Waldschlösschenbrücke Dresden baut und baut und baut

Der Welterbe-Titel ist futsch - darin sind sich die Dresdner Stadtoberen einig. Und in noch einem Punkt stimmen sie überein: Die Waldschlösschenbrücke wird gebaut - selbst wenn die sächsische Hauptstadt dasselbe Schicksal ereilen sollte wie das Sultanat Oman.


Dresden/Hamburg - "Ich bin erschüttert" - so kommentierte die künftige Dresdner Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) den Beschluss der Unesco zur Waldschlösschenbrücke. Die Entscheidung sei "vollkommen unverständlich und ungerechtfertigt". Faktisch bedeute sie eine Aberkennung des Welterbe-Titels.

Die Unesco hatte zuvor im kanadischen Québec entschieden, dass Dresden den Weltkulturerbe-Titel für das Elbtal behalten darf - aber nur vorerst für ein Jahr. Denn die Stadt bleibt auf der Roten Liste der gefährdeten Kulturlandschaften. Nach dem Willen der Unesco können nur ein Baustopp und der Rückbau der Waldschlösschenbrücke den Erhalt des Titels bewirken.

Die geplante vierspurige Brücke über die Elbe, deren Bau im vergangenem November begonnen hat, verschandelt nach Ansicht der Unesco den einzigartigen Blick auf die barocke Altstadt mit der Frauenkirche, der Semperoper und der prachtvollen Uferpromenade. Die Stadt steht deswegen schon seit 2006 auf der Roten Liste. Gegen den Bau eines Tunnels hat das Gremium dagegen keine Bedenken.

So ein Tunnel hat allerdings nach derzeitigem Stand wenig Chancen. Denn trotz ihrer Bestürzung machte die künftige Dresdner Oberbürgermeisterin klar, dass die Brücke weitergebaut wird: "Es gibt keine andere Alternative, niemand wird glauben, dass wir eine halbfertige Brücke zurückbauen", sagte Orosz.

Auch der noch amtierende Oberbürgermeister Lutz Vogel (parteilos) sieht kaum Chancen für den Erhalt des Welterbetitels. Zwar respektiere er die Entscheidung der Unesco, doch müsse diese sich "auch die Frage gefallen lassen, warum sie keinen realistischen Weg für Dresden aufgezeigt hat", sagte Vogel. Was bleibe, sei eine "weitere Hängepartie für ein Jahr".

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht in eben dieser Galgenfrist jedoch eine Chance. "Damit ist Zeit gewonnen", sagte der stellvertretende Regierungssprecher Thomas Steg. Nun könne man ein Jahr lang noch einmal sehr intensiv die unterschiedlichen Belange prüfen. Es handele sich nicht um eine Denkpause, sondern um eine "Pause zum Denken". Falls gewünscht, werde sich die Bundesregierung einer Lösung bei der Konsenssuche nicht verweigern, betonte Steg.

Auch der Deutsche Kulturrat begrüßte die Entscheidung. Der Spitzenverband der Bundeskulturverbände sprach von einer allerletzten Chance. Zugleich rief er die Verantwortlichen dazu auf, das Warnsignal ernst zu nehmen und endlich mit der Unesco über tragfähige Alternativen zu sprechen.

"Die Streichung des Welterbetitels wäre nicht nur für die Stadt, sondern auch für das ganze Land eine große, schwer hinnehmbare Blamage", erklärte Geschäftsführer Olaf Zimmermann.

Unrecht hat er damit nicht: Dresden wäre erst die zweite Stätte weltweit, die aus der Liste gestrichen würde. Erstmals hatte die Unesco im Jahr 2007 einem Naturschutzgebiet den Titel wieder aberkannt - im arabischen Oman.

tdo/AP/AFP/ddp

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