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Vuvuzela-Terror Achtung, hier trötet der Teufel

Sind wir böse, weil der Krach die Fanchöre übertönt? Oder weil uns da unterprivilegierte Afrikaner den Spaß verderben? Reinhard Mohr hat sich die Ohren zugehalten, um mal in Ruhe der Frage nachzugehen, warum uns die Vuvuzela so nervt. Sein schrecklicher Verdacht: Sie ist ein Hölleninstrument.

Fußballfans sind in der Regel hartgesottene Zeitgenossen. Ihre geballte Stimmkraft kann gegnerische Abwehrmauern zum Einsturz bringen, und ihr Gehör hielte, wenn es denn sein müsste, den Trompeten von Jericho stand. Die körperliche Ausdauer des Fans ist sprichwörtlich, seine Trinkfestigkeit legendär, und die Leidenschaft, Fahnen zu schwenken, riesige Transparente zu entrollen und stundenlange Kampfgesänge anzustimmen, ist praktisch unbegrenzt.

Plötzlich ist sie aber doch da, die Grenze.

Vuvuzela

Fußballweltmeisterschaft in Südafrika

Selbst jene Fußballverrückten, die ganze S-Bahnzüge in einen einzigen, dumpf vibrierenden Klangkörper verwandeln können, halten es nicht mehr aus: das unentwegte -Getröte bei der .

Fifa

Zu Beginn hat mancher vor dem Fernsehapparat noch an eine Tonstörung geglaubt oder an eine Fehlschaltung zu einem riesigen Kühlhaus. Als klar wurde, dass der bis zu 144 Dezibel laute und so gut wie monotone Dauerkrach aus Tausenden von Plastiktröten im Stadion stammt, war die Ratlosigkeit groß. Was tun? Ton runter oder ganz aus? Selber zur Tröte greifen? Guido Westerwelle anrufen? Schließlich vertritt er deutsche Interessen in aller Welt. Und Dirk Niebel, unser Mann für Afrika! Oder gleich Kaiser Franz bitten, dem Blatter Sepp von der eine SMS zu schicken? Schließlich wäre Afrika-Freund Blatter als einziger in der Lage, ein Vuvuzela-Verbot auszusprechen.

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WM-Hassobjekt Vuvuzela: Das Getröte geht weiter

Foto: ddp

Oder müssen wir einfach ganz tapfer sein und da durch?

Die Schuld liegt unten

Özil, Khedira und Co., unsere famose Multikulti-Truppe, hat am Sonntag gezeigt, wie es geht: den Ball flach halten und dann in die Spitze spielen, bis es bumm-bumm macht. Und es stimmt ja: Je besser das Spiel, desto mehr wird der Trötenterror zur Nebensache.

Doch was ist es eigentlich, was uns da so nervt? Schließlich ertragen wir auch all die trompetenden Straßenmusikanten, das Dauerdefilee der Müllfahrzeuge, Handygeklingel und iTune-Gewummer, Autolärm und krakeelende Sauftouristen in Berlin-Mitte.

Kann es sein, dass der ostinate Vuvuzela-Lärmteppich uns besonders stört, weil das enervierende Dauergeräusch, soziologisch betrachtet, "von unten" kommt? Das jedenfalls würde die Autorin Sieglinde Geisel sagen, die jüngst ein ganzes Buch über den Lärm geschrieben hat: "Nur im Weltall ist es wirklich still."

Aber sind es wirklich die Armen und Unterprivilegierten, die uns den Spaß beim Fußballgucken verderben? Sind es nicht vor allem Geschäftemacher, die ihren Plastikdreck für drei Dollar pro Stück verkaufen - bei Herstellungskosten, die im Centbereich liegen dürften? Die angebliche "Kulturtradition" der Vuvuzela jedenfalls ist gerade mal ein paar Jahre alt.

Das Plastikding aus der Hölle

Zugegeben: Des einen Lärm ist des anderen Musik, und die Empfindlichkeit ist stark subjektiv geprägt und sehr unterschiedlich. So hat Kurt Tucholsky schon 1927 in seinem "Traktat über den Hund, sowie über Lärm und Geräusch" sein ganz persönliches Bild vom Inferno skizziert:

"Was aber ein regelmäßiges, stumpfes, sinnloses und sich stundenlang wiederholendes Geräusch angeht, so müssen die Gehirne wohl verschieden gebaut sein. Ich denke mir die Hölle so, dass ich unter der Aufsicht eines preußischen Landgerichtsdirektors, der nachts von einem Reichswehrhauptmann abgelöst wird, in einem Kessel koche - vor dem sitzt einer und liest mir alte Leitartikel vor. Neben dieser Vorrichtung aber steht ein Hundezwinger, darin stehen, liegen, jaulen, brüllen, bellen und heulen zweiundvierzig Hunde."

Die geballten Proteste und Beschwerden von Millionen WM-Zuschauern rund um den Erdball deuten allerdings darauf hin, dass es bei der WM 2010 in Südafrika eine allgemeine, ja massenhafte Stör-Wahrnehmung gibt, die nichts mit der Überempfindlichkeit eines hysterischen Literatenhirns zu tun hat. Keine Frage, es geht sehr vielen so: Das Störgeräusch macht gleichzeitig aggressiv und depressiv. Es geht buchstäblich "auf die Nerven".

Du sollst nicht lärmen!

Ein Musikpsychologe bestätigte gerade, dass die Vuvuzela gerade keine "good vibrations" verbreite, keine überschießende Spiel- und Lebensfreude, keine Feierlaune. Im Gegenteil: Der überlaute Dauerton überdeckt jene sonst so gern als "typisch afrikanisch" bezeichneten Freudenkundgebungen - alle Arten von Schlachtgesängen und Kampfchorälen. Stattdessen liegt ein unterschiedsloses Dröhnen in der Luft, das auch von einer anonymen Maschine stammen könnte.

Selbst der über 2000 Jahre alte Ratschlag des römischen Philosophen Seneca hilft hier nicht wirklich weiter: "Erst dann bist du ein Mensch, wie er sein soll, wenn du gleichgültig bist gegen jeden Lärm, wenn keine Stimme dich aus der gewohnten Fassung bringt." Das edle Bestreben nach der "Stoa"-Wellness durch angestrengte Selbstkonzentration hat einen kleinen Haken: Es funktioniert nur in Ausnahmefällen.

Womöglich hatte der verstorbene Satiriker und Lyriker Robert Gernhardt Recht. Er gab nichts auf das irdische Gejammer und Getöse und wandte sich gleich an die einzig richtige Adresse - an den Allmächtigen. "Du sollst nicht lärmen!" Dieses Gebot habe Gott schlicht vergessen, und so unterbreitete das kämpferische Mitglied der "Neuen Frankfurter Schule" gleich selbst einen Formulierungsvorschlag für das elfte Gebot: "Ihr sollt keinen Walkman in Zügen benutzen, denn siehe: Der Walkman ist ein Blendwerk des Satans, zu verwirren die Sinne des Menschen."

Jetzt müsste man nur noch hinzufügen: Die Vuvuzela ist es erst recht.