#vonhier-Debatte Wohin, nicht woher

Warum werden Menschen mit offensichtlichem Migrationshintergrund ständig gefragt, woher sie kommen? Es könnte sein, dass die Fragenden vor allem auf der Suche nach der eigenen Identität sind.

Historischer Stammbaum im Bayerischen Staatsarchiv
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Historischer Stammbaum im Bayerischen Staatsarchiv

Ein Gastbeitrag von Samira El Ouassil


Zur Autorin
  • Stefan Klüter
    Samira El Ouassil, geboren 1984 in München, ist Schauspielerin und Autorin. 2016 erschien ihr Buch "Die 100 Wichtigsten Dinge"(mit Timon Kaleyta und Martin Schlesinger) im Hatje Cantz Verlag. 2009 war sie Kanzlerkandidatin der PARTEI, die damals allerdings nicht zur Bundestagswahl zugelassen wurde.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein mitteleuropäischer Mann namens Jonas, der bei jeder dritten Taxifahrt, jeder zweiten Zugfahrt und bei jedem Arztbesuch folgenden Dialog bestreiten muss:

"Jonas, toller Name! Klingt so biblisch, sind Sie Katholik?"

"Nein."

"Aber Sie sehen irgendwie katholisch aus, ich kenn mich ein bisschen aus. Ich war mal in einer Kirche."

"Aha, trotzdem nein."

"Ihre Eltern vielleicht? Sie sind doch nie im Leben Atheist!"

"Kennen wir uns?"

"Mich interessiert so etwas, ich bin eben neugierig!"

"Meine Oma..."

"HA, WUSST ICH'S DOCH! Was sagen Sie zu den Missbrauchsvorfällen?"
(
oder wahlweise auch: "Wann waren sie das letzte mal im Vatikan?", "Laufen bei ihnen alle Frauen rum wie Nonnen?" oder "Wie sagt man 'Guten Tag' auf Latein?")

Sie Fuchs haben die Analogie natürlich verstanden. "SO WHAT?", mögen Sie vielleicht nach wie vor denken, "darf man denn als Herkunftsdeutscher keine total lockeren und ungezwungenen Gespräche mehr über Stammbaum, Ahnen, Genpool und Migrationsgeschichten mit einem komplett Unbekannten führen?" Das fragte am vergangenen Dienstag auch "Zeit"-Autorin Mariam Lau auf Twitter. Wo denn eigentlich das Problem sei, wenn man sich bei Menschen nach ihrer Herkunft erkundigt. "SO WHAT", rollte sie dort in Großbuchtstaben mit den Augen, "man nennt es Konversation!", erklärt sie uns mit Ausrufezeichen, um dem eigenen Unverständnis über so viel Überempfindlichkeit und Selbstauskunftsfaulheit Nachdruck zu verleihen.

Wo ist also das Problem, wenn man als nicht archetypisch deutsch Aussehender nach seinen eigentlichen Wurzeln gefragt wird? Nun, wenn es tatsächlich so profan und "SO WHAT?" ist, also ein banaler, gut gemeinter Smalltalk, dann stellt sich mir wiederum die Frage, warum dieses Recht auf diese interrogative Hartnäckigkeit so vehement verteidigt wird. Gehört es nicht zum allgemeinen Anstand und zum grundsätzlich guten Umgang, gerade unter Fremden, nicht beständig nachzubohren, wenn man latent vermittelt bekommt, dass der Verhörte nicht unbedingt über sich selbst als lebendiges Anschauungsobjekt der Vererbungslehre fachsimpeln möchte?

Ähnlich unbedarft bis übergriffig wie bei der Unsitte, einer Schwangeren mit der Frage "Wann ist es so weit? Darf ich mal?" grabschig und ohne die Antwort abwartend die Hand auf den Bauch zu legen, wird auch bei Dunkelhaarigen, Schwarzen, Mandeläugigen ihre bloße Körperlichkeit schon als Einladung zum intimen Gespräch fremdbestimmt. "SO WHAT?", könnte man sich weiterhin wundern, und eine Antwort auf dieses Was-Rätsel könnte lauten: Dadurch, dass durch die Fragerei herrschaftlich eine Andersartigkeit behauptet wird, entsteht eine asymmetrische Gesprächssituation, die den nicht Herkunftsdeutschen dazu zwingt, die Behauptung der Andersartigkeit zu widerlegen oder zu bestätigen.

In beiden Fällen befindet er sich plötzlich in einer aufgezwungenen Auskunftspflicht und einem zu oft erlebten (Ohn)machtsgefälle, denn der Fragende bestimmt, ob und wie über das Aussehen und Sein des Befragten gesprochen wird. Diese informationelle Selbstermächtigung reduziert den Ausgefragten auf einen Agenten seiner Andersartigkeit, die Selbsteinladung zum biografischen Lapdance entwertet seine Souveränität und damit ihn selbst. Die meisten Menschen, die solche beständigen, alltäglichen Gespräche kennen, reagieren darauf je nach Tagesform bestenfalls routiniert belustigt bis routiniert genervt. Dabei ist der "Woher kommst du, ja, nein, ich meine, woher kommst du wirklich"-Tippel-Tango, bei welchem man als Befragter durch einsilbige Antworten manchmal doch noch versucht, irgendwie elegant aus der Sache zu schlenkern und die Diskurshoheit über die Selbstauskunft behalten zu dürfen, stets ermüdend. Am Ende des hüftsteifen verbalen Antanzens siegt dann meistens doch die Hartnäckigkeit des Fragenden, denn man möchte als Deutscher mit Migrationshintergrund ja nicht unintegriert oder - noch viel schlimmer - unhöflich wirken.

Weshalb wollen offenbar viele Deutsche - so zeigen die Reaktionen in sozialen Medien - nicht akzeptieren, dass anders aussehende Deutsche mit Migrationshintergrund derartige zur Gewohnheit gewordene Dialoge als anstrengend empfinden? Ist es die Angst davor, dass vermeintlich (schon wieder) ein semantischer und diskursiver Raum beschnitten wird? Erst nehmen die Schwarzen uns die Schaumküsse weg, dann die Migrationseuropäer die Schnitzel, und jetzt darf man nicht einmal mehr erfahren, weshalb der orientalisch wirkende junge Mann im Bus dunkle Haut hat, obwohl er fließend Deutsch spricht? Hat man als Nicht-Migrant denn nicht das Recht, das ernst gemeinte, gutherzige Interesse an seinen Mitmenschen zu befriedigen, wenn der andersartige Mitbürger durch sein schieres Aussehen so viele Fragen offen lässt?

Warum auf das Recht zu bohren beharrt wird: Die Vereindeutigung der Welt

Im vergangenen Jahr machte der Arabistik-Forscher Thomas Bauer durch seine lesenswerten Gegenwartsanalyse "Die Vereindeutigung der Welt" den Begriff der Ambiguitätsintoleranz populär. Dieser bezeichnet die Unfähigkeit, in einer sich vereinheitlichenden Wirklichkeit, die von gesellschaftlichem Tribalismus und einer Homogenisierung von Kunst und Kultur geprägt ist, möglichst gelassen auf Mehrdeutigkeiten und Widersprüche zu reagieren. In einer Welt, in der Menschen auf Eindeutigkeit hin kultiviert werden, fällt es oftmals schwer, unauflösbare Vagheiten und mehrdeutige Informationen, also Ambiguitäten auszuhalten. Soll heißen: Die Ambivalenz unserer Welt stellt viele Menschen in Deutschland inzwischen vor eine enorme Herausforderung.

In so einer Realität erscheint einem die Germanistik-Professorin mit asiatischer Optik und portugiesischem Namen wie eine renitente Komplettverweigerung der Wirklichkeit und ein schwer aushaltbarer Angriff auf die eigene Wahrnehmungszufriedenheit. Die privaten Befragungen, woher uneindeutige Menschen eigentlich kommen, sind das Bedürfnis, kulturelle Klarheit herzustellen, die durch die bloße Sichtbarkeit und in den Augen des Betrachters nicht geleistet werden kann. Der Versuch, die black boxes aus fremdartigen Haaren, Haut- oder Augenfarben zu öffnen, sind somit Ermächtigungsstrategien - was soll der Neugierige denn auch machen? Sich etwa das Enigma einer Person ohne validierte Herkunft zumuten? Aber es gibt möglicherweise eine weitere Erklärung: Während das Nachfragen hilft, Uneindeutigkeiten zu eliminieren, hilft es vielleicht auch, Ambivalenzen in der eigenen Geschichte aufzulösen. Geht so einfach nur nicht.

Die Sehnsucht nach einer eigenen Geschichte

In ihrem Buch "Strangers in Their Own Land" beschäftigt sich die Soziologin Arlie Russell Hochschild mit dem Problem, warum amerikanische Wähler, die der working class angehörten, sich mit ihrer Stimme für Donald Trump wissentlich gegen ihre eigenen ökonomische Interessen entschieden. In Rahmen ihrer Beobachtungen entwickelte die Wissenschaftlerin den Begriff der deep story, mit welchem sie die untergründige Geschichte beziehungsweise Geschichten erfasste, über welche die kulturelle Identität, fundamentale Werte, kollektive Hoffnungen oder private Ängste einer Gesellschaft und Nation ausgebildet werden. Die deep story ist die soziokulturelle Erzählung eines Landes und meint hierbei nicht die historische Geschichte, sondern das gefühlte Narrativ der Gesellschaft. Russell Hochschild beschreibt sie folgendermaßen: "Es ist eine durch Gefühle erzählte Geschichte, in der Sprache von Symbolen. Es nimmt jedes Urteil raus, jede Faktizität." Nach Russell Hochschild können wir keine gesellschaftspolitische Seite wahrhaftig begreifen, ohne ihre deep stories zu verstehen, die jeder Einzelne hat und die jeden bewegen. Diese Geschichten sind gleichermaßen Motor und Sprit unserer gesellschaftlichen und politischen Handlungen.

Mit seinen Wahlversprechen beantwortete Trump die deep stories der Arbeiterklasse, indem er die nationale Erzählung des amerikanischen Traumes revitalisierte, und seine Anhänger dankten ihm für dieses Auffinden und erneute Ausformulieren der tief verwurzelten Erzählung eines stolzen nationalen Selbstbewusstseins.

In Anlehnung an dieses Konzept stellt sich augenblicklich die Frage, was die deep story der Deutschen sein könnte. Welche große Erzählung treibt sie um und beeinflusst eventuell ihre Zukunftserwartungen? Möglicherweise sind einige Deutsche bei ihrer Ahnenforschung bei Fremden vor allem deshalb so investigativ, weil sie unbewusst und tiefgründiger nach der eigenen Herkunft, nach der eigenen deutschen deep story suchen. Die Ermittlung der Herkunft eines Deutschen mit Migrationshintergrund wird somit zur Kontrastfolie, mit deren Hilfe man ergründen möchte, was nach dem Ende der Leitkulturendebatten überhaupt noch dieses Deutsche sein könnte, in das sich alle integrieren sollen, obwohl keiner so genau weiß, was es ist.

Es ist viel leichter über das Andersartige wahrzunehmen, was zumindest in der eigenen Erzählung eben nicht deutsch ist. Man meint, nachvollziehbarere, eindeutigere Geschichten aus den Gesichtern der Fremden lesen zu können, da jeder ungewöhnliche Phänotyp die Verheißung auf eine Erzählung birgt.

Die meisten Deutschen mit Migrationshintergrund sind den Deutschen ohne Hintergrund sicher gerne behilflich bei der Findung der deutschen deep story - nur nicht auf Kosten ihres eigenen Deutsch-Seins. Während der Fragende durchs Nachhaken definiert, was er als nicht Deutsch wahrnimmt und durch diesen Moment der Abgrenzung vielleicht ein Stück seiner eigenen Identität findet, nimmt er auch gleichzeitig dem Befragten ein Stück von seiner weg. Deutsche der dritten Generation sollten aber nicht der Lackmustest einer deutschen Identität sein müssen, die mit aller kommunikativen Gewalt sichtbar werden will, um sich selbst wahrnehmen zu können.

Das Recht auf Unsichtbarkeit

Wirkliche Integration ist erst dann erreicht, wenn trotz unterschiedlicher Äußerlichkeiten niemand mehr großartig durch Andersartigkeit auffällt. Aber wo bleibt dann der immer so hochgehaltene Pluralismus, die immer sich selbst vergewissernd herausgebrüllte Demokratie- und Freiheitsliebe? Deutsche mit sichtbarem Herkunftshintergrundrauschen sollten dasselbe Recht wie alle anderen auch besitzen, nämlich das auf ein Unbehelligtsein im öffentlichen Raum, gar das Recht auf ungefällige Verweigerung. Eine liberale Gesellschaft zeichnet sich durch wohlwollende Indifferenz, unaufgeregte Eintracht, durch ein unvoreingenommenes öffentliches Leben aus, das Differenzen wahrnimmt, aber sie nicht großartig hinterfragt oder zur Haupterzählung eines Menschen macht.

Betrachten Sie also jeden Menschen, dessen Herkunft ihnen uneindeutig erscheint, als eine Übung in Ambiguitätstoleranz. Vielleicht könnte dies zu einer modernen deep story der Deutschen werden: Eine Öffentlichkeit, in der uninteressant ist, wo man herkommt, sondern viel spannender, wohin man will.



insgesamt 101 Beiträge
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Seite 1
AufJedenFall 03.03.2019
1.
Was heißt denn "ständig" jeder wird von jedem nur einmal gefragt. Und wenn man auf die Frage "Woher kommen Sie?" nicht schnell und kurz antworten kann, dann hat man doch eher selbst Probleme, aber viel Erfolg dabei auch dieses anderen in die Schuhe zu schieben.
ClausB 03.03.2019
2. Neben uns
wohnt ne junge, verheiratete Frau. Während eines zufälligen Gespräches -sie spricht akzentfrei deutsch -- fragte ich sie mal ( wegen ihres "nichtdeutschen" Vor - und Nachnamens ), woher sie oder ihre Familie ursprünglich stammen. Ihre Antwort : Aus Afghanistan. Das war`s. Und so werde ich es auch in Zukunft halten, ohne das Thema zu vertiefen mit Fragen wie : " und warum seit ihr ihr in D, und wie lange usw usf ". Weitere Gedanken wie im Artikel geschildert mache ich mir nicht und werde es auch in Zukunft nicht tun.
hwdtrier 03.03.2019
3. El Quassel
Kennt nicht die europäische kennt nicht die europaeische Art der Kontaktaufnahme. Wir fragen wenn wir jemand Fremden kennenlernen. Egal ob er aus Posemuckel oder Afrika kommt. Das Wissen ueber dieHerkunft laesst uns den Fremden besser kennen.
bart4ever 03.03.2019
4. Pause
Lieber SPIEGEl, wir brauchen nach ca. 40 Leserjahre eine Beziehungspause. Wo findet ihr nur die Autoren, die aus nichts eine Staatsaffäre basteln? Räumt mal eure Kartei mit den 'unterdrückten, meetoos, vonhier, meistens Frauen' auf! Weder intellektuell bereichernd noch als Bericht spannend.
smsderfflinger 03.03.2019
5.
Schon der fiktive Einleitungsdialog ist geuält dahinphantasiert. Nicht jeder dritte, sondern ausnahmslos jeder Taxifahrer wird die Forderung der Autorin erfüllen und sofort nach den "Wohin" fragen. Sitzt unser Jonas im Zug und wird in ein Gespräch verwickelt, ist das schon mal ein Zeichen von Kommunikationswilligkeit, bisher wurde doch den Biodeutschen eher vorgeworfen, sich abzugrenzen. Und bei jedem Arztbesuch? Die anderen Patienten würden sich bedanken, wenn die Arzthelferin am Empfang jeden (!) Patienten mit vermuteten Migrationshintergrund in ein längeres Gespräch verwickeln würde. Die Autorin ist offenbar schon länger nicht in einer Praxis gewesen oder frequentiert lediglich Privatpraxen... Nun zum eigentlichen "Problem" der Autorin: Anstatt das Interesse an der Herkunft seines Gegenübers zu beklagen, sollte Sie froh sein, dass überhaupt ein Interesse zu bestehen scheint. Je freundlicher auf solche furchtbaren Fragen geantwortet wird, desto mehr wird es den Frager für den Befragten einnehmen, er wird vielleicht am Abend seiner Familie berichten, welch angenehmes Gespräch er hatte und so seinen positiven Eindruck weitergeben. So haben beide etwas für eine bessere Integration getan. Also fragt weiter, bleibt höflich und wenn ihr merkt, dass die Fragen nicht auf Resonanz stossen ist das Gespräch ja schnell beendet. Aber lasst euch nicht von Leuten wie der Autorin Vorschriften über politisch korrekte Gesprächsinhalte machen. D
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