Wahlkampf-Doku "Wählt Jesus!" Uncle Sams Gottesdiener

Obama ist der Auserwählte! Palin verkündet Gottes Wille! Eine neue Dokumentation zeigt, wie der Glaube die US-Präsidentenwahl prägt - ein verstörendes Religions-Roadmovie über Gottes eigenes Land.

Ohne göttlichen Auftrag geht es nicht. Weder auf der rechten noch auf der linken Seite des politischen Spektrums der USA.

Die Baptistenpastorin in Iowa ist sich ganz sicher: Der Demokrat Barack Obama "ist ein Auserwählter, den Gott in unsere Zeit geschickt hat". Die Quäkerin in Florida sieht im republikanischen Politprediger Mike Huckabee den Erlöser: "Nur er wird das Land heilen."

Es ist Januar 2008, Vorwahlkampf in Amerika, noch stehen die Präsidentschaftskandidaten der beiden großen Parteien nicht fest. Der Filmemacher Ilan Ziv ("Sechs Tage Krieg", 2007) hat sich zu einer 6500 Kilometer langen Reise durchs Land aufgemacht, um an der Basis zu erforschen, wie weit der Glaube den Wahlkampf bestimmt.

Ein durchaus persönliches Anliegen, denn vor 30 Jahren verließ der Regisseur seine Heimat Israel, weil ihm dort die Politik zu stark religiös durchwirkt war. Und sind die USA nicht ein Land, in dem Kirche und Staat schon per Verfassung getrennt sind?

Auf seiner Tour kommen Ilan Ziv erhebliche Zweifel am USA-Ideal. Der Dokumentarfilmer ist kein Polemiker vom Schlage Michael Moores, sondern ein freundlicher, ruhiger Mann, der aufgeschlossen auch auf Menschen zugeht, deren Weltbild ihm suspekt erscheinen muss. Zum Beispiel auf eine Vertreterin der Evangelikalen in Kentucky, die als Pro-Life-Kämpferin eine radikale Rechnung aufstellt: "5000 Kinder werden hierzulande wöchentlich abgetrieben. Das ist ein 11. September pro Woche." So klingt sie, die religiös aufgeladene Rhetorik, durch die Pro-Choice-Vertreter kurzerhand zur nationalen Bedrohung stilisiert werden.

Pflege der christlichen Fundamentalisten

Die "Jesus Politics" (englischer Originaltitel der Doku) entscheiden darüber mit, wer der nächste US-Präsident wird. Und wenngleich die Aufnahmen zu dem 80-Minüter schon ein paar Monate alt sind, reflektieren sie doch eindrücklich und erhellend die Stimmung am Vorabend zur US-Präsidentenwahl.

Dass sich zum Beispiel der republikanische Kandidat John McCain ausgerechnet die Provinzpolitikerin Sarah Palin als Vize-Anwärterin zur Seite gestellt hat, erscheint im Kontext der Dokumentation nur schlüssig. Vermag die Abtreibungsgegnerin, die schon mal verkündete, eine neue Pipeline durch Alaska sei Gottes Wille, doch jene Stimmen zu binden, die McCain selbst mit seinem eher erratischen Kurs zu Familienplanungsfragen verschreckt hat. Zu durchsichtig erscheint die Strategie des Konservativen, sich kurz vor der Wahl als Pro-Life-Vertreter zu inszenieren – nachdem er sich noch 2001 in einem Fernsehinterview vehement für das Recht auf Abtreibung ausgesprochen hatte.

Doch in den USA braucht nun mal jeder Kandidat den Zuspruch religiöser Gruppen. Und die Pflege der christlichen Fundamentalisten ist längst nicht mehr das Exklusivrecht der Republikaner – wenn es das überhaupt je war.

55 Millionen Amerikaner glauben an Endzeitprophezeihungen

Welch Ironie: Ausgerechnet ein Demokrat brachte in den siebziger Jahren die Religion in die US-Politik zurück, wie Regisseur Ziv in einem kleinen Exkurs nachzeichnet.

Noch John F. Kennedy versuchte, die Gretchenfrage nach der Religion auszuklammern. Vor seiner Wahl zum Präsidenten bat er die Bürger offensiv um Nachsicht dafür, dass er Katholik war, was in der damaligen Zeit ein echter Malus war: "Blenden Sie bitte meine religiösen Überzeugungen aus, wenn Sie in die Wahlkabine gehen!" Er wurde der erste und bisher einzige Katholik im höchsten Staatsamt.

Als 15 Jahre später durch den Watergate-Skandal das Lügensystem um Richard Nixon aufgeflogen war, stand jedoch auf einmal der wiedergeborene Christ Jimmy Carter mit seiner religiösen Überzeugung für eine moralische Wende. Frömmigkeit gilt vielen Wählern seither als Synonym für Unkorrumpierbarkeit.

Wenn der Glaube das Denken diktiert, muss jedoch irgendwann jeder anständige politische Diskurs auf der Strecke bleiben. So lässt einen "Wählt Jesus!", dieses Religions-Roadmovie durch Gottes eigenes Land, drei Wochen vor der US-Präsidentenwahl stark verstört zurück.

Besonders eine Zahl macht dem Zuschauer dieser unaufgeregten und doch alarmierenden Studie zu schaffen: 55 Millionen Amerikaner glauben an Endzeitprophezeihungen.

Wie macht man eine Politik im Diesseits für Menschen, deren gesamtes Streben auf das Jenseits zielt?


"Wählt Jesus!", 21.00 Uhr, Arte. Im Anschluss folgt eine Diskussionsrunde zum Thema

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