees, von Menschen, die sich nach einer heilen Welt sehnen, sich für ein paar Stunden in die wärmende Masse Gleichgesinnter begeben. Der Soziologe Gerhard Schulze bezeichnete diese Gruppe in seiner Gesellschaftstypologie als "Harmoniemilieu" und verortete dieses in älteren, sozial schwächeren Schichten. Mehr als 20 Jahre lang besuchte Hechenblaikner in seiner Heimat Hunderte von Konzerten, Fanwanderungen, Festivals, Auftritte der Kastelruther Spatzen, von Marc Pircher, Andreas Gabalier und immer wieder von Hansi Hinterseer.

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10  Bilder
Lois Hechenblaikners Fotos: "Eine verkitschte Kulturlüge"

Und er hat die Menschen porträtiert, die ihren Idolen durch halb Europa hinterherreisen, nicht selten ihr ganzes Geld für die Konzerte und die damit verbundenen Reisen ausgeben, sich darüber verschulden oder andere Kontakte vernachlässigen. Von den mehr als 3000 Aufnahmen erscheinen nun etwa 100 in dem wunderschön in Leinen gebundenen Fotoband "Volksmusik".

Den vielen Porträts stellt der Österreicher Fotos der Fanmassen voran, die riesige Hallen und Zelte füllen, auf Berge pilgern, aus unüberschaubaren Busarsenalen strömen. Und er zeigt Bilder der Stars - allen voran von Hansi Hinterseer, wie er auf einem Gipfel steht, sich in biblisch anmutenden Szenen feiern lässt. Mal streckt er die Arme jesusgleich in die Höhe, mal treibt er auf einem Floß wie Christus auf dem See Genezareth, eine junge hübsche Frau im Dirndl sitzt ihm auf einem Heuballen zu Füßen, auch ein hölzerner Glockenstand findet da noch Platz.

"Verkitschte Kulturlüge"

"Es ist die Vortäuschung von heimatlicher Idylle und Geborgenheit. In Wahrheit ist es eine verkitschte Kulturlüge in akkumulierter Form", sagt Hechenblaikner. Auf den ersten Blick mögen die Requisiten in die Alpenlandschaft passen, bei genauerer Betrachtung haben sie aber tatsächlich so gar nichts miteinander zu tun.

Die Fans bleiben bei diesen Inszenierungen auf Abstand, werden auf Abstand gehalten. Hechenblaikner löst mit seinen Porträts einzelne Personen, Paare oder Kleingruppen aus den Massen heraus, lässt sie fast ein wenig statisch in der Landschaft stehen und ernst gucken. "Es geht mir um eine möglichst sachliche und wertfreie Ablichtung der Menschen", sagt er. Damit folgt der 1958 geborene Fotograf seinem großen Vorbild August Sander (1876-1964). Schon er wollte die Gesamtheit einer Gesellschaft, einer Gesellschaftsgruppe mit den Porträts einzelner abbilden.

Diesen Anspruch hat auch Hechenblaikner, der sich seit Jahren den Ausprägungen von Massenphänomenen auf den einzelnen widmet. Denn er ist überzeugt, dass sich die Biografie eines Menschen in sein Gesicht einschreibt. Hechenblaikner spricht dann von "Antlitzdiagnostik". Und tatsächlich entwickeln die Gesichter der "Volksmusik"-Menschen bei genauer Betrachtung einen suggestiven Sog. Dann erzählen Habitus, Kleidung und Accessoires auch etwas über jeden einzelnen Menschen und über das Phänomen dieser Fankultur.

Oft sind es gezeichnete Gesichter, hängende Schultern oder aus der Form geratene Körper. Und es sind die vom Merchandising gelieferten Fanartikel und Outfits mit seltsamen Botschaften. Der arbeitslose Alexander P. aus Tirol etwa trägt ein T-Shirt vom Schürzenjäger-Festival mit der Aufschrift "Die Rebellion geht weiter". Auf der mächtigen Brust von Lisa aus den USA prangt der Aufzug "Alpenmonster", und Carmen aus der Schweiz trägt ein knallgelbes T-Shirt mit dem Konterfei von Hansi Hinterseer, und nuckelt an einem Schnuller. Solche Bilder führen die Sehnsucht dieser Menschen bedrückend vor Augen - und entlarven den Zynismus dieser Unterhaltungmaschinerie.

Respektvoller Umgang mit den Porträtierten

Hechenblaikner stellt seine Protagonisten nicht bloß. Er behandelt sie mit Respekt. Nimmt sich Zeit für sie, Zeit, die sich die Menschen im Gegenzug auch für ihn genommen haben. Mindestens 30 Minuten benötigt Hechenblaikner, um seine analoge Großformatkamera aufzubauen und einzustellen. Er macht Bilder, die den Betrachter herausfordern, die Beschäftigung mit den Menschen und dem Thema geradezu einfordern. Denn Hechenblaikner will eine vielschichtige Beleuchtung dieses Soziotops.

Deswegen sind dem Tiroler die Texte in seinem Fotobuch so wichtig. Er lässt den Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich zu Wort kommen, der auf die sozialpolitische Bedeutung der "kommerziellen Musik- und Gefühlswelt" eingeht. Oder Martin Hochleitner, Direktor des Salzburg Museums, der Hechenblaikners Art der Porträtfotografie analysiert. Der deutsche Musikkabarettist Hans Well beleuchtet die Verkitschung volkstümlicher Musik.

Ein weiterer Einführungstext stammt von der Verkäuferin Monika aus Bayern, für die "der Hansi", Hinterseer also, der Mann fürs Herz ist. Wenn sie einen "richtigen Mann" hätte, der sie jeden Tag drücke, bräuchte sie den Hansi nicht, erzählt sie. Es ist ein Text, der in seiner entwaffnenden Ehrlichkeit berührt und die nüchternen Fotos von Lois Hechenblaikner umso eindringlicher macht.



insgesamt 23 Beiträge
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schüttelkugel 05.05.2019
1.
Ich bin ja schon mal dankbar, dass die Autorin im Wesentlichen von "volkstümlicher Musik" und nicht von "Volksmusik" schreibt. Leider werfen die meisten diese beiden Begrifflichkeiten durcheinander bzw. es ist für sie dasselbe. In einem Nebensatz aber schreibt sie von der "Verkitschung volkstümlicher Musik". Fakt ist: Volkstümliche Musik (gerne auch als volksdümmliche Musik bezeichnet) kann gar nicht mehr kitschiger werden, denn sie ist die Verkitschung von Volksmusik, jener tiefverwurzelten, traditionsbewussten und -bewahrenden, jenseits einer künstlich gepushten Heimatduselei ansässigen Musikkultur! Einen wirklichen Vorwurf aber muss ich dem Autor des vorgestellten Buches machen, Lois Hechenblaikner. Dem Buch den Titel "Volksmusik" zu geben, wo er doch klar auf "volkstümliche Musik" abzielt, zeugt entweder von Unkenntnis oder geschäftiger Schamlosigkeit, zumindest aber ist es ein Affront.
duanehanson 05.05.2019
2. Authentisch
Aha, wahre Menschen und behutsam porträtiert. Das sehe ich anders, er hat sich zwar Zeit genommen, aber schonungslos dargelegt, wie traurig die Gestalten sind, die er da porträtiert. Der Fotograf hätte mehr Möglichkeiten gehabt, seine Porträtierten nocht so bloßzustellen und zwar einzig und alleine durch die Wahl des Hintergrunds. Er ist bei ihm immer schäbig. Das hinterlässt bei mir nicht den Eindruck, dass er sensibel auf die Leute eingeht, sondern es ihm im Grunde darum geht, zu zeigen, was das für arme Würstchen sind, die er da vor seiner tollen Sinar oder Linhof hat. Also ziemlicher Schmu in meinen Augen. Man stellen sich die Leute nur mal vor einem tollen Bergpanorama vor und schon wirken sie längst nicht mehr so armselig. Verkappten Soziologen sollte man keine Kamera in die Hand drücken, nicht mal eine teure.
apoberzerk 05.05.2019
3.
Ich mag diese Musikrichtung gar nicht. Dabei geht es nicht nur um die Aneinanderreihung von Noten und Auswahl der Instrumentierung, sowie mehr oder weniger seltsamen Gestalten, dieses Genre ist einfach nur verlogen. Trotzdem gibt es Anhänger, die man dann aber auch in Ruhe lassen sollte, wenn sie damit glücklich sind. Hier werden diese Menschen (egal was man von ihnen hält) vorgeführt und ausgelacht. Egal wie und wer komnentiert, fotografiert und studiert. Es steht niemanden zu, sich lustig zu machen. Welches Genre hört der Autor ? Vielleicht finde ich das lächerlich, käme aber nie auf die Idee, das per "Bilderbuch" anzuprangern.
ruhepuls 05.05.2019
4. Dem einen seine Volksmusiker, dem anderen seine "Indianer"
Der Mensch ist eben immer auf der Suche nach der "heilen Welt". Der eine sucht sie in der "guten alten Zeit" und tanzt in Lederhosen und Dirndl zur "Volksmusik". Der andere vermeint die heile Welt bei den Naturvölkern zu finden und tanzt als Indianer verkleidet ums Lagerfeuer. Jedem Tierchen eben sein Pläsierchen...
serenity2012 05.05.2019
5. Seltsam
Ich hasse volkstümliche Musik wie die Pest und kann mit dem ganzen Unsinn von Hansi Hinterseer über den Gabalier bis zur Plastikpuppe Helene Fischer nichts anfangen. Trotzdem ärgert mich dieser hochmütige "von oben herab" Umgang mit den scheinbar armen Würstchen, die sich dafür begeistern. Was soll denn schlecht daran sein, sich für ein Musikgenre (und sei es noch so doof) zu begeistern? Sind diese Leute schlechter als die hunderttausenden hirntoten gleichgeschalteten Raver, die damals auf den jährlichen Love Paraden und ähnlichen Events drogenbeduselt vor sich hinhopsten oder die heutigen "Clubber", die sich jedes Wochenende in "angesagten" coolen Locations die Birne wegdrönen? Sind sie schlechter als die unzähligen "Cosplayer", die sich mit viel Geld und Mühe aufwändige Kostüme ihrer Science Fiction- und Fantasy-Helden nachbasteln um sich dann als Thor, Frodo oder Danaerys auf diversen Cons mit Gleichgesinnten zu treffen? Die Fussballfans, die Woche für Woche in voller Fanmontur ins Stadion traben und hunderte Kilometer zu Auswärtsspielen fahren? Lasst jeden doch einfach nach seiner Fasson selig werden! Mir sind Leute, die sich für ein Hobby begeistern, und kann ich persönlich auch noch so wenig damit anfangen, wesentlich lieber als Dumpfbacken ganz rechts und links, deren Hobbies daraus bestehen, im Internet gegen Ausländer zu hetzen oder den nächsten Twitter-Shitstorm vom Zaun zu brechen, weil irgendwer was gesagt hat, was nicht in die eigene Meinung passt oder weil ein Gendersternchen vergessen wurde.
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