Von der Lippe bei ProSieben Gruppensex und Kreisverkehr

In der neuen ProSieben-Show "Extreme Acitivity" spielen Prominente Kindergeburtstag und müssen pantomimisch Begriffe erklären, um Punkte zu sammeln. Moderator Jürgen von der Lippe schielt auf ein Comeback – und lässt sich gleich in der ersten Folge die Show stehlen.

Von Peer Schader


Jürgen von der Lippe hat sich gut vorbereitet. Er hat sein schönstes Hawaii-Hemd rausgelegt, ein paar alte Witze nachgelesen und sich den Bart schneiden lassen. Jetzt steht er in der neuen Showkulisse, grinst ganz breit und sagt: "Sicher fragen Sie sich: Was macht eigentlich der dicke alte Sack hier?" Allerdings. Und die Antwort hat er auch schon parat: "Ich bin das neue Sandmännchen und bringe die Kinder ins Bett."

Das Publikum johlt. Stürmischer Applaus. In der obersten Reihe stampfen ein paar von der Straße zum Zuschauen wegverpflichtete Teenager mit den Füßen. Von der Lippe schaut zufrieden: Es läuft wie geschmiert. Muss es auch. Der Entertainer wartet schon zu lange auf ein – nun ja: Comeback kann man es eigentlich ja nicht nennen, weil er nie so richtig aus dem Fernsehen verschwunden war und nebenbei mit einem Soloprogramm beharrlich durch deutsche Mehrzweckhallen tourt. Nur fehlt seit einiger Zeit ein richtiger Erfolg.

2001 gab von der Lippe nach sagenhaften zwölf Jahren seine ARD-Show "Geld oder Liebe" auf und wechselte zu Sat.1, um die Kochsendung "Blind Dinner" zu moderieren. Vermutlich war er damit ausnahmsweise mal seiner Zeit voraus. Heute ist das Fernsehen mit Kochshows zugestopft, "Blind Dinner" allerdings floppte ebenso wie der spätere ARD-Neuanfang mit "Lippe blöfft!".

Nun ist der inzwischen 58-Jährige wieder beim Privatfernsehen gelandet, und zwar – ob man's glauben mag oder nicht – bei ProSieben, wo die Berühmtheiten sonst Stefan Raab und Oliver Pocher heißen. Macht nichts, sagt Unterhaltungschef Jobst Benthues, der zwanzig Jahre jünger ist als sein neuer Star: "Man kann auch dadurch überraschen, dass man einen erfahrenen Moderator, der sich am Samstagabend sehr gut auskennt, mit einem jungen Format kombiniert."

Das junge Format läuft morgen zum ersten Mal, heißt "Extreme Activity" und geht so: Zwei Promi-Mannschaften müssen malend, gestikulierend oder erklärend Begriffe umschreiben, die ihre Team-Kollegen erraten sollen. Gruppensex, Brustwarzenpiercing, Nacktschnecke, Kreisverkehr. In Sonderrunden lassen sich die Promis während der Raterei von Tangotänzern über die Bühne wirbeln oder von Muskelmännern das Hemd zerreißen. Komisch, dass niemand Topfschlagen oder Flaschendrehen vorgeschlagen hat.

Zwischendrin macht von der Lippe wie gewohnt anzügliche Bemerkungen ("Hast du schon mal einen Orgasmus vorgetäuscht?") und merkt gar nicht, wie ihm eine der Kandidatinnen im wahrsten Sinne des Wortes die Show stiehlt. Aber was soll man auch machen? Ohne Verona Pooth, die in der Auftaktfolge miträt, ist so eine Sendung nun mal nur halb so spaßig. Und ganz ehrlich: ohne sie wäre "Extreme Acitivity" ziemlich verloren.

"Du kannst wohl nicht saugen"

Wenn Mannschaftskollegin und Ex-No-Angel Sandy Mölling erklärt: "Das miet ich mir, wenn ich in Urlaub fahre", rät Pooth: Reisebüro! Bei der "ersten Frau, die in Deutschland Sexshops eröffnet hat", platzt es aus ihr heraus: Angela Merkel! Und den fast richtig geratenen "Brautmeilfrosch" muss man ihr einfach durchgehen lassen, allein schon der schönen Formulierung wegen. Das alles ist keine Doofheit, sondern gehört zum wohl kalkulierten Image. Und ist meist sogar lustig.

Von der Lippe hat sichtlich Mühe, da mitzuhalten. Er kalauert: "Du kannst wohl nicht saugen", wenn Pooth Probleme hat, Helium aus einem Ballon einzuatmen, weil sie in einer Runde nur mit Fiepsstimme raten darf. Zwischendurch ermahnt er: "Nicht gucken!", wenn sie ihm in die Karten schielen will, lässt sich aber auskontern: "Du weißt doch, Jürgen: Ich kann gar nicht lesen." Und die pubertierenden Teenager im Publikum trampeln nicht mehr, sondern johlen, wenn Pooth das viel zu kurze Röckchen zurechtzuppelt. Herzlich willkommen zur Verona-Pooth-Show.

Dennoch verteilt von der Lippe brav nach jeder Runde Punkte, aber das ist egal, weil es bei "Extreme Activity" bloß darum geht, die Zeit bis zum Schluss möglichst albern zu gestalten. "Bei Gameshows denken viele Zuschauer in Deutschland immer noch ans Punktesammeln für Waschmaschinen", ist Pro-Sieben-Unterhalter Benthues überzeugt. "Bei ProSieben braucht es eher eine augenzwinkernde Herangehensweise an so ein Genre." Das funktioniert eher mittelprächtig.

Aber gut: Wenn die Kollegen bei Sat.1 im Sommer wieder alte "Asterix"-Filme verbraten, macht jetzt eben ProSieben am Samstagabend Unterhaltung für die ganze Familie. Ob das klappt? Keine Ahnung. Auch das "Spiel ohne Grenzen" ist bei der ARD vor Jahrzehnten nicht durch ein besonders ausgeklügeltes Spielprinzip aufgefallen und hatte trotzdem Erfolg. Und wenn heute jemand dem ZDF so etwas Einfaches wie "Wetten, dass…?" anböte, wären die Mainzer wahrscheinlich beleidigt.

Fest steht: Wenn es bei ProSieben nicht klappt, weiß man langsam nicht mehr wohin mit von der Lippe. Es sei denn, jemand nimmt Sonya Kraus die Talkshow-Schnipselsendung "Talk talk talk" weg und benennt sie in "Die lustigsten Anzüglichkeiten der Welt" um. In diesem Fall müsste von der Lippe nicht mal beim Sendeplatz Kompromisse machen: Ab sofort läuft direkt nach "Extreme Activity" eine Spezialausgabe mit den lustigsten Clips aus dem Internet. Die ließe sich sicher auch im Hawaii-Hemd ganz prima moderieren.


"Extreme Activity": 13 Folgen mit Jürgen von der Lippe, immer samstags um 20.15 Uhr bei ProSieben. Erste Folge mit den Kandidaten Verona Pooth, Janine Kunze, Sandy Mölling, Oli P., Wigald Boning und Georg Uecker.



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